Serie: Ise und Arbeit. Folge 7: Berufserfahrungen eines Unternehmensberaters

 

Sanghoon LeeDaniel Sanghoon Lee ist Diplom-Ökonom und zusammen mit Zafer Aktas Gründer der Unternehmensberatung AKTAS LEE Management Consultants in Dortmund.

Yellow Press: Kannst Du Dich bitte vorstellen und Deine genaue Berufsbezeichnung nennen?

Sanghoon Lee: Also, ich bin Daniel Sanghoon Lee, 38 Jahre alt und selbständiger Unternehmensberater. Meine Eltern sind beide aus Korea, ich bin aber hier geboren. Zurzeit wohne und arbeite ich in Dortmund.

YP: Skizzierst Du uns kurz Deinen Werdegang?

Sanghoon Lee: Ich würde meinen Werdegang als ziemlich klassisch bezeichnen:

Kindergarten, Grundschule, Gymnasium, Wehrdienst, Banklehre, Studium der Wirtschaftswissenschaft, Selbständigkeit.

YP: Hast Du erlebt, dass Du aufgrund Deiner Herkunft auf bestimmte Tätigkeiten „reduziert“ wurdest?

Sanghoon Lee: Nein. Zumindest kann ich mich an so eine Erfahrung nicht erinnern. Ich hatte in der Vergangenheit überhaupt nie das Gefühl gehabt, dass meine Herkunft eine große Rolle spielt. Zumindest kann ich mich an keine Nachteile erinnern. Eher die Erfahrung, dass man mir als Asiaten manche Dinge eher zutrauen würde. Von wegen, wir Asiaten seien alle intelligent, fleißig…

 

YP: Wie bist Du auf die Idee gekommen, den Beruf eines selbständigen Unternehmensberaters zu ergreifen?

Sanghoon Lee: Die Vorstellung, mal ein eigenes Unternehmen zu haben, hatte ich schon früh. Womit genau, war mir allerdings nicht so klar. Konkretisiert hat sich das eigentlich erst zum Ende meines Studiums. Damals war ich in einem Kurs zum Thema Existenzgründung und habe danach als Werkstudent für eine Initiative gearbeitet, die Gründungen von Hochschulabsolventen förderte. Nach dem Studium habe ich dann zuerst in diesem Bereich gearbeitet, ehe mich ein ehemaliger Studienkollege überzeugte, mit ihm gemeinsam eine Unternehmensberatung für Migranten zu gründen.

YP: Was sind denn die inhaltlichen Ziele Eurer Unternehmensberatung? Aus welchem Anlass kommen Migranten zu Euch und wodurch werden sie auf Euch aufmerksam?

Sanghoon Lee: Für uns war zunächst von Anfang an klar, dass wir uns auf Migranten konzentrieren wollten. Zum einen stellte Zafer, mein Partner, einen gehörigen Bedarf nach türkischsprachiger Beratung fest, zum anderen hatte ich meine ersten Erfahrungen mit dem Thema Existenzgründung gemacht. Entsprechend haben wir mit der Gründungsberatung für türkischstämmige Migranten angefangen. Wir sind aber nicht auf türkischstämmige Migranten beschränkt, einer unserer ersten Kunden war beispielsweise ein polnischstämmiger Deutscher.

In Sachen Gründungsberatung kommen die meisten zu uns, weil sie sich aus der Arbeitslosigkeit selbständig machen wollen. Zum einen ist der Wunsch, sein eigenes Unternehmen führen zu können, bei Migranten, vor allem bei türkischstämmigen, sehr stark ausgeprägt. Zum anderen habe ich schon das Gefühl, dass sich viele unserer Kunden eher schämen, arbeitslos zu sein. Es schadet dem Ansehen in der Community. Sagen zu können, man sei Unternehmer, klingt da schon ganz anders.

Interessanterweise kommen die meisten unserer Kunden aufgrund der persönlichen Empfehlung von anderen. Seit unserer Gründung haben wir kaum Werbung geschaltet. Keine Anzeige, keine Flyer, gerade mal eine simple Internetseite. Die war aber immer für deutsche Institutionen gedacht, die uns am Anfang etwas skeptisch beäugt haben. Nach dem Motto „Können die das?“.

YP: Welche kulturellen Unterschiede beobachtest Du?

Sanghoon Lee: Das erste, was ich gelernt habe, ist, dass viele Türken sehr großen Wert aufs Image legen. Einen dicken Wagen fahren, ein schickes Büro haben, elegant auftreten. Das sind wichtige Zeichen für einen erfolgreichen Unternehmer. Da wir ja selbst auch klein angefangen haben, hatten wir zuerst in unsere Kleider investiert, haben jetzt ein schmuckes Büro und arbeiten nun an einem repräsentablen Firmenwagen.

