Unser Fantastisches 21. Jahrhundert von Sun-Ju Choi
Der Erfolg koreanischer Filme hält – trotz prognostizierter Stagnation – ungebrochen an. Filme aus Korea gehören seit vielen Jahren zum festen, viel beachteten Repertoire der Berlinale, und auch dieses Jahr ist das Land wieder mit insgesamt neun Filmen vertreten.
Großes Interesse gilt der Sektion Forum, die ihr Augenmerk auf junges, innovatives Kino richtet. Zwei der Forum-Filme stammen aus der Talentschmiede KAFA (Korean Acamedy of Film Arts), die seit vielen Jahren zahlreiche junge Künstler hervorbringt: “I’m in Trouble” und “Our Fantastic 21st Century”.
In “I’m in Trouble” präsentiert der Regisseur So Sang-min in bester Hong Sang-Su Manier einen intellektuellen Protagonisten (Sun-woo), der mit sich und der Welt hadert. Obschon fast schon dreißig, hat er nicht mehr vorzuweisen als einen kleinen Preis im nationalen Gedicht-Wettbewerb. Im Alltag ist Alkohol sein beständiger Begleiter gegen den allgemeinen Weltschmerz und Frust. Während sein Umfeld damit beschäftigt ist, im Leben weiterzukommen, verachtet er das Streben nach materieller Sicherheit und gesellschaftlicher Konformität. Als seine langjährige Freundin Yuna übers Heiraten spricht und ihn bittet, gemeinsam mit ihrem Vater zu Mittag zu essen, bekommt er kalte Füße. Mit seinem verantwortungslosen Handeln fordert er die Geduld Yunas heraus und manövriert sich immer tiefer in eine schier ausweglose Situation. Bezeichnenderweise erzählt Sun-woo seinem Freund bei einem Trinkgelage, dass sein Leben Poesie sein soll und nicht Poesie sein Leben. Doch dass das Leben kein Zuckerschlecken ist, ahnt er bereits seit Längerem. Er schafft es dennoch nicht, Verbindlichkeiten herzustellen und sich den Anforderungen des Lebens zu stellen. Anders als in Hong Sang-Sus Filmen, in denen die männlichen Protagonisten Gefangene ihrer selbst erzeugten Dilemmata bleiben, kann der Protagonist in “I’m in Trouble” seine Lebenstauglichkeit bzw. seine Männlichkeit mithilfe eines glücklichen Zufalls unter Beweis stellen. Damit ist er wieder mit sich und der Welt im Reinen. Leicht im Ton und beschwingt im Erzählduktus, ist der Film ein vergnüglicher Spaß und ein reflektierendes Portrait (nicht nur) koreanischer Twens auf der Schwelle zum Erwachsenwerden.
Die Protagonistin in “Our Fantastic 21st Century” (Regie: Ryu Hyung-ki), Soo-young hat ganz andere Probleme. Soo-young ist eine junge ambitionierte Modedesignerin. Nach zahlreichen unerfreulichen Bewerbungsgesprächen steht für sie fest, dass ein Job in der Modebranche eine Liposuktion erfordert. Um das nötige Geld zusammenzubekommen, arbeitet sie in einer Mall. Zusätzlich manipuliert sie Barcodes von Sony-Playstations, die sie selbst billig einkauft, um sie auf e-bay weiterzuverhökern. Als ihr Freund mit dem Geld für die Operation verschwindet und ihr Betrug in der Mall auffliegt, scheint die Situation ausweglos. Widerwillig wendet sie sich an den jungen Geldverleiher Jae-beom, der ihr unverhofft eine überraschende Perspektive eröffnet. In Korea ist das Leben im Prekariat längst Normalität, und viele junge Menschen halten sich mit zahlreichen „Mc-Jobs“ und Nischenökonomien über Wasser. So zeigt der Film eine Generation, die versucht, den Imperativ neoliberaler Marktwirtschaft und den eigenen Wunsch nach Selbstverwirklichung unter einen Hut zu bekommen und dabei beinahe zerrieben wird.
