Kunst und Geschichte in der Ausstellung SHARED.DIVIDED.UNITED
Am 9. Oktober eröffnet in Berlin die Ausstellung „SHARED.DIVIDED.UNITED Deutschland – Korea: Migrationsbewegungen im Kalten Krieg“, die im Jubiläumsjahr 2009 (20 Jahre Mauerfall – 60 Jahre Grundgesetz) einen Blick auf die „Geteilte Geschichte“ Deutschlands und Koreas wirft. korientation stellt die Hintergründe für die Ausstellung vor.
2009 – ein bedeutsames Jahr. Nicht nur ist es als Superwahljahr ausgerufen worden. Es gibt eine ganze Reihe weiterer denkwürdiger Ereignisse. Um nur einige zu nennen: Neben 60 Jahre Grundgesetz und 20 Jahre Mauerfall reihen sich unter anderem auch 45 Jahre koreanische Bergarbeiter und 40 Jahre koreanische Krankenschwestern in Deutschland ein.
40 Jahre, 45 Jahre sind keine kurze Zeit. Trotzdem ist die koreanische Migrationsgeschichte in Deutschland ein weithin unerschlossenes Gebiet. In der Öffentlichkeit ist wenig über die KoreanerInnen in Deutschland bekannt. Lediglich die Tatsache, dass Krankenschwestern und Bergarbeiter als „Sanfte Engel“ oder als Kumpel die deutsche Wirtschaft in den 60er- und 70er Jahren beleben sollten, mag der ein oder andere wissen. Dies stellt jedoch lediglich einen kleinen Ausschnitt aus der noch unzulänglich erforschten und rezipierten koreanischen Migrationsgeschichte dar.
- Geteilte Geschichte
Deutschland und Korea sind auf eine ganz besonderen Art und Weise miteinander verbunden, nämlich durch ihre Geteilte Geschichte. Geteilt hat hierbei im Deutschen eine doppelte Bedeutung – „geteilt“ im Sinne der Teilung, aber auch „geteilt“ im Sinne der Verbundenheit. Deutschland und Korea verbindet diese ganz spezifische Erfahrungen, nämlich die Teilung des Landes. Gleichzeitig sind beide Frontstaaten des Kalten Krieges gewesen. Erst vor diesem Hintergrund können die Migrationsbewegungen verstanden werden, die in allen vier Himmelsrichtungen zwischen Deutschland und Korea stattfanden: Koreaner gingen als Gastarbeiter von Südkorea nach Westdeutschland (BRD). Koreaner gingen von Nordkorea als Studenten und Waisenkinder nach Ostdeutschland (DDR). Ostdeutsche gingen im Rahmen der „solidarischen Entwicklungsarbeit“ nach Nordkorea. Südkoreaner in Westdeutschland gingen über Ostdeutschland wiederum nach Nordkorea. Nordkoreaner in Ostdeutschland flüchteten nach Westdeutschland. Und so weiter.
Von Süd nach West Die südkoreanische Migration nach Westdeutschland war auf die Berufe Krankenschwester und Bergmann beschränkt und fand in den 1960er und 1970er Jahren statt. Die Beschäftigung der SüdkoreanerInnen sollte offiziell dazu dienen, die beruflichen Kenntnisse der südkoreanischen Bergarbeiter zu erweitern und wurde als „technische Entwicklungshilfe“ für Südkorea ausgegeben. Doch kaum einer der angeworbenen Südkoreaner war vorher oder nachher in Südkorea im Bergbau beschäftigt. Als sog. „Afro-Asiaten” waren sie zudem rassistischen Einstellungen der Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt. Die südkoreanischen Frauen und Männer schafften es jedoch, sich durch Unterschriftenaktionen und öffentlichen Protest über den Anwerbestopp 1973 hinaus einen Aufenthalt in der Bundesrepublik zu sichern. Insgesamt leben heute ca. 50.000 SüdkoreanerInnen in Deutschland.
Von Nord nach Ost Die nordkoreanische Migration nach Ostdeutschland umfasste knapp 1.000 nordkoreanische Waisenkinder und Studierende und fand in den 1950er Jahren statt. Die Kosten für ihre Ausbildung wurden von der DDR im Rahmen der „sozialistischen Hilfe“ getragen. In der Zeitung „Neues Deutschland“ hieß die Losung: „Wer Korea hilft, hilft Deutschland.“ Mit zunehmender Aufenthaltsdauer entwickelten die Kinder und Studierenden bikulturelle, hybride Identitäten. Doch eine Integration der „Fremden“ in der DDR war – ähnlich wie im Westen zu Zeiten der „Gastarbeiter“ – nicht beabsichtigt. Im Gegenteil: Es bestand eine große Angst davor, dass sich die „Fremden“ in der DDR niederlassen könnten oder binationale Ehen schließen würden. Deutsch-koreanische Liebesbeziehungen unter den Studierenden wurden daher sowohl von der DDR als auch von Nordkorea missbilligt.
Von Ost nach West Manches deutsch-koreanische Liebespaar flüchtete gemeinsam nach Westberlin oder in die BRD. Dies verleitete den nordkoreanischen Botschafter in Ostberlin zu der geschlechtsspezifischen und patriotischen Äußerung, dass die Westflucht der nordkoreanischen Schüler und Studierenden an den deutschen Frauen läge. Die Ost-Berlinsperre für alle Nordkoreaner, die im August 1957 verhängt wurde, konnte die andauernde Fluchtbewegung nicht stoppen. Allein 1959 flüchteten elf nordkoreanische Studenten in den Westen. Die Stadt Berlin diente daher für viele Koreaner als Drehkreuz der Migration. Die Fluchtversuche müssen jedoch vor dem Hintergrund der allgemeinen Fluchtwelle der DDR-Bürger vor dem Mauerbau betrachtet werden.
