„Unsere Arbeit beginnt immer wieder von vorn.“ – Arbeitsmigranten in Südkorea

Trotz Abschiebungen lassen sich Aktivisten in Südkorea nicht davon abbringen, für die Rechte von Arbeitsmigranten zu kämpfen.

von Rebecca Sumy Roth

Zusammengesunken sitzen die drei Musiker auf den schicken schwarzen Ledersofas im Backstagebereich des Clubs Vega, ihre Köpfe zwischen den Händen oder gegen die Wand gelehnt. Soeben war die Nachricht durchgesickert: Minod Moktan, Sänger der Band, wurde abgeschoben. Während auf der Bühne des Clubs Vega im studentischen Ausgehviertel Hongik das Solidaritätskonzert für Minod Moktan noch lautstark im Gange ist, ist die Stimmung hinter der Bühne am Tiefpunkt. Zahlreiche koreanische Menschenrechtsorganisationen hatten sich für seine Freilassung aus der Abschiebehaft eingesetzt. Auch von der koreanischen Presse war sein Fall aufgegriffen worden.  Schließlich war Minod – in Korea besser bekannt unter seinem koreanischen Namen Minu – eine der bekanntesten Stimmen der MigrantInnen in Südkorea. Jahrelang hatte er in Schulen, im Fernsehen oder auch mit seiner Band Stop Crackdown auf die Situation von ArbeitsmigrantInnen  in Südkorea aufmerksam gemacht. „12 Jahre lang haben wir zusammen hier gelebt,“ bricht es aus Gitarrist Soe Moe Thu aus Birma heraus, „jetzt ist mein Bruder Minu weit weg und nur noch wir drei sind übrig geblieben. Aber ich denke, die Geschichte, die Minu angefangen hat, die müssen wir weiterführen“.

Auftritt der Band "Stop Crackdown" in Südkorea

Auftritt der Band "Stop Crackdown" in Südkorea

Eine Geschichte, die 1988 ihren Anfang nahm, als Minod Moktan in Nepal die Olympischen Spiele in Südkorea verfolgte und beschloss, sein Glück in Korea zu versuchen.

Die Olympischen Spiele markierten den Anfang des Wirtschaftswunders im Tigerstaat Südkorea. Dafür wirbt Südkorea bis heute ArbeitsmigrantInnen aus ganz Südostasien an. Doch der südkoreanische Traum hat einen Haken: Das Arbeitsvisum ist auf wenige Jahre befristet. Um das meiste aus dieser Zeit herauszuholen, arbeiten viele MigrantInnen unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen, 15 Stunden Arbeit pro Tag oft 7 Tage die Woche. Solche Arbeitszeiten sind in Korea an der Tagesordnung, dagegen wehren würde sich kaum jemand, denn das hieße, den Job zu verlieren. Dementsprechend hoch ist die Verletzungsgefahr für die oft übermüdeten Arbeiterinnen und Arbeiter, erklärt Michel, Mitglied der Migrants Trade Union (MTU) am Rande einer Demonstration auf dem großen Vorplatz des Seouler Hauptbahnhofs. Hier haben sich zahlreiche koreanische Gewerkschaften und Organisationen eingefunden, um gegen ein neues Arbeitsgesetz zu Ungunsten von irregulär Beschäftigten zu demonstrieren. Auch die MTU ist erschienen. Doch unter der Fahne der Migrantengewerkschaft sitzen gerade einmal drei Männer. „Wir ermutigen unsere Mitglieder nicht, sich an einer solchen Demo zu beteiligen“, erläutert Michel mit einer Kopfbewegung hin zum massiven Polizeiaufgebot, das den Bahnhofsplatz umstellt. „Es ist viel zu gefährlich“. Viele von ihnen hätten keine gültigen Papiere mehr. Sie könnten jederzeit verhaftet werden. Er selbst hat noch ein gültiges Arbeitsvisum. Noch. „Das größte Problem ist, dass das Arbeitsvisum unter dem aktuellen EPS System an den Arbeitgeber gebunden ist. Verliert jemand seinen Job, verliert er damit auch seine Aufenthaltsberechtigung in Korea“. Michel, der ursprünglich von den Philippinen stammt, wurde wegen der Finanzkrise gekündigt.  Zwei Monate hat man Zeit sich einen neuen Arbeitgeber zu organisieren, dann laufe das Visum endgültig aus.  „Dieses System produziert automatisch ständig illegale Migranten“ klagt Michel.

