Let’s talk about Quote!

Über die Schieflage der Repräsentanz von MigrantInnen in den Medien

Von Sun-ju Choi

Sun-ju Choi
Sun-ju Choi

Das deutsche Fernsehen tut sich schwer mit Migranten und Migrantinnen. Für die Rollen im Fernsehfilm scheinen Migranten und Migrantinnen nicht brauchbar, aber dann wiederum irgendwie doch. Denn sie sind immerhin besonders: besonders arm, besonders schwach, besonders tragisch, besonders brutal, besonders begehrenswert etc. In solchen Filmen wird den Figuren selten Alltag und Individualität gewährt, sondern ihre Herkunft ist das primär entscheidende Merkmal ihrer Charakterisierung. Sie brauchen zudem eine Legitimierung für ihre Präsenz, sei es ein “krummer Deal” für den mafiösen Mann oder Arbeit als Prostituierte für die Frau. Schaut man sich die Figuren in TV-Filmen näher an, sind es oft asiatische Frauenfiguren, die als Opfer aus den Fängen der Mafia – oftmals innerhalb der eigenen Community – gerettet werden müssen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich auch schwarze Dealer und brutale “Ehrenmord-Täter” aus türkischstämmigen Kreisen. Dabei wird Ethnizität stets geschlechtsspezifisch zugeordnet und Gender wird ethnisiert: Migrantinnen werden häufig als schwache wehrlose Wesen und Migranten als brutale gefährliche Kriminelle dargestellt. Am Ende wird alles in eine besonders drastische und dramatische Geschichte verpackt. Ein “normales Leben” in Deutschland ist im Film selten möglich.

In Reportagen und Nachrichten werden MigrantInnen oft als sozial schwach, unqualifiziert und gewaltbereit dargestellt. Medienberichte über erfolgreiche MigrantInnen bedienen sich ebenfalls gängiger stereotyper Darstellungen. Diskriminierungen im Alltag hingegen sind selten Thema; so etwas will niemand sehen/hören, also wird darüber auch nicht berichtet.

Trotz gegenteiliger Realitäten fehlt es in Deutschland noch immer an sichtbaren repräsentativen Bildern im öffentlich-medialen Raum. Im Gegensatz zu anderen Einwanderungsländern sind hierzulande wenig MigrantInnen sicht- und hörbar. Als Zielgruppe der Werbung kommen sie nicht einmal vor. Und für die “Gesellschaft für Konsumforschung” (GfK), die für die Messung der Einschaltquote zuständig ist, sind MigrantInnen ebenfalls nicht existent. Bezeichnend dabei ist, dass, obwohl das GfK-Panel 5640 Haushalte umfasst, deren Fernsehnutzung repräsentativ für deutsche TV-Haushalte sein soll, keine einzige migrantische Familie “gemessen” wird. Ihr Fernsehverhalten scheint also niemanden zu interessieren, obwohl MigrantInnen fleißige RundfunkgebührenzahlerInnen sind. Diese Sachlage hat einen einfachen Grund: MigrantInnen sind an entscheidenden Stellen in der medialen Landschaft nicht vertreten. Das bedeutet, dass die Darstellungs- und Repräsentationsmacht nicht in ihren, sondern in den Händen der Mehrheitsgesellschaft liegt – auch wenn es sie selbst betrifft. Bedenkt man, dass in naher Zukunft ein Drittel der deutschen Bevölkerung über einen migrantischen Background verfügen wird, ist dies eine missliche Schieflage, die einer gezielten Korrektur bedarf. Denn der Mangel an öffentlich vermittelter Repräsentation hat auf das Selbstverständnis sowohl der MigrantInnen als auch der Gesamtgesellschaft Folgen; es wird das Bild einer weißen Nicht-Einwanderungsgesellschaft perpetuiert. Im gleichen Zuge wird auch suggeriert, dass MigrantInnen nicht dazu gehören und wenig erwünscht sind.

Im Diskurs über Migration und Integration stellt die Mehrheitsgesellschaft häufig Erwartungen an MigrantInnen und droht mit Sanktionen bei Nicht-Erfüllung dieser Erwartungen. Unter Integration verstehen die meisten Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft Assimilation, also Aufgabe jeglicher Differenz und nicht etwa Teilhabe an der Gesellschaft mit und trotz der Differenz. Derlei Talk basiert auf dem Verständnis, dass MigrantInnen eine Art ewige Bringschuld haben im Sinne von “Sie müssen sich schon anpassen und fügen, wenn sie hier in Deutschland leben wollen”. So lange diese absurde Vorstellung nicht bewusst aufgebrochen und verändert wird, wird Deutschland Keinwanderungsland bleiben. Um dies zu ändern, müssen MigrantInnen nicht nur vor und hinter der Kamera, sondern auch in Gremien, Programmbeiräten, Redaktionen, Direktionen und Verbänden vertreten sein; überall dort, wo über Bilder und Inhalte nachgedacht, verhandelt wird und konkrete Programmplanungen gemacht werden. Es genügt nicht, dass Fernsehsender über einen/eine IntegrationsbeauftragteN verfügen, sondern MigrantInnen müssen breit gefächert als Redakteure, Produzenten, Intendanten, Gremienmitglieder, Vorstandsvorsitzende, Abteilungsleiter etc. ins Geschehen hinein. Solange MigrantInnen nicht in Medien, Politik, Verwaltung, Bildung, