„Geteilte Geschichte“ – Ein Interview mit Nataly Jung-Hwa Han zur Ausstellung SHARED.DIVIDED.UNITED Deutschland–Korea: Migrationsbewegungen im Kalten Krieg (Berlin, 10.10. – 15.11.2009)

Yellow Press: Du hast die Sachen Deiner Mutter für die Ausstellung „SHARED.DIVIDED.UNITED Deutschland-Korea: Migrationsbewegungen im Kalten Krieg“ zur Verfügung gestellt. Wieso hast Du Dich dafür entschieden?

Nataly Han: Meine Mutter war 72, als sie starb und sie war eine der ersten Frauen, die hier [in Deutschland, Anm. d. Redaktion] gestorben ist. Ich dachte mir, vielleicht möchten ja auch einige von denen, die heute noch am Leben sind, dass ihre Sachen gezeigt werden. Denn die Geschichte meiner Mutter ist zwar einerseits abgeschlossen, andererseits lebt sie auch anders fort. Meine Mutter gehörte zu den ältesten Frauen damals, als sie 1971 als Krankenschwester nach Deutschland kam. Sie war damals 36-37-38. Heute kann man in dem Alter noch verspielt und jung sein, aber damals hatte man in dem Alter eine große Verantwortung für die Kinder und die Familie.

Yellow Press: War das auch ein Grund, warum sie nach Deutschland kam?

Nataly Han: Es waren in erster Linie finanzielle Gründe. Mein Vater hat damals als Redakteur für die Korea Times und den Korea Herold gearbeitet. Er hatte damals das Problem, dass er nicht frei schreiben konnte. Daher wollte er so nicht mehr arbeiten und hat dann zu Hause übersetzt. Finanziell war das sehr knapp. Und wenn man im Ausland gearbeitet hat, gab es damals viel Geld.

Yellow Press: Warum hat sich Deine Mutter für Deutschland entschieden?

Nataly Han: Weil Deutschland Krankenschwestern angeworben hat. Es wurden Fachkräfte, vor allem Krankenschwestern, gesucht. Meine Mutter hatte dann die Idee, für drei Jahre nach Deutschland zu gehen. Parallel dazu hat sie sich auch für die USA beworben. Da hätte die gesamte Familie auswandern können. Sie wäre genauso auch nach Amerika gegangen, aber die Zusage kam zuerst aus Deutschland.

Yellow Press: Welche Konsequenz hatte das für dich?

Nataly Han: Als Mädchen war das eine schwierige Zeit. Ich musste sehr selbstständig werden und alles alleine regeln. Mein Vater war zwar da, aber das war ja doch etwas anderes. Wir waren 7 Jahre getrennt.

Yellow Press: Wie kam es dazu, dass Du dann nach Deutschland gingst?

Nataly Han: Ich bin 1978 gekommen, als mein Bruder zum Militärdienst ging. Es war lange Zeit nicht so klar, ob meine Mutter wieder zurückkommen würde, oder ob die Kinder nach Deutschland nachkommen sollten. Als ich dann nach Deutschland ging, war ich 16 und hatte in Korea gerade die 9. Klasse abgeschlossen. Es war damals nicht so einfach, einen Reisepass zu bekommen. Was auch schwierig war: Ich hatte damals eine Flugroute, die 26 Stunden gedauert hat, weil wir die südliche Route über Manila, Bangkok, Indien und Saudi Arabien nach Zürich nehmen mussten, weil kurz davor ein südkoreanisches Flugzeug über der Sowjetunion abgeschossen wurde.

Yellow Press: Wie hast Du den Kalten Krieg damals noch erfahren?

Nataly Han: Zum Beispiel musste man, bevor man ausreiste, zu einer mit einer Impfung verbundenen Aufklärungskampagne. Uns wurde gesagt: Wenn Sie nach Deutschland gehen, dürfen Sie niemals mit dem Zug oder mit dem Auto nach Berlin fahren, nur fliegen. Denn die Transitstrecke führt ja durch das Gebiet der DDR. Dadurch hatte ich auch so ein bisschen Angst vor dem Fliegen. Es könnten ja Nordkoreaner da sein, die Kontakt zu einem aufnehmen wollen oder man könnte entführt werden. Solche Ängste waren da.

Yellow Press: Hat sich diese Angst eigentlich gehalten oder hat sie sich mit der Zeit in Deutschland gelegt?

Nataly Han: Beides. Vor drei Jahren hatte ich den Direktor des Goethe-Instituts in Seoul getroffen. Ich fragte ihn aus Spaß nach einem Job. Er guckte mich ganz ernst an und meinte, er hätte einen Job für mich. In Nordkorea hatte ein deutscher Lesesaal eröffnet und er meinte, ich sei eine geeignete Person. Ich habe dann gemerkt, ich würde überall auf der Welt hingehen, aber nicht nach Nordkorea – das ist für mich beängstigend. Und daran habe ich gemerkt, welche tiefen Ängste immer noch in mir schlummern.

