Punk Rock In Gelb-Weiß

Vorhang auf.

Und sie sagt:

„Das ist aber eine interessante Mischung.“

Und das ist eine Reaktion die ich sehr oft zu hören kriege, wenn ich jemandem erzähle, dass meine Mutter Koreanerin ist und – hier lege ich gerne eine kleine Pause ein – mein Vater Türke. Es ist das einzig Interessante an mir, denn abgesehen von meiner bunten Herkunft bin ich ein langweiliger Mensch. Aber egal, auf jeden Fall sagt sie:

„Das ist aber eine interessante Mischung.“

Und guckt mich neugierig an. Wir sitzen müde an der Bar und hatten Kaffee bestellt und ein bisschen geplaudert. Mensch nennt es auch Small Talk. Mensch versucht interessant, witzig und charmant zu sein. Und meine Herkunft ist ein gutes Gesprächsthema, um eine peinliche Pause zu verhindern.

Das sind meine so genannten fifteen minutes of fame in jedem Small Talk.

Licht. An dieser Stelle schreite ich über die dunkle Bühne und mache tiefe Verbeugungen. Denn dies ist eine Erzählung mit mehreren Ebenen, und eine dieser Ebenen ist diese Bühne. Denn als ich gebeten wurde ein bisschen zu erzählen wie es denn so ist ein Halbtürke und Halbkoreaner zu sein, war mir klar, dass es nicht viel zu erzählen gab außer

Dann zogen wir um. Passiert aber anderen auch. Wir zogen in einen kleinen Fischerort. Ziemlich idyllisch, wie ein Gemälde. Ich habe alle Figuren in diesem Gemälde echt geliebt, dass Problem ist dass man das Gemälde nur immer betrachten kann und nicht Teil davon wird.

dieses Gefühl nicht wirklich dazu zugehören, was ich übrigens wirklich öfters verspürte. Dieses Gefühl hat allerdings nichts mit der Herkunft zu tun, glaube ich, sondern ist etwas Menschliches.

„Auf jeden Fall wollte ich eine kleine Erzählung mit mehreren Ebenen, damit das Ganze nicht zu langweilig wird“, sage ich und das Licht geht wieder aus.

„Ich bin hier geboren,“ sage ich also, „und bis zur dritten Klasse zur Schule gegangen. Dann musste mein Vater wieder zurück in die Türkei. Wir sind mitgegangen. Ich bin dann dort zur Schule und habe in der Türkei Abitur gemacht. Jetzt bin ich zum Studieren wieder hier.“

Der Kaffee kommt.

„Und wie war es in der Türkei?“

„Interessant“, sage ich und nehme einen Schluck Kaffee. „Allerdings nicht wirklich anders als hier. Die Türken sind lustige Menschen, viele hielten mich auf der Straße an und erzählten mir von ihren Großvätern die im Koreakrieg gefallen waren. Die Türkei hat damals eine große Anzahl von Soldaten zur Unterstützung der Amerikaner nach Korea geschickt. Die kamen dann alle traumatisiert zurück. Das lustige ist, dass die Koreaner nichts von der Beteiligung der Türken im Koreakrieg wissen und die Türken glauben, dass die Koreaner ihnen wegen der Unterstützung immer noch zutiefst dankbar wären. Deshalb hielten sie mich auf der Straße immer an und erzählten mir so was und dachten ich würde mich bedanken. Aber damals dachte ich ja noch, ich wäre Türke und gehöre sozusagen auch dazu.“

„Und fanden die Kinder in der Schule das nicht merkwürdig? Das so ein Asiate bei ihnen in der Klasse sitzt meine ich?“ sagt sie und lacht ein wenig beschwipst. Ich wippe meinen Kopf und sage:

„Ich wurde ab und zu auch mal gehänselt, aber es war nicht weiter schlimm. Es war nicht anders als der Typ mit den Segelohren oder das Mädchen mit der langen Nase oder was weiß ich. Kinder finden immer irgend etwas, um den anderen aufzuziehen. Gehört irgendwie zur Freundschaft dazu.“

Und so war es auch.

„Niemand will hören wie beschissen es in der Türkei war. Schwellenland. Die Straßenkinder haben mit dem Finger auf mich gezeigt, wenn ich mal unterwegs war. Ab und zu mal auch krasses rassistisches Zeug. Es sind liebenswerte Menschen dort; ungebildet, arm und stolz. Ich liebe die Türkei. Wirklich“, sage ich meinem Publikum. Ich sitze im Schneidesitz auf der Bühne. „An dieser Stelle muss ich betonen, dass es mir sehr schwierig fällt darüber zu sprechen, wie es ist ein Halbkoreaner, Halbtürke zu sein“, sage ich meinem imaginären Publikum, „Denn ich bin keins von beiden. Ich meine, ich bin kein Koreaner und kein Türke. Ich bin kein Türke, denn die Türken wollten mich nicht haben. Ich habe in der Türkei gelebt, ohne den idiotischen Nationalstolz dieses Landes teilen zu dürfen. Ich hätte es gern getan. Ich bin kein Koreaner, weil ich keiner bin. Meine Mutter ist Koreanerin. Ich benutze manchmal den koreanischen Nachnamen meiner Mutter, weil er mir mehr gefällt als mein türkischer Nachname. Aber sonst gibt es nichts, was mich mit der koreanischen Kultur  verbindet. Ich kann die Sprache nicht, ich war nie dort, ich kenne die Geschichte nicht. Ich habe mit meiner eigenen Großmutter noch nie ein Wort gewechselt. Wie soll ich auch ein Koreaner sein? Ich sehe nur ironischer Weise so wie einer aus. Naja, nicht mal das.“ Pause. „Ich sehe mich eher als einer der zahllosen Bastarde der Globalisation, die nicht wissen, was sie sind. Das hat etwas trostlos Romantisches.“ Imaginäres Raunen im imaginären Publikum.

