Bikulturelle Beziehung: Zwei Menschen – Drei Kulturen

Von H. Siemens

Ich bin Koreanerin der 2. Generation. Obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin, fühle ich mich, wie wohl so viele dieser Generation in deutscher Umgebung mehr als Koreanerin als in koreanischer Umgebung. Selbst in Gegenwart von Johannes, meinem Mann aus Deutschland kommen meine koreanischen Eigenschaften immer wieder zum Vorschein. So trifft eine abgewandelte koreanische auf die deutsche Kultur und vereinen sich auf einer dritten Ebene. Am besten lässt sich dies an Samuel erkennen – unsere sichtbar gewordene Brücke zwischen Deutschland und Korea.

Wenn es nach mir gehen würde, müsste Samuel in vielen verschiedenen Babykursen maximal frühkindlich gefördert werden, in einem Elite-Kindergarten geschickt werden, die Top-Schule müsste jetzt schon ausgesucht und die Anmeldung dafür jetzt schon längst laufen. Neben Deutsch und Koreanisch wäre es dann natürlich schön, wenn er jetzt schon zumindest mit Englisch konfrontiert werden würde. Das ist jetzt natürlich übertrieben, aber es soll einfach verdeutlichen, welche Bedeutung Bildung für die Koreaner hat und wie dies noch über 8500 km entfernt vom Ursprungsland auf mich abgefärbt hat. Zum Glück habe ich Johannes, der lässiger ist und obwohl es in Deutschland seit Pisa u.a. auch mit der frühkindlichen Förderung boomt, bieten die Babystundenpläne nach unserer Erfahrung mit anderen Eltern bisher noch genug Freiraum und man muss noch nicht von einem „Work-Life-Balance“ der Kleinsten sprechen. Wir haben also einen Mittelweg für uns gefunden. So ist nur Babyschwimmen und eine Baby Spielgruppe angesagt, der Kinderladen soll bei uns im Kiez sein, damit es keine weiten Wege gibt und was die Schule angeht, da haben wir noch ein wenig Zeit. Tja, und sprachlich? Ich bin froh, dass meine Eltern den koreanischsprachigen Part übernehmen und Johannes und ich Deutsch mit unserem Sohn sprechen. Es wäre doch ganz schön anstrengend für mich gewesen, konsequent koreanisch zu sprechen. Lieber spreche ich viel und gut Deutsch als holperig und wenig koreanisch. Und so lacht Samuel mich so schön oft an, wenn ich mit ihm spreche.

Aber nicht alles ist ein Kompromiss. Wo ich beispielsweise dickköpfig bin ist die Nennung von Mutter und Vater. Wenn es nach Johannes gehen würde, so dürfte unser Sohn uns bei unserem Namen nennen, aber das geht für mich auf keinen Fall und so muss er “Mama” und “Papa” oder “Omma” und “Abba” sagen. Ein wenig Konfuzianismus darf schon sein. Die deutschen Verwandten werden bei der deutschen Bezeichnung und die koreanischen Verwandten bei der koreanischen Bezeichnung benannt. So ist der Vater von Johannes der “Opa”, meine Eltern sind für Samuel “Halmoni und Haraboji”, wobei sich Johannes lustig darüber macht, wie ein kleines Baby denn so ein schwieriges Wort wie “Haraboji” sprechen soll und singt dem Kleinen als Hilfe (oder Verwirrung?) das Harekrishna Lied so vor: “Ha ra, ha ra, ha ra, ha ra, Haraboji”.

Auch was das koreanische Essen angeht ist eines klar: mein Partner muss es auch lieben. Das tut er auch und was Samuel angeht, dem wird es Dank der Muttermilch schon in die Wiege gelegt. Johannes kann sogar Kimchi machen und will demnächst auf dem Balkon koreanische Sesamblätter pflanzen. Nur einen gesonderten Kimchi-Kühlschrank hätte er trotzdem gerne, so wie er es in Korea mal gesehen hat. Manchmal denke ich, er ist schon koreanischer als ich. Er kennt zudem die koreanische Geschichte und Literatur besser als ich und wenn uns Nichtkoreaner über Nord- und Südkorea ausfragen, ist er doch tatsächlich der bessere Diskussionspartner.

Wir wünschen uns, dass Samuel eine gute Diskusionskultur von uns mitbekommt und nicht die reine koreanische Mentalität mit ihren konfuzianischen Wertvorstellungen, was das Verhalten der Kinder zu den Eltern angeht. Das wird sicher in einigen Jahren noch sehr interessant werden, wenn Samuel dann anfängt mit meinen Eltern zu diskutieren, die trotz ihrer eigenen Kinder keine wirkliche Diskussionskultur aufgebaut haben.

Auch sind wir schon sehr gespannt darauf, wie die Beziehung von Samuel zu meinem Vater wird, denn koreanische Väter sind ja eher emotional distanziert. Doch immer wenn wir bei meinen Eltern sind, dann bröckelt diese Distanz und mein Vater kann sogar betroffen sein, wenn Samuel bei ihm fremdelt und lieber zu Halmoni möchte.

Wir hoffen, dass wir Samuel unsere beiden Kulturen mit auf dem Weg geben können und er daraus seine eigene dritte Kultur mit einem guten Mix aus denen seiner Eltern aufbauen kann.

Über die Autorin:

H. Siemens ist in Berlin geboren und sammelt koreanisches oder bilinguales Material für Babys/Kinder (z.B. Kindermusik, Kinderbücher u.ä.). In ihrem Umfeld gibt es viele binationale Ehen mit Kindern und daher ist die  Suche und Sammlung auch auf andere Kulturen erweitert. Falls ihr Material habt, dann könnt ihr sie unter teegeebee777@web.de kontaktieren.

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