Yellow Press: Du hast selbst ja auch Familie in Nordkorea. Welche Rolle spielte das für Deine Familie?

Nataly Han: Mein Vater kommt aus Pjöngjang und die Familie meiner Mutter kommt aus der Region oben bei der chinesischen Grenze. Sie sind dann sehr viel umgezogen und über Wonsan nach Seoul. Aber die Hälfte der Familie ist in Nordkorea geblieben. Wir haben viele Angehörige und Verwandte in Nordkorea. Aber die gesamte Familie im Süden versucht nicht, Verwandte ausfindig zu machen oder Kontakte herzustellen.

Yellow Press: Warum nicht?

Nataly Han: Mein Vater ist ja im Koreakrieg geflüchtet und in der Zeit der provisorischen Teilung studierte der älteste Bruder meines Vaters in Seoul. Aufgrund dessen hatte der Großvater Probleme und musste immer wieder ins Gefängnis. Ich glaube, dass meine Familie in dieser Zeit verinnerlicht hat, dass es den Menschen in Nordkorea schadet, wenn die Regierung weiß, dass sie Verwandte im Süden haben. Aus dem Grund hatten sie sich angewöhnt, nicht darüber zu sprechen, um die Verwandten im Norden zu schützen. Phasenweise war es im Süden auch ungünstig, wenn man aus dem Norden kam und in Nordkorea Verwandte hatte.

Yellow Press: Habt ihr im Familienkreis nie darüber gesprochen?

Nataly Han: Es war uns allen klar, dass es eine traurige Geschichte ist. Wir hatten das zwar verdaut, aber bevor meine Mutter starb, hatte sie sich schon gewünscht, einmal nach Wonsan zu gehen, am weißen Strand zu sein und das Meer zu sehen. Ich glaube aus dem Grund ist sie auch später in ihrem Leben aus Stuttgart an die Nordsee gezogen. Sie wollte gerne am Meer leben. Aber auf der anderen Seite sind meine Eltern nicht so heimatverbunden gewesen wie andere koreanische Eltern, weil sie doch mehr städtisch geprägt waren. Ich glaube, wenn man schon einmal ausgewandert ist – meine Eltern waren ja Flüchtlinge in Südkorea und das Leben in Südkorea war sowieso sehr unruhig – prägt das. Meine Mutter war eine wahnsinnig selbstständige Frau, aber ständig getrieben, woanders zu sein.

Yellow Press: Hat Dich das auch geprägt?

Nataly Han: Nachdem meine Mutter gestorben war und wir sie hier in Berlin begraben haben, da hatte ich das Gefühl, die Frau, die damals so mutig alleine nach Deutschland gekommen ist, hat jetzt mit ihrem Tod hier in dieser Erde Wurzeln geschlagen. Andererseits kam mir der Gedanke: Ich weiß ja nicht, ob ich für immer in Berlin bleibe. Und was mache ich dann, wenn ich aus Berlin wegziehen sollte? Ich hab dann die Lösung gefunden: Meine Mutter ist in Berlin begraben. Sie wird wahrscheinlich auch hier begraben bleiben. Aber für den Fall des Falles, in einer Urne. Denn eine Urne kann man trotz Erdbestattung nachträglich leichter mitnehmen.

Yellow Press: Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Rebecca Sumy Roth

Nataly Jung-Hwa Han arbeitet als Übersetzerin und Konferenzdolmetscherin (Koreanisch-Deutsch) in Berlin.


INFO

Die Ausstellung SHARED.DIVIDED.UNITED Deutschland-Korea: Migrationsbewegungen im Kalten Krieg wird vom 10. Oktober bis zum 15. November 2009 täglich in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) und im GfKFB sowie im Grenzwachturm Schlesischer Busch in Berlin zu sehen sein. Eröffnet wird die Ausstellung am 9. Oktober ab 19 Uhr an drei Orten. Mehr Informationen zur Ausstellung und zu den Veranstaltungsorten finden Sie unter www.ngbk.de und www.korientation.de.

1 Comment

Filed under Shared. Divided. United, Yellow Press

One Response to „Geteilte Geschichte“ – Ein Interview mit Nataly Jung-Hwa Han zur Ausstellung SHARED.DIVIDED.UNITED Deutschland–Korea: Migrationsbewegungen im Kalten Krieg (Berlin, 10.10. – 15.11.2009)

  1. Pingback: Ausstellung Shared. Divided. United | korientation

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>