Der zweite Dokumentarfilm der koreanisch-japanischen Regisseurin Yang Yong-Hi, “Sona, the Other Myself”, ist ein autobiographischer Familienfilm, der über die Familiengeschichte hinaus viel über das Verhältnis der Filmemacherin zu Nordkorea verrät (siehe auch das Interview mit der Regisseurin). Die Regisseurin erzählte ihre ungewöhnliche Familiengeschichte bereits in ihrem Debütfilm “Dear Pyongyang” (2006): Ihr Vater migrierte nach dem Koreakrieg nach Japan und schickte in den 70er Jahren seine drei Söhne nach Nordkorea. Die Filmemacherin selbst blieb als jüngste und einzige Tochter bei den Eltern in Japan. In ihrem neuen Film dringt sie tiefer in die Familienpsyche hinein und erforscht verborgene Wunden und Narben der Familie. Zutage tritt die Geschichte einer geteilten Familie, in der sich die Geschichte des geteilten Koreas widerspiegelt. Der Kalte Krieg und die sich unversöhnlich gegenüberstehenden Ideologien verhindern über Jahrzehnte hinweg die Wiedervereinigung der Familie.
Im Verlauf des Films fragt sich Yang, ob ihre japanische Herkunft ihrer Nichte Sona, um die die Regisseurin die Erzählstruktur des Films aufbaut, vielleicht mehr schadet als nützt. Allein durch die Präsenz und die vielen Geschenke, die die Familie aus Japan mitbringt, sticht die Familie und damit auch Sona hervor und macht sie anders als die anderen Kinder. Trotz allem versucht die Familie Yang eine gewöhnliche Familie zu sein. Wann immer die Familienmitglieder zusammenkommen, verbringen sie Zeit mit Essen, Trinken und Feiern. Doch etwas steht stets zwischen ihnen, über das niemand spricht. Am wenigsten Vater und Sohn. Der Vater hat die Trennung der Familie verursacht, die Kinder (er)ertragen die Konsequenzen dieser folgenreichen Entscheidung stoisch. Sie sind nicht fähig oder willens über die Vergangenheit sprechen. Doch das Ungesagte bricht sich Bahn. Schmerz, Sehnsucht und das nie gestillte Verlangen, eine normale Familie zu sein, ist in allen Situationen präsent. In Yangs Familiengeschichte wiederholt sich die Leidensgeschichte Koreas: Teilung, Displacement und Schmerz. Und die Ohnmacht, daran nichts ändern zu können. Spürbar ist die Sehnsucht, wieder eins zu sein. Die unumwundene Offenheit der Regisseurin, mit der sie darüber spricht, ist beeindruckend und zugleich beängstigend. Die geprüfte und geschundene Familie verliert nicht nur den ältesten Sohn, der seit der Trennung an Depression leidet, sondern auch ihr resolut-offenherziges Oberhaupt, den Vater, der den Folgen eines Infarktes erliegt. Bleibt die Frage, wo seine Asche vergraben wird. Da der Vater Nordkorea als Heimat gewählt hat, soll die Asche in Nordkorea beim zweitältesten Sohn beigesetzt werden. Die Regisseurin, jüngste Tochter der Familie, wird das Grab des Vaters für einen unbekannten Zeitraum nicht besuchen können, denn Nordkorea erteilt ihr seit “Dear Pyongyang” keine Einreisegenehmigung. Die Teilung der Familie dauert fort, wie die Teilung Koreas.
Sun-ju Choi arbeitet als Kuratorin und Drehbuchautorin in Berlin.


SONA, THE OTHER MYSELF ist ein ganz wunderbarer Film, ein “shomingeki”-Dokumentarfilm und zugleich “camera stylo” in Vollendung. Wer von diesem Film nicht berührt ist, hat ein Herz aus Stein.