In die Geschichte fallen. Gedanken einer Adoptierten nach der Rückkehr aus Korea

Von Anja
Zurück in die Geschichte fallen

Im März diesen Jahres war ich, seitdem ich 1979 von einer deutschen Familie nach Berlin adoptiert wurde, zum ersten Mal wieder in Korea. Auf dieser Reise habe ich versucht, mehr über meine Vorgeschichte zu erfahren und so viel wie möglich vom Land und vor allem von Seoul aufzunehmen. Ich habe aber auch viele Gespräche über die Geschichte der Adoption in Korea geführt, darüber, wie Auslandsadoption zu der selbstverständlichen, wenn auch nicht unproblematischen Praxis werden konnte, die sie in Korea heute noch ist.

Wenn ich jetzt, zurück in Deutschland, über meine Reise spreche, biete ich meinem Gegenüber drei mögliche Perspektiven an: eine biographische (was ich über mein Leben vor der Adoption herausgefunden habe), eine akademische (über die Geschichte und das Verständnis von Adoption in Korea), eine kulturelle (wie es da so ist, vor allem das Essen beschreibe ich häufig). „Was interessiert dich am meisten?“, frage ich („das Biographische!“). Abgesehen von den, je nach dem, mit wem ich spreche, anderen Antworten, ist diese Unterscheidung der Perspektiven natürlich irreführend und dient nur dazu, meine Gedanken und Erfahrungen zu strukturieren. Biographisches ist von akademischem und kulturellem Interesse nicht zu trennen, das habe ich in Korea auch gelernt.

Sprache

Mein allererstes Erlebnis. Ich komme in Incheon an, nehme den Bus, steige um in ein Taxi. Die umsichtige Mitarbeiterin in meiner Unterkunft erklärt dem Taxifahrer per Telefon, wohin die Fahrt geht. Nach einer Weile hält das Taxi an. Der Fahrer erklärt mir mit seinen Händen, dass ich aussteigen soll. Der Fahrtpreis ist unglaublich niedrig, aber das bemerke ich in diesem Moment nicht, so verwirrt bin ich. Das Taxi fährt los und ich stehe auf der Straße, mit meinem Gepäck, keinem Telefon und keinerlei Zeichen, die mich führen könnten. Zwei Frauen nähern sich und ich spreche sie auf Englisch an, was sie zu meiner großen Freude verstehen. Sie fragen: „What brings you here?“ Ich antworte: „I was born here.“ Sie sprechen miteinander auf Koreanisch. Als einziges Wort höre ich „Ibyang“ heraus, das Wort für Adoption. Sofort fühle ich mich erkannt und sicher. Die Frauen sind sehr freundlich und mit Hilfe weiterer Passanten gelingt es, meine Unterkunft zu finden. Später erzählt man mir dort, dass Adoptierte ziemlich häufig auf dem Weg zu ihnen verloren gehen und manchmal würden sie auch von der Polizei gebracht. Was für eine Ironie. Ich denke noch lange an die Situation. Die zunächst unüberbrückbare Sprachbarriere, die massive Abhängigkeit vom Wohlwollen und der Hilfe Fremder, ein spezifisches Wissen, das ein Wort für meine Existenz bereithält und Bildung, Sprachkenntnisse, die es mir ermöglichen, zu sprechen und gehört zu werden – diese Bedingungen haben für mich als Adoptierte eine ganz besondere Bedeutung.

Matching

Ich bin mit der einfachen Idee des „matching“, der Zusammenfügung komplementärer Bedürfnisse aufgewachsen. Kinder brauchen Eltern, Eltern wünschen sich Kinder. Ein Blick auf die Geschichte der Adoption in Korea zeigt, dass die Gründe für die Bedürftigkeit der Kinder komplexer und heikler sind, als die Idee des „matching“ erahnen lässt. (Auch der so unschuldig daher kommende Wunsch nach einem Kind ist nicht ganz so harmlos, wenn er in einem größeren Zusammenhang gesehen wird.) Vor Ort stellen sich mir eine Menge Fragen: Viele Länder waren und sind arm und kriegsversehrt, was aber sind die Gründe dafür, dass gerade aus Korea so viele Kinder ins Ausland adoptiert wurden und über einen so langen Zeitraum? Wie konnte sich Auslandsadoption in Korea in so großem Umfang durchsetzen? Zwischen 1953 und 2004 wurden nach offiziellen Zahlen 156242 Kinder ins Ausland adoptiert, die meisten zwischen Ende der 1970er und im Verlauf der 1980er Jahren. In den ersten Jahren nach dem Krieg und in den 1960ern waren es einige Hunderte im Jahr, heute hat sich die Anzahl auf gut 2000 Kinder im Jahr „eingependelt“. (Hübinette 2006, 261) Kein anderes Land hat eine so lange Geschichte der Auslandsadoption. Wie lässt sich das erklären? Ist es wirklich ausreichend, auf die frühere Armut des Landes hinzuweisen?

