Von Mira Choi
Die kleinen grün-braunen Augen blicken mich neugierig an, der helle Schopf hebt und senkt sich rhythmisch, tapptapptapp, fort ist er. Neben seinem Papa fällt er kaum auf, nur die asiatisch anmutenden Augen verraten es. Der Große (jetzt fünf) dagegen mit seinen schwarzen Kulleraugen hat dunkles Haar. Sie sind die Kinder der 2. Generation deutsch-koreanischer Partnerschaften, in diesem Fall sind es meine.
In meinen Erinnerungen war ich ein sehr „pflegeleichtes“ Kind. Wie meine Eltern zurückhaltend im Streit, keine Konflikte austragend oder lautstarken Diskussionen führend, weil Kinder in Korea dies auch eher nicht tun. Dachte ich. Die Eltern meiner deutschen Schulfreundin waren noch Student/innen, sie plapperten zu Tische und redeten viel. Ich staunte. Ich spielte als Kleine viel mit mir allein – in meiner Erinnerung. Ich war sehr selbständig und stundenlang mit meinen Freundinnen draußen, gerade mal fünf geworden. Später spielte ich stundenlang mit meinem kleinen Bruder, wir waren ein großartiges Team.
Die Haare meiner Cousine waren damals plötzlich grün, dann gelb, als es so losging mit der Pubertät. Sie hat sich ihre Haare selbst geschnitten, sagte sie. Der gleiche Hintergrund eigentlich und doch wieder anders.
Ich brauchte lange, um zu einem Selbstbewusstsein zu gelangen, wie ich´s mir selbst wünschte und bei mir lang vermisste. Es war die Loslösung von der Mentalität eines koreanischen Hintergrundes, der mir vorgelebt wurde, hin zu den Tatsachen, die mir im deutschen Alltag tagtäglich begegneten. Immer wieder ein kleiner Kampf mit sich selbst, aus sich heraus zu gehen.
Wir, die 2. Generation, wuchsen im Wohlstand auf und hatten es deswegen schon gut, -besser als die Eltern – sagen die Eltern. Die Kids, die 3. Generation, sind einen Schritt weiter.
Unsere Kinder erfahren den Trend von „Nicht-mehr-schreien-lassen“, Stillen statt Fläschchen, PEKIP (=Prager-Eltern-Kind Programm oder nackt spielen im überhitzten Raum mit schwitzenden Müttern und Vätern, die, selbstverständlich, angezogen sind), Eltern-Kind Cafés, Biokost, Selbstkochen der Babybreis, Babyschwimmen, musikalische Früherziehung undsoweiterundsofort. Dies ist der neue Standard, damit es ihnen gut geht. Zumindest im großstädtischen Prenzelberger Kiez.
Meine Kinder plappern viel, wenn sie schmollen, beschimpfen sie mich mitunter, der Große in seiner kindlichen Art, die ihm zur Verfügung steht, so gut er es eben vermag. Der Kleine zieht die Unterlippe hoch und haut auch mal, weil er nicht so gut argumentieren kann. Die Message bleibt dieselbe. Bisher ist es ein Leichtes, sie mit Worten zu besänftigen oder auch zurechtzuweisen. Manchmal frage ich mich, wie ich damit umgehen kann, wenn sie größer werden und auf Konfrontation gehen. Ich sehe mich schon jetzt fassungslos oder hilflos nach Worten ringen. Manchmal bin ich schon jetzt ein wenig froh, dass sie keine Mädels sind. Ich war nie besonders zickig, keine Streithähnin, die sich mit ihrer Mutter zoffte oder messen wollte. Ich wäre eifersüchtig, betroffen, wenn es mir als Mutter mit einer Tochter widerführe. Weil ich es nie wagte oder vermochte.
Dieser Wandel der Generationen, bei der die Eltern als Migrant/innen am Anfang stehen. Die Integration, die langsam und über die nächsten Generationen stattfindet, betrifft alle Kulturen. Bei uns wird es viel deutlicher sein als es in den Folgegenerationen sein kann.
