von Sulgi Lie
Die Unmöglichkeit des Filmemachens ist die Möglichkeit des Filmemachens: „Ich kann gerade keine Filme machen. Also filme ich mich selbst.“ Laut Kim Ki-Duk ist sein neuer Film „Arirang“ Film und Anti-Film zugleich; ein Film, der nicht nur von dem Scheitern erzählt, Filme zu machen, sondern dieses Scheitern selber zum Film werden lässt. Kim Ki-Duk filmt sich in „Arirang“ selbst als gescheiterter Regisseur mit kreativer Blockade.

© Rapid Eye Movies HE GmbH
Nachdem bei den Dreharbeiten zu seinem letzten Film „Dream“ (2008) eine Schauspielerin beinahe tödlich verunglückt wäre, fällt Kim in eine depressive Krise, die sich zugleich zu einer künstlerischen Krise ausweitet. Aus dem einstigen Vielfilmer mit einem Output von mindestens einem Film pro Jahr wird ein paralysierter Einsiedler, der sich alleine in die koreanische Provinz zurückgezogen hat, um in einer kargen Hütte der (Film-)Welt den Rücken zu kehren. Eine Welt, von der er sich verraten fühlt, weil einige seiner früheren Weggefährten und Mitarbeiter mit seinen Stoffen und Ideen Karriere gemacht haben und ihn ins kommerzielle Abseits befördert haben. So zumindest lautet Kims Selbsterzählung seines totalen Niedergangs: traumatisiert, von Freunden betrogen und von der korrupten koreanischen Filmindustrie allein gelassen. Nun sind aber auch berechtigte Zweifel an dieser Selbststilisierung Kims als reines Opfer angebracht, zumal er nach seinem Erfolgsfilm „Bin-Jip“ (2004) keinen interessanten Film mehr gemacht hat (von dem Plastic Surgery-Horrorfilm „Time“ vielleicht mal abgesehen): Es sind allesamt Filme, deren konfektionierter asiatischer Spiritualismus ganz unverhohlen auf die exotistischen Bedürfnisse eines globalisierten Arthouse-Publikums zugeschnitten sind. Kim Ki-Duks Scheitern ist somit auch das ästhetische Scheitern eines Regisseurs, der es sich im Zuge seiner Festivalerfolge in der Nische schaler asiatischer Filmexotik- und –esoterik vielleicht ein wenig zu bequem gemacht hat.
Das „Arirang“ nun doch mehr als larmoyantes Dokument eines gekränkten Autoren-Ego geworden ist und tatsächlich so etwas wie einen Neuanfang in Kim Ki-Duks Ouevre signalisiert, liegt an der konsequenten Fiktionalisierung seiner eigenen quasi-dokumentarischen Person. Der Kim Ki-Duk, den Kim Ki-Duk inszeniert, ist zugleich er selbst und ein anderer. Man könnte auch sagen: „Arirang“ ist ein Film über die zwei Körper des Kim Ki-Duk. Denn einerseits ist der Film eine reine Ich-Dokumentation vor und hinter der Kamera, die ohne Low Budget-Digitaltechnologie nicht möglich gewesen wäre: Um sich ohne die Hilfe eines Filmteams alleine selbst zu filmen, hat Kim überall in und um seine Hütte herum kleine Digitalkameras platziert, um aus dieser rudimentären Multiperspektive heraus dann den fertigen Film zu montieren.
Was wir zu sehen bekommen, ist die One Man Show von fast schon masochistisch anmutenden Alltagsprozeduren: Kim, der in der Hütte in einem Zelt schläft; Kim beim Essen von Fertignudeln, Kim beim Holzhacken, Kim bei der Notdurft draußen im Schnee, Kim beim Soju-Trinken, Kim beim Betrachten seiner alten Filme auf dem Computer. Die Spuren der Verwahrlosung sind ihm deutlich anzusehen, statt der einst kurzgeschorenen Haare trägt er nun eine ungepflegte Mähne.
Wem nun sein ganzes Leid klagen, wenn es außer Kim niemand anderen gibt? Die Antwort ist klar: Therapieren kann ihn nur das Kino, das zugleich der Grund seiner Krankheit ist. Leiden durch Kino, Heilen durch Kino: als imaginärer Dialog zwischen dem Filmemacher Kim Ki-Duk und dem „Menschen“ Kim Ki-Duk spaltet sich das Ego in Alter und Ego, die sich in einer unmöglichen Schuss/Gegenschuss-Montage konfrontiert sehen. Die Kamera wird zur ambivalenten Spiegelfläche von exzessiver Selbstliebe und exzessivem Selbsthass. Diese Tirade aus Wut und Tränen kommt zu einem affektiven Höhepunkt, als Kim bei der Betrachtung seines eigenen Films „Frühling, Sommer, Herbst und Winter… und Frühling“ (2003) (mit ihm selbst in der Hauptrolle) hemmungslos zu weinen beginnt. Was als unerträglicher Gipfel von Kims Egofixierung anmuten mag, wird indes im selben Momenten durch eine raffinierte fiktionale Spirale gedreht: Denn ist nicht die asketische auf einer Hütte lebende „Realperson“ Kim Ki-Duk der Wiedergänger des fiktionalen Kim Ki-Duk, der als Mönch in dem früheren Film die Erleuchtung in der Einsamkeit der Berge sucht? Und die Wunden, die der Mönch an den Füßen trägt, zeigen sich auch an „wirklichen“ Füßen des Regisseurs.
Spätestens in dieser Szene sind die Konfusionen zwischen Leben und Kino kaum noch zu entwirren: Das Kino imitiert das Leben, welches das Kino imitiert. „Arirang“ ist die Selbstdokumentation eines Regisseurs, der sich mittels seiner eigenen filmischen Fiktionen selbst fiktionalisiert. Die echten Tränen des Kim Ki-Duk sind nur dank der Fiktion real.
Durch diese radikale Ununterscheidbarkeit eines fiktionalisierten Realen verwandelt sich „Arirang“ von der vermeintlichen solipsistischen Selbstbespiegelung zu einer Parabel des doppelten Körpers. Kim Ki-Duks Kino war immer dann am stärksten, wenn es wie in „The Isle“ oder in „Address Unknown“ die kreatürliche Konkretion des Körperlichen zum Ausdruck brachte. In „Arirang“ wird nun der Körper des Regisseurs selbst zum expressiven Träger einer Passion, an der sich nicht zuletzt der leidende Körper einer ganzen Nation fiktional bezeugen soll. Denn „Arirang“ ist nämlich auch der Titel des beliebtesten Volksliedes Koreas, das den Schmerz und die Tränen der koreanischen Nation als leidvollen Marsch durch den „Arirang“-Pass symbolisiert. Kim Ki-Duk therapiert mittels des Kinos sich selbst als Verkörperung der koreanischen Nation. Gerade in dieser verzweifelten fiktionalen Megalomanie liegt die Größe von „Arirang“.
Über den Autor:
Sulgi Lie ist Filmwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.
Zum Film:
Südkorea 2011, 100 Min.
FSK ab 12, von und mit Kim Ki-duk
Kinostart am 26.01.2012


