Meine persönlichen Gedanken zur Mai-Gedenkfeier des Gwangju-Massakers
Von Daniel Sanghoon Lee
Die meisten Isae (Koreaner der 2. Generation), die ich kenne, empfinden ihre Eltern, gerade ihre Väter, als sehr autoritär. Beschäftigt man sich mit der koreanischen Kultur, ist das kein Wunder. Zum einen begünstigt das konfuzianische Erbe familiäre und gesellschaftliche Hierarchien, zum anderen wuchsen unsere Eltern in Kriegszeiten und in Diktaturen auf. Wie soll man da demokratisches Verhalten lernen?
Gerade deswegen bin ich im Nachhinein froh über meine Eltern. Denn seit ich denken kann, sind meine Eltern politisch engagiert und kämpfen beharrlich für mehr Demokratie in Südkorea. Seit ich denken kann, treffen sich meine Eltern regelmäßig mit anderen Koreanern aus Deutschland und aus dem Ausland, um mit ihnen gemeinsam nachzudenken, wie sie zur Demokratisierung Koreas beitragen können.
Als Kind wurde ich immer zu den Treffen meiner Eltern mitgeschleppt. Je älter ich wurde, desto weniger wollte ich dann mitgehen. Die Treffen waren für mich damals langweilig, weil sie nur auf Koreanisch stattfanden, langweilig, weil sie sich mit ernsten Themen beschäftigt haben, langweilig, weil kaum andere Kinder in meinem Alter dort waren. So blieb ich irgendwann den Treffen fern, während das politische Engagement meiner Eltern quasi als Hintergrundmusik in meinem Leben weiterlief. So geschah es dann, dass ich das Gwangju-Massaker gar nicht bewusst mitbekommen habe. Damals, einen Monat vor meinem 10. Geburtstag. Zufälligerweise verbrachten meine Schwester und ich genau in diesem Sommer unsere Schulferien in Korea. Das erste Mal ohne Eltern. Das heißt, niemand, der uns beim Übersetzen half. Wenn etwas “in der Luft” gelegen haben sollte, ich habe es nicht wahrgenommen. Die Koreaner waren so rätselhaft wie sonst auch.
Wann ich mich zum ersten Mal bewusst mit den damaligen Ereignissen beschäftigt habe, ich weiß es nicht. Tatsächlich fühlt es sich für mich so an, als ob die Mai-Treffen zum Gedenken an das Gwangju-Massaker und seine Opfer schon immer stattgefunden hätten. Während die Koreaner, die loyal zum südkoreanischen Staat standen, einmal im Jahr ihr Sportfest hatten, war für mich das Mai-Treffen immer der Jahres-Höhepunkt für diejenigen Koreaner, die in der Demokratiebewegung aktiv waren.
Deutsche Quellen zum Gwangju-Massaker waren und sind für mich rar. Während in Korea selbst die Aufarbeitung mittlerweile weit vorangeschritten ist, bleiben mir die Geschichten im Kopf, die man sich in den 1980er Jahren vom Massaker erzählt hat. Über Soldaten, die unter Drogen ihre eigenen Landsleute abgeschlachtet haben. Über Schulmädchen, deren Brüste abgeschnitten wurden. Über schwangere Frauen, denen man bei lebendigen Leib den Bauch aufgeschlitzt und das ungeborene Baby aus dem Körper gerissen hat. Gerade diese unglaubliche Brutalität gegen Frauen werde ich nicht vergessen.
Auf der Suche nach dem Warum für diese Gewalt wurde ich mit einer anderen Erkenntnis konfrontiert. Auch wenn ich froh bin, dass meine Eltern zu den Koreanern gehören, die sich politisch engagieren, heißt das nicht, dass alle, die wie sie gegen die Diktatur und für die Demokratie kämpfen, auch selbst demokratische Werte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit leben.
Ich habe zum Beispiel nie verstanden, warum manche Männer, die für Freiheit und Demokratie und gegen staatliche Gewalt streiten, zuhause ihre Frauen oder Kinder schlagen. Das Bild von Soldaten, die auf friedliche Demonstranten einschlagen, wurde in meinem Kopf abgelöst von Männern, die ihre Frauen und Kinder schlagen. Der gleiche Mechanismus?
Ich empfand die Erziehung meiner Eltern manchmal übertrieben streng. Aber wenn ich dann sehen konnte, wie andere Isae aufwuchsen, fühlte ich schon so etwas wie Dankbarkeit, weil ich es doch oftmals besser hatte. Auch wir haben in der Familie unsere Kämpfe um die Meinungsfreiheit ausgefochten. Als ich ein Kind war, hatte mein Vater Diskussionen gerne mit einem Basta beendet. Aber ich denke, gerade durch diese Diskussionen bin ich mir erst der Widersprüche im Demokratieverständnis bewusst geworden.