Was auch sehr auffällt: die Art der Gespräche. Mit türkischstämmigen Migranten fängt man an mit Tee. Dann unterhält man sich erst einmal darüber, wo man herkommt, wen man so kennt. Wichtig ist, Gemeinsamkeiten zu finden. Das verbindet, schafft Vertrauen.

Bei Deutschen ist es so, man gibt sich die Hand, setzt sich hin und kommt sofort zur Sache. Punkt. Meine Beobachtung ist, die meisten Migranten fühlen sich dabei sehr unwohl.

YP: Kannst Du bitte erläutern, wie sich Dein Migrationshintergrund auf Deine Arbeit aus wirkt?

Sanghoon Lee: Hmm… Ich denke, ich kann mich besser an Situationen anpassen. Ich habe gelernt, und das hat nicht unbedingt was mit meinem Migrationshintergrund zu tun, zuerst zu beobachten und mich dann entsprechend anzupassen.

Ich versuche auch meist immer zu hinterfragen: was hat mein Gegenüber gesagt, was meint er damit, und frage in der Regel erst einmal nach, bevor ich mir ein Urteil bilde. Zumindest bemühe ich mich darum.

Wenn ich Konzepte schreibe, versuche ich beispielsweise zu beschreiben, wie Migranten untereinander kommunizieren. Die Mundpropaganda ist im Marketing z. B. ganz wichtig. Die persönliche Empfehlung, von der ich vorhin schon sprach.

Oder wenn ein türkischstämmiger Unternehmer in Zukunft auch deutsche Kunden ansprechen will, versuche ich zu verdeutlichen, wie der deutsche Kunde denkt. Insofern würde ich mich selbst als Vermittler zwischen den Welten betrachten.

YP: Gibt es Situationen, in denen z.B. türkische Migranten ihre Annerkennung zeigen wollen, Dich z.B. auf Feste einladen oder nach Hause? Wie gehst Du damit um?

Sanghoon Lee: Oh ja, die gibt es oder gab es sehr häufig. Ich war auch schon auf der einen oder anderen Hochzeitsfeier. Witzigerweise tanzen Koreaner so ähnlich wie die Türken, so dass man auch schon mal gefragt hatte, ob ich aus Kasachstan kommen würde.

In letzter Zeit hat dies aber eher nachgelassen. Für mich ist das okay, da die meisten in meinen Augen halt Kunden sind, keine Freunde. Manchmal weckt das in mir aber auch die Sehnsucht, wieder mehr mit Koreanern zu tun zu haben als nur mit Türken. Nicht, weil ich die Türken nicht mag. Aber der ständige Kontakt mit ihnen führt mir wieder vor Augen, was mir manchmal fehlt.

YP: Wie sieht es denn mit Deinen Kontakten zur koreanischen Community aus?

Sanghoon Lee: Na ja, interessanterweise leben die meisten meiner Kontakte in Berlin. Selbst meine Eltern leben ja inzwischen in Berlin. In Dortmund kenne ich so gut wie keinen Koreaner außer einer Familie vielleicht. Und in Bochum halt, wo ich studiert habe.

Übers Internet halte ich Kontakt zu den Leuten, die ich kenne. So gut es halt geht.

YP: Würdest Du sagen, dass Du mit Deinem Job zufrieden bist?

Sanghoon Lee: Der Job an sich ist gut. Die Selbständigkeit nervt manchmal. Wobei sie auch Vorteile hat: ich kann zwischendurch zum Arzt gehen oder einkaufen, ohne mich gegenüber einem Chef rechtfertigen zu müssen.

YP: Kannst Du abschließend sagen, ob Du mit Deiner beruflichen Thematik weiter machen willst, oder möchtest Du Dich noch mal umorientieren?

Sanghoon Lee: Als Unternehmer kann ich die Themen meiner Arbeit selbst beeinflussen, z. B. durch Weiterbildung, die ich dann an meine Kunden weitergeben kann. Wir beraten auch heute schon nicht nur Gründer, sondern auch kleine bis mittelständische Unternehmen in den Bereichen Strategie und Marketing. Auch auf diesen Gebieten kommen immer wieder neue Erkenntnisse, von denen unsere Kunden profitieren können.

Vollständig umorientieren würde ich mich wohl nicht, aber das ein oder andere Thema vertiefen.

YP: Sanghoon, vielen Dank für das interessante Gespräch und alles Gute für Deine weitere Arbeit!

Das Interview führte Mira Choi.

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