Berlinale 2010 Interview mit Filmemacherin Yang Yonghi

Sun-ju Choi im Interview mit Yang Yonghi. Ihr Film, “Sona, the Other Myself”, hatte auf der Berlinale 2010 Premiere (siehe auch Filmrezension).

In ihrem viel beachteten ersten Film “Dear Pyongyang” erzählte die Filmemacherin Yang Yonghi von ihrer Familiengeschichte zwischen Japan und Nordkorea: Ihr aus Jejudo stammender Vater migrierte nach dem Koreakrieg nach Japan und schickte in den 70er Jahren als überzeugter Kommunist seine drei Söhne nach Nordkorea. Die Filmemacherin selbst blieb als jüngste und einzige Tochter bei den Eltern in Japan. In ihrem aktuellen Film “Sona, the Other Myself” stellt Yang Yonghi ihre Nichte Sona in den Mittelpunkt und dringt tiefer in die Familienpsyche hinein.

Yang, Yonghi: "Sona,The Other Myself" (Sona, mo hitori no watashi). Japan, Republik Korea 2009, 82 Minuten

Yellow Press: Wie würden Sie Ihren Film selbst beschreiben?

YANG: Mein Film ist ein Videoessay. In beiden Filmen erzähle ich von meiner Familie und in beiden Filmen ist meine persönliche Sicht auf die Familie von zentraler Bedeutung. Vielleicht habe ich diese Filme auch gemacht, um eine Ausdrucksform dafür zu finden, worüber ich im normalen Leben wenig sprechen kann.

Yellow Press: Was hat der Filmtitel “Sona, the Other Myself” für eine Bewandtnis?

YANG: 1995 reiste ich zum ersten Mal mit einer Videokamera nach Nordkorea. Damals war Sona der Grund, dass ich überhaupt eine Kamera mitnahm. Meine Eltern und ich waren sehr aufgeregt, denn Sona war das erste Mädchen in unserer Familie, und ich wollte sie mit der Kamera festhalten – eine Art Homemovie, damit wir sie in Japan immer wieder ansehen konnten. Aber mit der Zeit beschäftigte ich mich mehr und mehr mit Dokumentarfilmen, und ich fing an, nicht nur Familienfeste zu filmen, sondern auch gewöhnliche Situationen. Zu Sona habe ich daher ein besonderes Verhältnis, weil sie das ganze Filmprojekt initiierte und begleitete. Im Film nimmt sie auch eine wichtige Rolle ein, da sie selbst eine starke Entwicklung durchmacht und anstatt meiner an der Seite meines Bruders lebt. Ich beneide sie sehr um diese Nähe.

Yellow Press: Nach “Dear Pyongyang” hat Ihnen Nordkorea Einreiseverbot erteilt. Warum denken Sie, dass Nordkorea Sie nicht mehr ins Land lässt?

YANG: Das würde ich selbst gern wissen (lacht). Ich denke, was sie nicht mochten, ist meine individuelle Stimme und Perspektive auf die Dinge. Sie mögen pompöse offizielle Zeremonien und Performances. Aber so was deprimiert mich; es sind stets die gleichen Bilder, die gleichen Slogans und Lobpreisungen. Nichts verändert sich, die gleichen Lieder und Tänze habe ich auch als Kind selbst aufgeführt. Nach “Dear Pyongyang” bat mich der Nordkorea Verband in Japan, eine offizielle Entschuldigung zu schreiben – was ich nicht tat. Meine Mutter fragte mich, warum ich mich mit denen anlegen will. Aber es ist ja nicht so, dass ich von mir aus Ärger suche. Ich möchte nur gern meine Familiengeschichte erzählen, die mir wichtig ist. Und außerdem ziehe ich es vor, Filmemacherin zu bleiben und dazu sind persönliche Geschichten nun mal unerlässlich. Meine Mutter beginnt, dies langsam zu begreifen und zu akzeptieren.

Yellow Press: Was sagt Ihre Familie zu Ihrem Film?

YANG: Meine Mutter glaubte immer, ich mache einen kleinen Video-Film. Für sie war meine Filmerei nicht mehr als ein gewöhnliches Hobby oder ein Spleen. Als sie “Dear Pyongyang” in Osaka auf großer Leinwand vor einem Riesenpublikum sah, war sie fassungslos, da sie von professionellem Filmemachen nichts weiß. Sie hat sich sehr für mich gefreut und endlich auch verstanden, was ich wirklich mache.

Yellow Press: Hatte der Film „Dear Pyongyang“ Konsequenzen für Ihre Familie in Nordkorea?

YANG: Nein, ich denke nicht. Aber genau weiß ich es natürlich nicht. In „Dear Pyongyang“ wählte ich meinen Vater als Protagonisten. Nicht nur, weil er eine starke Persönlichkeit mit einer außergewöhnlichen Geschichte ist, sondern auch, weil ich glaubte, es wäre besser und sicherer für meine Brüder in Nordkorea. Weder “Dear Pyongyang” noch “Sona, the Other Myself” ist ein Film über Nordkorea, sondern ein Film über mich und meine Familie. Daher bin ich zuversichtlich, dass sich die Situation bald wieder normalisieren wird und ich auch erneut nach Nordkorea einreisen kann.

Yellow Press: Bedauern Sie, dass Sie den Film gemacht haben?

YANG: Nein, ich bereue es nicht. Im Gegenteil. Sie waren ein Mittel, über unsere schwierige Familienkonstellation zu sprechen – ohne Vorwurf und ohne Mitleid. Die Filme sind daher sehr persönlich und mir sehr wichtig.

Yellow Press: Ihr Bruder und Ihr Vater sind im letzten Jahr verstorben. Für Sie und die Familie ein großer Verlust. Wie ist es, wenn Sie sie im Film “wieder sehen” inmitten einer großen Zuschauermenge?

YANG: Ehrlich gesagt, habe ich während der Premiere in Berlin sehr viel geweint. Ich hatte nach dem Tod meines Bruders und Vaters gar nicht die nötige Zeit zu trauern. Immer gab es dringende Termine und viel Arbeit. Erst jetzt gelangen die Dinge wirklich zu mir und die zurückgedrängte Trauer bricht durch. Ich bin froh, dass der Film auf der Berlinale läuft und so viele Menschen von meiner Familiengeschichte erfahren und auch daran Anteil nehmen.

Yellow Press: Was planen Sie als Nächstes?

YANG: Nach den zwei Filmen brauche ich und vor allem meine Familie eine Pause. Ich arbeite gerade an einem Dokumentarfilm über einen bekannten japanischen Comedian und Regisseur Hajime Tabe und seine Firma Wahaha Hompo Comedy. Er und seine Crew arbeiten an Independent Comedy-Shows, die gern Tabus brechen und auf die Bühne bringen. Auch möchte ich gern an fiktiven Geschichten arbeiten und diese verfilmen. Es gibt so viele verborgene Geschichten, die nie erzählt werden. Ein anderes Projekt ist meine Mutter. Die Geschichte meiner Mutter ist unglaublich. Sie hat nur selten Gelegenheit, diese zu erzählen. Ich sage ihr immer, dass sie sie erzählen muss, damit Geschichten wie ihre nicht verloren gehen. So filme ich sie hin und wieder, wenn sie von ihrer Vergangenheit erzählt. Aber sie möchte, dass ich erst dann einen Film daraus mache, wenn sie gestorben ist.

Das Interview führte Sun-ju Choi. Sie arbeitet als Autorin und Kuratorin in Berlin.

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