Natürlich: Wenn die erste Generation (Ilsae) mit Krieg und Diktatur aufwächst, woher soll sie wissen, was Demokratie ist? Stellt das Leben in Deutschland eine große Chance dar, Demokratie zu lernen und diese Erfahrung dann nach Korea zu transportieren? Wüsste man in Deutschland, wie man Menschen aus einer völlig anderen Kultur in die Gesellschaft integriert, vielleicht. Auch wenn Freiheit und Demokratie Ziele sind, für die Koreaner hier kämpfen, kann die Freiheit in Deutschland im Widerspruch zu dem stehen, was man als Kind gelernt und verinnerlicht hat, ob man wollte oder nicht.
Manche kommen mit diesem Widerspruch besser klar und erleben ihre persönliche Befreiung. Ich sehe dies vor allem bei koreanischen Frauen, weswegen ich mich immer über eine Einladung der Frauengruppe freue. Ich sehe die Schwierigkeiten, die vor allem koreanische Männer mit Freiheit und Demokratie haben. Denn solange ein autoritärer Staat der Gegner ist, kann man leicht verdrängen, dass man selbst Teil eines autoritären Systems ist und daher auch an sich arbeiten muss.
Dennoch: sich im Ausland politisch zu engagieren, bedeutet für einige unter Umständen auch, sich innerhalb der Gemeinde der Auslandskoreaner zu isolieren. Umso wichtiger sind solche Treffen wie die Gedenk-Veranstaltung zum Gwangju-Massaker. Nicht nur als Erinnerung und Mahnung, sondern auch für den inneren Zusammenhalt der Koreaner, die für mehr Demokratie streiten. Ich denke, erst im Dialog, in Diskussionen oder auch im Streit können wir die Widersprüche zwischen dem Kampf für Freiheit und Demokratie und dem Demokratieverständnis der Koreaner aufdecken und diskutieren.
Und ich denke, dass es nach 30 Jahren langsam Zeit wird, auch den Dialog zwischen Ilsae und Isae wieder zu intensivieren. Denn die gemeinsame Erarbeitung eines koreanischen Demokratiebegriffs kann auch das Verhältnis zwischen beiden Generationen verbessern.
Über den Autor:
Daniel Sanghoon Lee ist Diplom-Ökonom und zusammen mit Zafer Aktas Gründer der Unternehmensberatung AKTAS LEE Management Consultants in Dortmund.
Hintergrund:
Das Gwangju Massaker gilt als Symbol für die Unterdrückung der Demokratiebewegung in Südkorea in den 1980er Jahren. Dem Massaker vorangegangen war eine Südkorea-weite Demokratiebewegung gegen das Militärregime von Armeegeneral Chun Doo-Hwan. Dieser verhängte im Mai 1980 das Kriegrecht über Südkorea und ließ alle Universitäten schließen. Als Studenten aus Gwangju dagegen auf die Straße gingen, wurde
ihre Demonstration am 18. Mai 1980 vom Militär brutal niedergemacht. Auch der zehn Tage dauernde Widerstand der Bevölkerung, die sich mit den Demonstrierenden solidarisiert hatte, wurde blutig niedergeschlagen. Eine in den 1990er Jahren eingesetzte Kommission gab die Zahl der Opfer des Gwangju-Massakers mit 207 Toten und etwa 1000 Schwerverletzten an. Opferorganisationen gehen von mindestens 1000 Toten und 15.000 Verletzten aus.
Seit 1980 treffen sich Koreaner in Deutschland zu einer Gedenkfeier im Mai. Das Treffen wiederholt sich dieses Jahr zum 30. Mal. Veranstalter ist das Organisationskomitee der Mai-Gedenkfeier in Europa.
Mehr Informationen dazu gibt es auf den Seiten des Koreaverbandes: http://koreaverband.ahkorea.com/_board8/bbs/board.php?bo_table=ank_veranstaltung&wr_id=48&page=&sca=&sfl=&stx=&sst=&sod=&spt=&page=
Danke Daniel,
ich habe wieder etwas gelernt. Freue mich dich wiederzusehen – ich meine, dass wir uns Bonn 2008 gesehen haben und ich dich diskutieren gehört habe.
Beste Grüsse, Nghi
Hi Nghi,
danke für Deinen Kommentar! ^^
Habe schon gehört, dass Du wieder in Berlin bist. Ich freue mich, wenn wir uns Samstag Nachmittag sehen sollten. ^^
Bis bald dann,
Sanghoon ^^
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