Serie: Ise & Arbeit. Folge 9: Berufserfahrungen einer Künstlerin

Bo-Sung Kim

Bo-Sung Kim

Bo-Sung Kim, geboren 1977 in Seoul, Südkorea, aufgewachsen in Berlin, studierte Traditional Folk Theatrics an der National University of Arts in Seoul. Sie hatte Auftritte in Deutschland, Tschechien, England und Südkorea. Seit 2005 ist sie als Tänzerin und Musikerin Mitglied des Projekts ~su. Sie gibt mehrere Workshops in SamulNori und Tanz in Deutschland und Belgien.

YP: Hallo Bo-Sung, kannst Du uns Deine Arbeit kurz beschreiben?
Bo-Sung Kim: Ich bin Künstlerin, ich mache Musik, hauptsächlich koreanische Percussion, ich tanze Talchum und trete damit auf. Außerdem unterrichte ich auch und gebe Workshops und Kurse.

YP: Wann hast Du Dich für diesen Beruf entschieden?

Bo-Sung Kim: Ich hatte das in Korea studiert. 2004 bin ich dann nach Deutschland zurückgekommen, da war schon klar, dass das mein Beruf sein soll. Am Anfang habe ich nebenbei in der Gastronomie gearbeitet, aber erst jetzt habe ich so langsam das Gefühl, dass das wirklich ein Beruf ist.

YP: Und wie bist Du auf das Studium gekommen?

Bo-Sung Kim: Samulnori zu spielen hatte ich ja hier in Berlin angefangen, in der Gruppe Chon Dung Sori. Dann war für mich klar, dass ich irgendwann nach Korea gehe, um das dort zu lernen. Eigentlich wollte ich das nicht studieren, sondern bei einem Meister leben und das richtig lernen. Ich wollte auch gerne Schamanenkünste lernen. Das hätte bedeutet, zu einem Schamanen zu gehen. Aber in Korea habe ich dann gemerkt, dass dieser Weg total schwer ist. Also entweder man kennt schon Leute, oder man hat total viel Geld, um die Meister zu bezahlen. Dann habe ich aber über Meister Kim Duk-Soo von diesem Studiengang an der Korean National University of Arts in Seoul gehört.

YP: Wie sah das Studium aus?

Bo-Sung Kim: Das Studium nennt sich auf englisch Korean Traditional Performing Arts bzw. Traditional Folk Theatrics. Es gab drei Hauptfächer: Schamanenkünste, Maskentänze und Pungmul. Dann gab es Nebenfächer wie Pansori und Kayagum und andere Instrumente oder Tanz. Diesen Studiengang gab es damals noch nicht lange. Zum Studieren habe ich mich dann entschieden, weil meine Eltern dagegen waren, dass ich zu irgendjemand nach Korea gehe und dort irgendwie Samulnori lerne. Sie wollten, dass ich etwas Vernünftiges studiere, Medizin, Jura, etwas, womit man Geld verdienen kann. Und Samulnori, das ist ja Bauernmusik, etwas Traditionelles, eine Kunst, die arme Leute gemacht haben. Meine Eltern waren strikt dagegen.

YP: Und, kann man damit Geld verdienen?

Bo-Sung Kim: Man kann davon leben, wenn man sich wirklich anstrengt. Wenn man viel auftritt, wenn man viele Leute kennt, die einen für Workshops anfragen. Das heißt, man muss selbst viel unterwegs sein und versuchen, so viel wie möglich aufzutreten.

YP: Das hört sich relativ schwierig an:

Bo-Sung Kim: Es ist schwierig, weil es nicht so viele gibt, die das beruflich machen. Diesen Beruf gibt es hier ja gar nicht, ich muss ihn selbst gestalten. Das war für mich am Anfang schwierig. Afrikanische Musik oder brasilianische Musik ist schon überall gang und gäbe. Aber koreanische Musik kennen nicht viele. Aber genau deswegen gibt es wiederum viele Möglichkeiten, nicht nur in Deutschland, auch in ganz Europa. Wenn man mal im Ausland auftritt und die Neugierde und Begeisterung der Leute sieht, das ist schon toll.

YP: Macht es einen Unterschied, dass Du einen migrantischen Background hast?

