Berlin liegt zwischen Chile und Korea

Von Se-Rok Cohen-Park

Simón und Se-Rok Cohen Park

Wir sitzen gemeinsam am Küchentisch. Drei Generationen, vier Sprachen. Ich spreche koreanisch mit meiner Mutter, die gerade aus Korea zu Besuch bei uns ist. Mit ihrem Schwiegersohn verständigt sie sich auf Deutsch. Seit einem Jahr lebt er in Berlin und hat seitdem ziemlich fleißig deutsch gelernt. Er wiederum spricht in seiner Muttersprache Spanisch mit unserem kleinen Sohn und ab und zu, wenn er meine Mutter nicht versteht, übersetze ich für ihn etwas ins Englische. Unser normaler Alltag klingt jetzt beim Aufschreiben ein wenig kompliziert.

Eine kurze Aufklärung: Ich bin Koreanerin der 2. Generation, habe Eltern, die vor fast 10 Jahren nach Korea zurückgegangen sind und bin seit letztem Jahr mit einem jüdischen Chilenen verheiratet. Als ich meinen Mann kennenlernte – er war damals für kurze Zeit beruflich in Berlin tätig -, sprachen wir englisch miteinander. Später verbrachte ich fast ein Jahr mit ihm in Südamerika, wo ich mir einfaches Spanisch aneignete. Während meiner Schwangerschaft beschlossen wir, das Kind in Berlin zu bekommen. Jetzt leben wir gemeinsam seit einem Jahr in Berlin-Kreuzberg und arbeiten vor allem auf Englisch an eigenen Tanz- bzw. Theaterprojekten, zur Zeit gemeinsam mit der Tanzfabrik Berlin.

Als ich meine Mutter aus Chile anrief, um ihr zu sagen, dass ich von dem chilenischen Regisseur und Tanzdozenten, der mich nach Chile eingeladen

Se-Rok Cohen-Park / Elias Cohen-Park

hatte, um ein Projekt zu machen, schwanger war, war sie natürlich sehr besorgt. Sie hatte ihn zuvor noch nie gesehen. Korea und Chile liegen über 30 Flugstunden voneinander entfernt. Ich musste ihr erklären, dass er ein Universitätsdozent ist und aus gutem Hause kommt. Die Tatsache, dass es schon „zu spät“ war, dagegen zu sein, machte auf eine seltsame Weise viele Dinge einfacher. Das Kind war schon unterwegs und ich war auch keine 18 mehr. Die größte Sorge war, wie und wann zu heiraten, bevor das Kind auf der Welt war. Aus Timinggründen heirateten wir dann doch erst, als Simón 2 Monate alt war, auf deutsch, spanisch und koreanisch in koreanischen Hanboks, in denen mein Mann wie ein Halbkoreaner aussah. Mit seinem biblischen Namen Elías hatte er sich schon vorher in die koreanischen Ajummaherzen eingeschmeichelt, und beim Tanz zu der Hochzeits-Pungmul Musik, war er dann ein „akzeptierter Teil“ der koreanischen Community. Meine Eltern trafen meinen Mann kurz bevor das Baby auf die Welt kam, was wohl ein ziemlicher Reality Check war. Wir wohnten die erste Woche gleich zusammen, und weil sich Elías sofort in die koreanische Verhaltensweisen eintunen konnte, war meine Mutter so von ihrem zukünftigem Schwiegersohn begeistert, dass wir innerhalb von einigen Wochen zu einer Familie wurden.

Ich kann nicht genau sagen, ob die südamerikanische und koreanische Mentalität so viele Gemeinsamkeiten hat, oder ob es unsere gemeinsamen Erfahrungen sind (mein Mann und ich haben beide viel im Ausland studiert und gelebt), die dazu führten, dass wir nie starke kulturelle Unterschiede zwischen uns spürten. Sicherlich schweißt uns auch die berufliche Ausrichtung zusammen. Schließlich lernten wir uns dadurch kennen. Dennoch war von Anfang an viel Verständnis und Respekt grundlegend in unserer Beziehung. Es scheint in jeder Kultur ein Pendant zu geben. Chilenisches Kim Chi z.B. wäre Pevre, was so ähnlich wie Salsa ist. Die Chilenen, wie ich sie in Chile erlebt habe, sind auch oft in großen Cliquen unterwegs, so wie in Hanguk (Anm. d.Red.: Hanguk bedeutet Korea), und man feiert bis in die Morgenstunden.

Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich unsere Hintergründe sind. Während ich damals im wohlbehüteten Charlottenburg aufwuchs, war mein Mann als Teenager in der Untergrundbewegung, um gegen die Diktatur in Chile zu kämpfen. Auf gewisse Weise gibt es auch hier Ähnlichkeiten mit Korea. Wir scheinen aus ganz anderen Lebenswelten zu kommen, aber in unserer Arbeit, in der unsere kulturelle Identität eine so wichtige Rolle spielt, treffen wir uns immer wieder an den gleichen Punkten. Glücklicherweise hat sich Berlin sehr verändert von dem Berlin, aus dem ich es damals nicht erwarten konnte, endlich in die weite Welt aufzubrechen und im Ausland zu studieren – was ich dann auch tat. Ich hätte in jener Zeit nicht gedacht, dass es möglich ist, hier mit internationalen Künstlern zu arbeiten. Mittlerweile ist die Stadt zu unserem großen Vorteil zu einem regelrechten Tanz- und Theater-Mekka geworden. Nach unseren langen Reisen sind wir dann in Berlin-Kreuzberg gestrandet, wo wir unsere Familie gründeten, und nun mit meiner Mutter gemeinsam am Küchentisch Müsli und Vollkornbrot essen, während unser gebürtiger Kreuzberger Simón mit seinen runden, asiatischen Augen uns beim Sprachsalat zuhört und seinen Senf dazugibt.

Über die Autorin:

Se-Rok Cohen-Park ist Schauspielerin, Performerin und Dozentin. Die gebürtige Berlinerin hat in Holland, Korea und London Theater studiert und einen MA in Klassischem Schauspiel erworben. Seit 2008 ist sie Ko-Direktorin des KiM [Kosmos in Movement] Projekts für Physical Theater/ Tanz. (www.physicaltheater.net)

1 Comment

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One Response to Berlin liegt zwischen Chile und Korea

  1. seyo

    Hallo Se-Rok,
    hab mich gefreut was von Dir zu hören/lesen. Wenn ich ma in berlin bin versuch ich mich zu melden… ;o)
    liebe Grüße auch an Elias und Simon, seyo

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