Zur Entstehung des Dokumentarfilms “Wellness & Resistance – move on up Forum 2008″

Von Toan Quoc Nguyen

“So hush now child and don’t you cry
Your folks might understand you by and by
Move on up and keep on wishing
Remember your dreams are your only schemes
So keep on pushing
Take nothing less – not even second best
And do not obey – you must have your say
You can past the test”
(Auszug aus dem Song “move on up” von Curtis Mayfield)

Move on up Forum- Empowerment Visionen in Bewegung 2008

Im Herbst 2008 fand in Berlin das Empowerment[1] Forum “move on up- gesellschaftspolitische Empowerment Perspektiven in Bewegung” statt. Bewusst fiel dabei die Entscheidung vom Organisationsteam des Forums, dem ich auch mit angehört habe, den bekannten Song “move on up” als leitend und begleitend für das Forum zu nehmen. Die Aufforderung des Song-Titels anzunehmen, bedeutete mehr Menschen zusammen in Bewegung zu bringen, um Empowerment Perspektiven von Migrant_innen, Schwarzen Menschen und People of Color[2] (PoC) in Deutschland zunehmend sichtbar zu machen. Oder anders ausgedrückt: Empowerment gegen Rassismus und Diskriminierung aus dem backstage auf die gesellschaftliche Bühne zu befördern.

Dabei steht der Song für mich und für andere als eine exemplarische Quelle der Inspiration für (politischen) Widerstand, zumal dieser Song des Soulsängers Curtis Mayfield eng verlinkt ist mit der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung der 60er/ 70 Jahre in den USA. Ich teile die Ansicht mit vielen weiteren Menschen, dass es viele solcher Quellen der Inspiration gibt, gegeben hat und auch weiterhin geben wird. Damit diese Quellen eine Verbreitung finden, gilt es sie ausfindig zu machen, sie wahrzunehmen und vor allem Dingen sie zu teilen[3]. Und hier finde ich es wichtig, wie es eine Teilnehmerin des Forums schön und treffend formuliert hat, auch auf PoC Autobahnen (wie sie z.B. im Rahmen des Forums vorhanden sind) zu fahren um gemeinsam wohin zu gelangen:

“Move on up towards your destination
Though you may find from time to time
Complications
(weiterer Auszug aus dem Song “move on up” von Curtis Mayfield)

Unverzichtbarer Ausgangpunkt der Bewegungen sind wie es bereits unser gewählter Titel des Forums zum  Ausdruck bringen möchte eigene Visionen und Utopien für eine Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse zu ent-wickeln, zu bewahren  und an-zu gehen- “wishful thinking” (Alexis Pauline Gumbs) als geteilte und hochgehaltene Devise zu leben. Und wie Curtis dazu passenderweise einstimmen mag, trotz aller möglicher anzutreffender “complications[4]”  die “destination” ( das Reise Ziel und die Bestimmung) weiter-hin anzusteuern.

Dokumentarfilm “Wellness & Resistance”

In dem über das Forum entstandene und von mir mit erstellten 55minütigen Film “Wellness & Resistance” ging es mir zunächst darum darzustellen, was die Organisator_innen und Teilnehmer_innen des viertägigen und mehrgenerationalen Forums unter Empowerment verstehen sowie welche Perspektiven sie auf Geschichte, Widerstand und Utopien werfen. Beim Anschauen und Schnitt des Filmmaterials haben mich einerseits die sehr positiven Vibes des Forums sehr beeinflusst. Andererseits kristallisierte sich im Feinschnitt die tragende Linie des Filmes heraus: Widerstand und Wohlbefinden bzw. wellness & resistance. Für letzteres hat mir das von einer Teilnehmerin während des Forums wiedergegebene Zitat von bell hooks “wellness as an act of (political) resistance”[5] den entscheidenden Impuls gegeben.
Übersetzt und leicht adaptiert ist mit dem Zitat gemeint, dass es in einer von vielfältigen Unterdrückungs- und Herrschaftsstrukturen (wie z.B. Rassismus, Sexismus, Kapitalismus) geprägten Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit für die Nicht-Privilegierten darstellt, sich wohl zu fühlen. Wellness kann so als eine bewusste Strategie des (politischen) Widerstands betrachtet und gelebt werden. Es macht daher viel Sinn für Migrant_innen, Schwarze Menschen und PoCs beides zusammen zu denken um zu einer Veränderung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse beizutragen.
Für mich als männliche asian-(ge)rootet(e) Person, der biographisch klar Bruce Lee verbunden ist, hat in diesem Zusammenhang von wellness & resistance ein weiteres Interview-Statement von einer anderen Teilnehmerin einiges hervorgerufen und sehr Gutes ausgelöst. Sie spricht davon in der Suchbewegung für Formen von weichem und geschmeidigen Widerstand zu sein. Mir kamen da unmittelbar Assoziationen zum Philosophen und Martial Artist Bruce Lee hervor, der rät: “be like water, my friend”, was mich letztlich im Nachhinein “from Kungfu to Hiphop[6]” über Tao(ismus) auf den wohltuenden Pfad von Viet Tai Chi geführt hat. In einer intensiven literarischen und praktischen Beschäftigung entdecke ich mittlerweile zunehmend das (politische) Potential des Tai Chi Ansatzes für eine dekolonisierende und befreiende Bewegungslehre.

