Vater, Hase oder Tiger? – Koreanische Filme beim 2. Asian Women’s Film Festival 2009 in Berlin

von Sulgi Lie

Nachdem beim letzten Asian Women’s Film Festival 2007 ein Schwerpunkt mit fünf südkoreanischen Filmklassikern präsentiert wurde, stand diesmal eine Auswahl von nordkoreanischen Filmen im Mittelpunkt, die von den 70er Jahren bis in die Gegenwart reichte. Die Bezeichnung „Klassiker“ ist für diese Filme vielleicht weniger angemessen, geht es in ihnen doch weniger um die Autonomie des Ästhetischen, als vielmehr um die ideologische Ertüchtigung der nordkoreanischen Bevölkerung. Dennoch bot die Aufführung dieser im Ausland nur sehr schwer zu sehenden Filme die Gelegenheit, sich einer völlig unbekannten Nationalkinematographie vorurteilsfrei zu nähern, die seit der Gründung der Demokratischen Volkrepublik Korea im Jahre 1948 einen Korpus von etwa 100 Filmen hervorgebracht hat.

Das es sich hierbei nicht nur um eine martialisches Propagandakino handelt, macht vor allem der jüngste Film der Reihe deutlich, „A School Girl’s Diary“ von In-Hak Jang aus dem Jahre 2006. Mit einer ganz und gar unheroischen Sensibilität widmet sich der Film den Alltagsorgen der Schülerin Su-Ryon, die unter der ständigen Abwesenheit ihres Vaters leidet, der an einem  staatlichen Forschungsprojekt arbeitet. Selbst als ihre Mutter schwer erkrankt, kommt der Vater nicht rechtzeitig zum Krankenbett. Su-Ryon will zunächst mit ihrem scheinbar unverantwortlichen Vater brechen, muss dann aber nach und nach erkennen, dass das private Opfer, das ihre Familie bringt, einem größeren Gemeinwohl untergeordnet ist.

A School Girl's Diary

A School Girl's Diary

Interessant an dem Film, der ganz aus der Binnenperspektive des Mädchens erzählt ist, ist der merkliche Bruch mit dem anfänglichen Identifikationsschema: Zunächst wird der Rebellion von Su-Ryon gegen ihren Vater eine deutliche Berechtigung zugesprochen und die traditionelle Konformität mit den Familienwerten scheinbar in Frage gestellt. Doch gegen Ende gewinnt im gewissen Sinne das abstrakte Ganze der Gemeinschaft gegen die Perspektive des Individuums: das Opfer, das die Familie bringen muss, dient letztlich dem Zusammenhalt einer noch wichtigeren Familie zweiter Ordnung, die nichts anders ist als der nordkoreanische Staat selbst. So ist der ständig abwesende Vater auch nur ein Stellvertreter des „großen Führers“, der zwar kein einziges Mal in dem Film direkt thematisiert wird, aber als abwesende Instanz die Erzählung zusammenhält. So entwirft der Film den nordkoreanischen Staat als eine große Familie, die durch eine fast schon göttliche Vaterfigur vergemeinschaftet wird. Es handelt sich jedoch nicht um einen autoritären, strafenden Vater, sondern um einen sanften, liebenden Vater, der wie ein Hirte über seine Schafe wacht.  In diesem Sinne gibt uns „School Girl’s Diary“ einen präzisen Einblick über das fast schon religiöse Selbstverständnis der nordkoreanischen „Juche“-Ideologie: eine Mischung aus pastoralem Patriarchat und einem proto-theologischen Glauben an einen anwesend abwesenden Vater. Filmästhetisch bewegt sich der Film auf dem Niveau eines mittelmäßigen Fernseh-Films und folgt den klassischen Regeln von „Continuity Editing“ und psychologischer Einfühlung. Aber bekanntlich steht diese Form eines „sozialistischen Realismus“ den Codes von Hollywood näher, als ihm vielleicht selber lieb ist.

Tiger Spirit (2008), Min Sook Lee

Tiger Spirit (2008), Min Sook Lee, www.tigerspirit.ca

Wenn in „School Girl’s Diary“ das Diktat der gesellschaftlichen Objektivität Form und Inhalt des Films bestimmt, so wählt der Dokumentarfilm „Tiger Spirit“ der kanadisch-koreanischen Regisseurin Min-Sook Lee einen radikal subjektivistischen Zugang zu ihrem Sujet. Die Filmemacherin nähert sich dem Problem der gespalteten Nation gleichsam von der Seite her: der Film setzt mit dem Portrait eines Mannes ein, der seit Jahren wie besessenen nach überlebenden Exemplaren des sagenumwobenen koreanischen Tigers sucht. Im Grenzgebiet zu Nordkorea begleitet ihn  die Regisseurin bei seiner Suche, die auch eine Suche nach dem Selbstverständnis eines nationalen Kollektivkörpers ist: die Frage ist nämlich die, ob die Form der koreanischen Halbinsel eher einem Bergkaninchen gleicht, das in dem berühmten Volkslied verewigt worden ist, oder eher einem Tiger? Aus Angst vor dem Tiger als nationales Widerstandsemblem, haben einst die japanischen Kolonialherren die Tiger töten lassen. Auch hier geht es wiederum die symbolische Wirksamkeit von Bildern und Mythen. Ausgehend von dieser Frage nach dem Hasen und dem Tiger, mäandert der Film zu verschiedenen anderen Menschen, Orten und Geschichten. Dabei spielt das Reisen in „Tiger Spirit“ eine zentrale Rolle. Die Filmemacherin fährt die innerkoreanische Grenze entlang, überquert diese und folgt den tragischen Geschichten von im Korea-Krieg getrennten Familien. Die Filmemacherin trägt sich auch mit ihrer eigenen Körperlichkeit in den Film ein:

Lees eigenes Mutterwerden und ihr Status als Auslandskoreanerin wird mit der Frage nach der Bedeutung des Mutterlandes und nationaler Identität verwoben. Der Film kommt dabei nie richtig zum Punkt und verliert sich in einer Vielzahl von angerissenen Motiven und Themen. Aber womöglich liegt gerade in dieser etwas unbestimmten Haltung die Stärke des Films. „Tiger Spirit“ ist ein Film, der mit losen Enden, Dezentrierungen und Abweichungen operiert und diese bewusst offen lässt. Vielleicht zeigt sich in dieser Unentschiedenheit, der zentrale Unterschied zwischen dem geschlossenen Weltbild des nordkoreanischen Films und der hybriden Offenheit von „Tigers Spirit.“ Während im ersteren immer schon klar ist, dass der Führer-Vater der Nation ihre Gestalt verleiht, bleibt im letzteren die Frage nach der Hasen- oder der Tigerform Koreas eine unbeantwortete Frage.

Über den Autor

Sulgi Lie ist Filmwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.

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