Wir können die Kultur leider nicht mehr so weitergeben, wie wir es erfuhren. Sprache, die besondere Geselligkeit, Tanz, Musik und Geschichte. Die Kids sagen „Halmoni“ und „Imo“ als wären es deutsche Worte, sie verbinden damit keine Fremdheit. Der Große fragt nicht, warum ich anders aussehe, weil ich für ihn nicht anders bin. In meiner Grundschule sollten wir mal einen Stammbaum malen. Wenn meine Freund/innen von Oma und Opa erzählten, war es für mich eine abstrakte Beziehung, die ich nicht haben konnte, weil meine Großeltern weit weg waren, und verstehen konnte ich sie auch nicht. Ich liebe es, dass es für unsere Kids das Natürlichste der Welt ist, Omas und Opas zu haben, die mit ihnen spielen, schmusen und sie auf ihrem Weg, sich und alles zu entdecken, begleiten. Sie lernen von ihnen und erzählen von ihnen. Einfach schön.
Tapptapptapp, wieder saust er um die Ecke, lacht verschmitzt, zeigt seine Grübchen und schmeißt sich im nächsten Moment in meine Arme.
Mira Choi ist Ärztin in Berlin und Redaktionsmitglied von Yellow Press.



Hallo Mira,
danke für deine Gedanken zu intergenerationallen, internethnischen und transkulturellen Erfahrungen und Kommunikationsprozessen in Familien mit und ohne Migrationshintergründen.
Ich hatte nur zwei kurze Gedanken als ich das las:
1. Ein Aspekt den du nicht erwähnt hast, der aber sehr häufig in diesem Kontext eine große Rolle spielt, ist der Zusammenhang zwischen sozialer Klassenherkunft bzw. -zuhörigkeit und kulturellem Kapital. Anders ausgedrückt: viele MigrantInnen der ersten Generation, und in meiner Familie ist es nicht anders, waren nicht nur Eingewanderte, sondern vor allem auch ArbeiterInnen, die nicht nur einen anderen kulturellen und politischen Hintergrund mitbrachten, sondern auch bestimmte soziale Voraussetzungen, die ihre Situation in Deutschland massgeblich mitbestimmte.
Als wir in Berlin ankamen, zogen wir ins Märkisches Viertel, einer der großen Sozialbau-Projekte im Westteil der Stadt. Inzwischen habe ich studiert, darf mich also Akademiker nennen und lebe mit meiner Familie und unseren zwei Söhnen im Kollwitzkiez. Es kann gut sein, dass wir Nachbarn sind und uns das eine oder andere Mal auf der Strasse über den Weg gelaufen sind. Von daher kenne ich deine Beschreibung des “Kinderparadies” Prenzlauer Berg auch aus eigener Erfahrung. Meiner Kinder werden allein wegen dieses bürgerlich-mehrheitsdeutschen Umfelds ganz anders aufwachsen als meine Eltern und auch als ich. Ich kann nicht einmal sagen, dass dieses Umfeld besser ist für meiner Kinder. Es ist auf jeden Fall in vielerlei Hinsicht privilegiert, und sie werden wahrscheinlich nicht die gleichen Erfahrungen machen wie die Kinder in Wedding, Moabit, Kreuzberg oder Neukölln. Ob sie dadurch bessere Menschen werden, vermag ich nicht einzuschätzen. Vielleicht werden sie auch nur verwöhnt und arrogant, wobei das sicherlich dann auch nicht nur am Wohnmfeld liegen wird, falls diese Situation jemals eintreten sollte. So monoklausal ist die Welt dann doch nicht – nicht einmal am Kollwitzplatz.
2. Warum ist es schade, dass wir “die Kultur leider nicht mehr so weitergeben, wie wir es erfuhren”? Dafür werden wir doch eine andere Kultur bzw. ein Mix aus unterschiedlichen kulturellen Einflüssen weitergeben, und das hat sicherlich auch seinen Reiz und seine schönen Seiten.
Alles Gute und beste Grüsse
Nghi