Von Ost nach Nord 1955 beschloss die DDR, Hilfeleistungen beim Wiederaufbau der nordkoreanischen Stadt Hamhúng zu leisten. Bis zum vorzeitigen Ende des Projektes 1962 waren insgesamt ca. 450 Personen durchschnittlich knapp ein Jahr vor Ort. Für viele DDR-Bürger war die „Fremde“ mit Abenteuerlust und Exotik verbunden. Der Nordkoreaeinsatz war für viele Teilnehmer das größte Abenteuer ihres Lebens und zugleich eine Reifeprüfung für die noch jungen Experten. Die Zusammenarbeit mit Koreanern wurde in den offiziellen Berichten überwiegend positiv beurteilt. In Wirklichkeit war die Beziehung jedoch durch ostdeutsches Sendungsbewusstsein geprägt.
Von Süd nach West über Ost nach Nord Berlin in den 1950ern war der einzige Ort auf der Welt, an dem ohne Vermerke in Pässen ein kommunistisches Gebiet betreten werden konnte. Viele der in Deutschland lebenden SüdkoreanerInnen waren von den damaligen nordkoreanischen Modernisierungserfolgen und der Möglichkeit einer Kontaktaufnahme mit Familienmitgliedern in Nordkorea fasziniert und besuchten die nordkoreanische Botschaft in Ostberlin – mit der Absicht, nach Nordkorea einzureisen. Im Frühsommer 1967 reisten Beamte des südkoreanischen Geheimdienstes in das Gebiet der Bundesrepublik ein und entführten, unter dem Vorwurf der Spionage, siebzehn koreanische Staatsangehörige – darunter den Komponisten Yun Isang. Die Festgenommenen wurden angeklagt, einige zum Tode oder zu lebenslanger Haft verurteilt. Dieser Fall, heute als „Ostberlin-Affäre“ bekannt, löste die schwerste diplomatische Krise zwischen der BRD und Südkorea aus, die zweieinhalb Jahre andauerte.
- Ausstellung Shared. Divided. United
Am 9. Oktober 2009 wird unter der Trägerschaft des NGBK e.V. zum ersten Mal eine Ausstellung eröffnet, die dieses Thema, nämlich die koreanische Migrationsgeschichte in Deutschland vor dem Hintergrund des Kalten Krieges anhand von zeitgenössischen Kunstwerken und historischen Dokumenten behandelt.
Es werden die Arbeiten von 15 zeitgenössischen Künstlern aus Deutschland und Korea gezeigt werden, die sich in ihren Werken mit bestimmten Aspekten der Thematik auseinandersetzen. Gleichzeitig werden historische Dokumente und Materialien auf unterschiedlichen Medien ebenfalls schlaglichtartig geschichtliche Ereignisse und Zusammenhänge und somit die unterschiedlichen Facetten der deutsch-koreanischen Migrationsgeschichte beleuchten. Die Geschichte der 1. Generation wird somit ausschnitthaft dargestellt und mit den Kunstwerken verschränkt. Das Thema der geteilten Geschichte zieht sich durch die gesamte Ausstellung, die wiederum auf zwei Ausstellungsorte verteilt ist: Die NGBK Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e.V. befindet sich in Kreuzberg auf der ehemaligen Westseite Berlins. Kreuzberg grenzte direkt an die Mauer. Der zweite Ausstellungsort, die GfKFB befindet sich in Treptow auf der ehemaligen Ostseite direkt neben der Mauer am ehemaligen Mauerstreifen. Der direkt dort positionierte ehemalige Grenzwachtturm an der Schlesischen Straße wird ebenfalls künstlerisch bespielt.
Korientation lädt alle zur Eröffnung am 09. Oktober 2009 ein!
Informationen zur Ausstellung
SHARED.DIVIDED.UNITED
Deutschland-Korea: Migrationsbewegungen im Kalten Krieg
Eine Ausstellung der NGBK – Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in der NGBK und GfKFB
10. Oktober – 15. November 2009, täglich 12-19 Uhr, Do-Sa 12-20 Uhr
Ausstellungseröffnung: 9. Oktober 2009 ab 19.00 h an drei Orten
Offizielle Eröffnung: 19.00 Uhr / NGBK, Oranienstr. 25
Performance: msk7, 21.00 Uhr / Flutgraben, Obere Freiarchenbrücke
Eröffnungsparty: 22.00 Uhr / Halle des Flutgraben e.V., Am Flutgraben 3
KünstlerInnen:
Duck-Hyun CHO, Kane DO, Harun FAROCKI, kate hers, Kerstin KARTSCHER, Georg KLEIN, Enna KRUSE-KIM, Chang-Won LEE, Helena Parada KIM, Florian WÜST, Chan-Kyong PARK, Sunmu, Suntag NOH, Jae-Hyun YOO/Farida HEUCK, msk7
Veranstaltungsorte:
NGBK e.V.
Oranienstr. 25
10999 Berlin
GfKFB
Am Flutgraben 3
12435 Berlin
Eine Ausstellung der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, in Kooperation mit GfKFB network for artistic research und Flutgraben e.V in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Kulturamt des Bezirksamtes Treptow-Köpenick. Einzelne Projekte gefördert von der Stiftung Kunstfonds Bonn und der Kulturverwaltung des Berliner Senats.
Die NGBK dankt dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten für die Förderung.
Die NGBK und die Asien-Pazifik-Wochen werden von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin finanziert.
Medienpartner: Zitty Berlin, Jungle World.
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