Die koreanische Regierung reagiert auf die große Zahl undokumentierter MigrantInnen seit Jahren mit Razzien und Zwangsabschiebungen. Obwohl es nach wie vor einen ungebrochenen Bedarf an Arbeitskräften in Südkorea gibt, kündigte die südkoreanische Regierung im September 2008 ihr Vorhaben an, bis 2012 etwa die Hälfte der ArbeitsmigrantInnen abzuschieben. Dies würde nach Amnesty International ungefähr 220000 Menschen ohne Papiere betreffen. Seit Amtsantritt der konservativen Regierung unter Staatspräsident Lee Myeong-Bak wurden mehr Menschen abgeschoben als je zuvor. Nach Angaben der Migrant Trade Union Korea waren es allein in der ersten Hälfte dieses Jahres schon 17.000 Menschen, ganze 32.0000 waren es im Jahr 2008. Nach Informationen von Amnesty International war zudem ein Anstieg der Fälle grausamer, unmenschlicher und entwürdigender Behandlung von ArbeitsmigrantInnen während ihrer Festnahme bei Razzien zu verzeichnen.

Genau darauf weist die Rockband Stop Crackdown – übersetzt soviel wie „Stoppt die Razzien“  – bei ihren Auftritten seit Jahren hin. „Wir haben schon so unzählbar vieles gesagt,“ resümiert Gitarrist Soe Moe Thu ihr gemeinsames Engagement. „Aber bisher hält uns die koreanische Regierung für nicht viel mehr als ein Papiertaschentuch, mit dem man sich abwischt, und das man danach wegwirft. Solange man ein Visum hat und für sie arbeitet, ist es recht, aber nachdem das Visum abgelaufen ist, sollte man doch nicht einfach zum Feind abgestempelt werden.“

„Migranten ohne gültige Papiere werden in den Medien zur Zeit mehr denn je als Kriminelle hingestellt“ bestätigt auch Aung Tin Htun aus Birma. Er ist Reporter und Redakteur bei Migrant Workers TV, einem mehrsprachigen Fernsehprogramm für ArbeitsmigrantInnen, das Minod Moktan 2003 mitbegründet hatte. Damals  gab es noch kaum Programme, die Nachrichten und Informationen für ArbeitsmigrantInnen in deren Sprache verbreiteten. Mittlerweile gibt es in Südkorea ein Bewusstsein dafür, dass das Land eine multikulturelle Gesellschaft geworden ist. Dies hinge besonders damit zusammen, dass es mehr und mehr ausländische Ehefrauen und binationale Familien in Korea gäbe.

Doch die Mehrheit der insgesamt über 1,15 Millionen Einwanderer in Korea seien immer noch Arbeitsmigranten, betont Aung Tin Htun. „Sie kommen in den meisten offiziellen Texten, die die multikulturelle Gesellschaft Koreas beschreiben, nicht vor“, kritisiert er. Auch die Kulturprogramme für Einwanderer seien für ArbeitsmigrantInen nicht vorgesehen. Dabei hätten sich doch gerade die interkulturell erfahrenen ArbeitsmigrantInnen, die schon länger in Korea lebten, als Vermittler und Brücke zwischen der koreanischen Gesellschaft und den Neuankömmlingen bewährt. Doch an einem gesellschaftspolitischen Engagement von MigrantInnen hat die südkoreanische Regierung offenbar kein Interesse. Darauf lässt die Begründung des Justizministeriums für die vollzogene Abschiebung von Minod Moktan schließen: Moktan sei unter anderem wegen seiner  politischen Aussagen mit seiner Band Stop Crackdown abgeschoben worden. Und auch der Umstand, dass Minod Moktan direkt vor der Redaktion von Migrant Workers TV von dort auf ihn wartenden Zivilpolizisten verhaftet wurde, wird von der Migrantengewerkschaft MTU als gezielte Maßnahme gegen MigrantInnen in Führungsfunktionen gewertet. Für die MTU kein Einzelfall: Seit November 2007 wurden sechs Mitglieder in Leitungspositionen in ihre jeweiligen Heimatländer abgeschoben. „Unsere Arbeit beginnt daher immer wieder von vorne“, erzählt Michel. Nur um zu betonen: „Es ist ein schwieriger Kampf. Aber wir geben nicht auf.“

Rebecca Sumy Roth lebt als freie Journalistin in Berlin. Zur Zeit ist sie mit einem Journalistenaustauschprogramm in Beijing.

Der Artikel ist auch in der koreanischen Community-Zeitung Kyoposhinmun erschienen (Nr. 665 S. 24-25), in der die regelmäßige Rubrik “Yellow Press” von korientation erscheint.

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