„Und warum bist du wieder zurück gekommen?“ fragt sie. Die Kaffeetasse ist fast leer.

„Ich weiß es nicht“, sage ich.

„Na ja, irgendwas musst du doch erhofft haben.“

„Ich weiß es nicht“, sage ich.

Schweigen.

„Und das ist mein ehrlichster Moment in dieser ganzen Erzählung!“ rufe ich, drehe mich in meinem Barhocker um und sehe dem/r LeserIn direkt in die Augen. „Ich bin wirklich nur ein langweiliger kleiner Junge, kein Tiefstapler, kein Mann von Welt. Ungelogen. Ich bin wieder nach Deutschland gekommen, weil ich es in der Türkei auf keine Hochschule geschafft habe und es einfacher war einen Platz an einer deutschen Hochschule zu bekommen. Ich bin hier, weil es mir von Nutzen war. Nicht weil ich einem Ruf gefolgt bin. Kein back to the roots. Natürlich bin ich auch mal zu meinem alten Viertel in Tempelhof gefahren und habe meine alte Wohnung an geguckt. Ich stand eine viertel Stunde vor dem Haus weil ich nicht rein kam und wartete. Ich spürte nichts. Nach einer Weile wurde es langweilig und ich ging. Ich weiß auch nicht… Ich weiß es nicht.“

„Schönen Hut hast du da“, sagt sie und fasst die Melone an, die eigentlich einem Freund gehört. Meine Nackenhaare. Ich komme mir vor wie eine sich streubende Katze. Kurze Zeit verweilen wir so, ihre Hand um meinen Hals. Der Moment vergeht.

„Aber wie ist es denn nun, Kind einer Koreanerin und eines Türken zu sein?“ frage ich ins Publikum. Trommelwirbel.

Auf einmal sagt sie:

„Ich muss mal nach meiner Freundin schauen, OK?“

Und das ist der Augenblick, an dem Mensch stark sein muss und sagen muss:

„Alles klar. Bis nächstes Mal.“

Und es wird kein nächstes Mal geben. Dann geht sie, ich sitze auf meinem Hocker und starre in meine Kaffeetasse und denke: es ist schwierig.

Applaus in den hinteren Reihen, der Vorhang fällt, was für ein Ende, so vieldeutig! Das Publikum ist begeistert, rote Rosen fallen auf die Bühne, und ich wasche mir die Schminke vom Gesicht während die Rufe nach Zugabe langsam erlöschen. Auch ich würde gerne im Publikum sitzen.

Autor: Ilhan Özgen

3 Comments

Filed under Yellow Press

3 Responses to Punk Rock In Gelb-Weiß

  1. Hasan

    hi Ilhan
    echt gut geschrieben!

    „Das ist aber eine interessante Mischung.“ :P

    kommt mir schon fast vor als sähen sie dich als einen süßen Hundemischling..

    aber nichtsdestotrotz finde ich es sehr interessant die Gene weiter zu mischen, das ist vielleicht die Zukunft :)

  2. Kim Min Hye (Mine in türksich genannt)

    Ich bin selber halb Türkin halb Koreanerin. Ich habe mir extra Zeit genommen und habe es zichmal durchgelesen. Se ihr interissant.
    Als ich in der Türkei war, wurde ich sofort akzeptiert. Zwar haben einige Leute mich schief angeguckt und gefragt bin ich ne Türkin XD…
    Und das 100x täglich. Und als ich in Korea war, erzählte mir ein alter Mann irgendwas von Krieg. Damals wusste ich nicht über den Krieg in Jahre 1950 oder so. Und da wurde ich als Ausländerin akzeptiert. Immerhin waren sie zu mir sehr nett.
    Ich kann Korenisch und Türkisch fließend ausprechen. Doch wenn cih korenisch rede hört sich das lustig an. Will hier jetz keine Romane schrreiben. Doch das tollste ist die akzeptieren mich so wie ich bin. bla bla blablabla bla blabla bla und bla bla bla, bla bla.

  3. Atilla

    ach bei mir ist das eher langweilig wenn iche rzähle das ich halb aserbaidschaner halb türke bin. und da ist es leicht: ich sehe mich als turke :D
    aserbaidschaner und türken gehören ja schließlich zum selben volk also nenne ich mich selbst tUrke^^

    also im spiel türkei vs süd-korea um den dritten platz in der WM 2002 hatten viele süd-koreanische fans auch türkische bemalungen und türkische flaggen. ich glaube schon das gebildete koreaner die beteiligung der türken im koreakrieg wissen.

    ich fänds voll interessant auch son exote zu sein… bin aber nur ein deustcher halb österreicher in türkischer version wenn du verstehst was ich meine^^

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