Betrachtet man nur die engste Familie dann sind bei über 150000 Kindern 300000 weitere Menschen betroffen (Eltern), und noch einmal 600000 Menschen (Großeltern), ungeachtet der Geschwister der Kinder, Geschwister der Eltern, PartnerInnen der Geschwister …. Wer hat sie auf die Idee der Auslandsadoption gebracht, wer hat ihnen erklärt, was das ist, wer hat ihnen dabei geholfen? Eine Auslandsadoption ist aufwändig, man muss wissen, an wen man sich wenden kann, man braucht eine (internationale) Vermittlung für geeignete Adoptiveltern, ÜbersetzerInnen, Beamte, die Papiere ausstellen, eine Unterkunft für die Übergangszeit, Betreuungspersonal, Geld für Flugtickets, Begleitpersonen für den Flug. Da sind noch einmal eine ganze Menge Menschen involviert. Wer sind diese Menschen? Was erhoffen sie sich, für sich, für die Kinder? Was für Vorstellungen haben diese Menschen von Verwandtschaft, Familie und Gemeinschaft? Gäbe es Alternativen? Wären Alternativen wünschenswert? Welche Rolle spielen soziale und kulturelle Aspekte, die Situation unverheirateter Mütter, die Einstellung zu Unehelichkeit, religiöse Überzeugungen, ökonomische Interessen der Vermittlungsagenturen? Und welche Bedeutung hat auch eine anhaltende Nachfrage nach (koreanischen) Kindern aus dem Ausland? Wie wirkt sich dieser globalisierte Kinderwunsch auf die Situation in Korea (und in anderen „abgebenden“ Ländern) aus? Und wie geht es all diesen Menschen hinterher, den Kindern, den Verwandten, den VermittlerInnen? Was bedeutet diese Praxis der Familienteilung und -bildung für eine Gesellschaft? Hinterlässt es Spuren? Dies sind Fragen, die sich auch auf die Geschichte der koreanischen Migration im Allgemeinen übertragen lassen. Das Sprechen vom „matching“ reduziert diese Geschichte auf individuelle Bedürfnisse und Wünsche. Unsichtbar werden dadurch all die anderen Beteiligten und Aspekte, die Adoption und andere Formen der Migration erst möglich machen.

Geschichte/ Gemeinschaft

Die beeindruckendste Erfahrung meines Aufenthaltes in Korea war, zu sehen, dass meine persönliche Geschichte Teil (nicht nur) der koreanischen Geschichte ist. Ich vermute, dass viele Adoptierte (MigrantInnen?) sich merkwürdig geschichtslos fühlen, unverbunden weder mit der Geschichte des Geburts- noch mit der des Adoptivlandes. Krieg, Imperialismus, Militärdiktatur, Industrialisierung, Nationsbildung, Rassismus, Blutsideologie, Patriarchat, fehlendes Sozialwesen, Familienpolitik, Verwaltung von Familienregistern, Regierungs- und private Programme zur Förderung oder Restriktion von Adoptionen, Medienkampagnen zur Promotion wie auch kritische Berichterstattung, nationale Diskussion wie internationale Rezeption, alle diese Elemente sind zu berücksichtigen, will man verstehen, wie Auslandsadoption in die koreanische Gesellschaft eingeführt, verbreitet und etabliert werden konnte. Auf meiner Reise von diesen sozialen, politischen, ökonomischen Bedingungen zu erfahren, hieß für mich, in die Geschichte zu fallen, eine irritierende, anstrengende und stärkende Erfahrung.

Zitierte Literatur:

Tobias Hübinette: Comforting an Orphaned Nation. Representations of International Adoption and Adopted Koreans in Korean Popular Culture, Seoul 2006.

Anja lebt in Berlin und arbeitet an einer kulturwissenschaftlichen Dissertation zu Formen von Adoption und Verwandtschaft im 20. Jahrhundert. Ihre frühesten Spuren führen nach Busan.

3 Comments

Filed under Yellow Press

3 Responses to In die Geschichte fallen. Gedanken einer Adoptierten nach der Rückkehr aus Korea

  1. Sehr ansprechende Geschichte! Ich hoffe bald mehr lesen zu können.

  2. Ja, bitte, ich hoffe auch mehr hier zu lesen.

    “Die beeindruckendste Erfahrung meines Aufenthaltes in Korea war, zu sehen, dass meine persönliche Geschichte Teil (nicht nur) der koreanischen Geschichte ist.”

    Very powerful, leider weiß ich nicht, wie man es richtig auf Deutsch sage.

  3. ich habe deine erfahrung in korea so wie du es geschildert hast. mit erleben können. ich selber wurde 1976
    adoptiert.hattest du eine schöne kindheit? fühlt mann sich gut ein mensch zweiter klasse?dass sind fragen die man sich stellt, wenn man in deutschland aufgewachsen ist.
    grüsse markus aus konstanz

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>