Und mit diesem eigenen Beispiel möchte ich genau das herausstellen, worum es mir in der Mitorganisation des Forums und der Erstellung des Filmes ging: Interessierte zu dem Thema Migration, Diskriminierung, Rassismus, Kolonialismus und Empowerment  gute, interessante und anregende Impulse zu geben für die eigene Beschäftigung, wo und wie auch immer Mensch gerade selbstgewählt/ nicht selbstgewählt steht.
Angesichts eines aufwendigeren und aufgrund meiner verschiedenen Rollen keinesfalls einfachen, aber doch sehr weiterbringenden Schnittprozess freute es mich daher besonders z.B. im Rahmen der Premiere im Kino Moviemiento im April 2010 von verschiedenen beim Forum dagewesenen und nicht-dagewesenen Menschen zu hören, dass sie für sich Schönes, Anregendes, Wichtiges und Weiteres im Film für sich entdecken bzw. (wieder)sehen konnten. Das ist seeehr cool.
Um mit Curtis Mayfield Musik nicht nur anzufangen, oder fortzusetzen, sondern auch diesen Artikel zu schließen:

“keep on wishing” und “keep on pushing” und “move on up”

Kontakt:

Autor Toan Quoc Nguyen

Kontakt
www.moveonup-empowerment.de (bald online)
t.nguyen at bildungswerkstatt-migration.de

Über mich:

Bin 78er Jahrgang mit (diplom-) pädagogischer Ausbildung und vietnamesischer Diaspora Verortung, schreibe aktuell an einem Dissertations-Buch über Schule-Migration-Rassismus, gebe Inputs und Seminare in bildungspolitischen Kontexten, bewege mich vermehrt Viet Tai Chi und Empowerment- bezogen und werde gerne begleitet von gutem Soul-Food, wie Musik, Filme(n), Büchern und schönen Begegnungen.


[1] Empowerment ist für mich ein emanzipatorischer und befreiender Prozess, der zunächst bei einem selbst anzusetzen hat und bei gleichem oder ähnlichem Ausgangspunkt mit anderen Menschen oder Gruppen geteilt werden kann. Historisch und politisch hat sich der Empowerment Ansatz als ein bedeutendes Leitkonzept für gesellschaftlich unterdrückte und benachteiligte Gruppen (z.B. im Rahmen von Bürgerrechts-, Frauen und Selbsthilfebewegungen) etabliert. Blickpunkt ist dabei die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit oder der Umverteilung von politischer Macht.

[2] Der Begriff “of Color” markiert eine soziale Position für Menschen, die Rassismuserfahrungen machen. Er bezieht sich nicht auf die Hautfarbe. Ich halte den Begriff insofern für sinnvoll, da er einerseits eine bewusste und selbstgewählte Selbstbezeichnung darstellen kann. Andererseits löst er und grenzt sich von unpräzisen und teils negativ besetzten Begriffen der Mehrheitsgesellschaft ab (wie z.B. “die Ausländer”). Insbesondere die damit intendierte aktive Bündnispolitik von Menschen und Gruppen, die von Rassismus betroffen sind, stellt für mich eine wichtige politische Weichenstellung dar.

[3]Zum Thema Teilen finde ich aktuell Victor L. Wootens ausgebreitetes Verständnis in seinem Buch “Music Lesson” sehr anregend: “Teilen zu können ist eine der wichtigsten Vorraussetzungen für persönliches Wachstum”

[4] Natürlich gab es in der Vorbereitung und Realisierung des Forum auch so einige complications, die sich in verschiedener und sehr herausfordernder Form gezeigt haben… In meinen Augen hatte das u.a. viel mit ehrenamtlichen Engagement und Strukturen zu tun, und damit verbunden effektiv mit vielen nicht-bewilligten Anträgen für das Forum. Dies hat wiederum eine weiterhin fehlende inhaltliche und politische Sensibilität für die Selbstorganisation von Rassismus Betroffenen aufgezeigt. Letztlich ein Grund mehr Empowerment voranzubringen.

[5] Das Zitat ist aus bell hooks Buch: Sisters of the Yam: black women and self-recovery (1993, S.14)

[6] From Kungfu to Hiphop -Globalization, Revolution and Popular Culture von M.T. Kato (2007). Im Kontext von meinem wellness & resistance Entwicklungen waren in letzter Zeit weiterhin auch der Film “Freestyle: the art of rhyme” (2000) von Kevin Fitzgerald als auch viele Songs sehr bedeutend, u.a. Speech Debelle “finish this album”, Blue Scholars “talk story”, Lord Jamar feat. Queen Tahera Earth, Saadat X “study your lesson”. Danke für die Links an Christiane, Seb, Kwesi!

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