Bo-Sung Kim: Ja, das macht einen großen Unterschied. Den Unterschied sehe ich an meinem Mann, der denselben Beruf hat. Mein Mann ist ja richtiger Koreaner. Er ist in Korea aufgewachsen. Er ist 100% Koreaner und deswegen auch authentisch. Ich dagegen komme aus einem ganz anderen Kontext als mein Mann. Ich werde von Koreanern hier in Deutschland mehr als Tochter meiner Eltern wahrgenommen. Oft gibt es Anfragen für eine koreanische Veranstaltung. Dann werde ich gefragt: Bo-Sung-A hast Du nicht Lust etwas zu spielen? Ja klar hab ich Lust, aber das ist mein Beruf, das heißt, ich muss damit Geld verdienen. Und das verstehen viele nicht, weil sie mich als Tochter meiner Eltern sehen, als jemand, die das als Hobby gemacht hat, die dann, um das zu lernen, nach Korea gegangen ist. Wir fragen sie, denn wir kennen sie und wir gehören doch alle zusammen.

Bei meinem Mann ist das ganz anders. Er ist Park Songsaengnim, also Meister Park. Und die Leute fragen gleich, wenn es zum Beispiel um einen Workshop geht: Meister Park, wir würden gerne von ihnen lernen, wie viel würden sie denn nehmen?

Dann ist es noch ein Unterschied, dass viele Deutsche verwundert sind, dass ich so gut Deutsch sprechen kann. Dann muss ich sagen: Nein, ich bin hier aufgewachsen, ich komme nicht aus Korea, sondern habe das dort studiert. Wenn ich das erzähle, dann werde ich weniger als Profi wahrgenommen, allein dadurch, dass ich so gut deutsch spreche. Mein Mann dagegen kann kein Deutsch, ich muss alles für ihn übersetzen. Aber das kommt besser rüber. Die Leute denken dann: Ah, das ist der Meister aus Korea. Obwohl es fachlich keinen Unterschied zwischen uns gibt.

YP: Macht es Dir etwas aus, dass Du durch das, was Du beruflich machst, viel mehr als Koreanerin denn als Deutsche wahrgenommen wirst?

Bo-Sung Kim: Ich selbst empfinde mich nicht nur als Koreanerin oder Deutsche sondern als ich selbst. Worauf ich achte ist, dass ich nicht gleich in die Ethno-Schublade einsortiert werde. Das, was ich studiert habe, war zwar traditionell, aber das, was ich machen möchte, ist, Künstlerin zu sein. In dem Sinne, dass ich meine eigene Musik spiele und die Sachen auf meine eigene Art interpretiere. Das ist ein Versuch zu zeigen, dass ich nicht nur koreanisch bin.

YP: Chon Dung Sori hatte das Ziel, die koreanische Kultur an die zweite Generation in Deutschland weiterzugeben. Hast Du da für Dich eine andere Einstellung gewonnen?

Bo-Sung Kim: Ja. Wenn ich auftrete, dann trete ich als Künstlerin auf und nicht als jemand, die missioniert und sagt: Das ist Korea. Ich gebe aber auch Workshops und da ist es anders. Da sehe ich mich schon als jemand, die die koreanische Kultur vertritt.

YP: Kannst Du Deinen Beruf empfehlen?

Bo-Sung Kim: Das Studium selbst war superhart. Das kann ich nur denjenigen empfehlen, die das auch wirklich machen möchten. Man lernt dabei nicht nur die Musik kennen, sondern auch die ganze Kultur. Diese Hierarchie zum Beispiel, die dort an der Uni besonders in den künstlerischen Bereichen herrscht, war für mich etwas Neues. Für mich hieß das, dass ich als Frau bestimmte Regeln einhalten muss. Als Frau ist das sowieso sehr schwierig, diesen Studiengang zu studieren. Denn die Kunst Pungmul bzw. Maskentanz ist eine Männerkunst. Als ich mich entschieden habe, das zu studieren, habe ich ganz oft von Samulnori-Lehrern die Frage gestellt bekommen, warum machst Du das eigentlich als Frau? Wir ackern uns hier ab, um Dir das beizubringen und danach kriegt Ihr Frauen sowieso Kinder und werdet Hausfrauen. Das war die Einstellung von vielen Samulnori-Lehrern, die ich kennen gelernt habe. Da musste ich mich durchkämpfen – nicht nur als jemand aus dem Ausland, sondern, dass ich das als Frau machen möchte. Das hat mich sehr viel Energie gekostet, und ich musste mir eine dicke Elefantenhaut zulegen, um da durchzukommen.

YP: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

Das Interview führte Rebecca Sumy Roth

2 Comments

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2 Responses to Serie: Ise & Arbeit. Folge 9: Berufserfahrungen einer Künstlerin

  1. Interessantes Interview, ich kann das als Mann kaum nachvollziehen.

  2. kimchi

    hallo,

    ich interessiere mich für ein workshop. Gibt es Kontaktdaten?

    Danke.

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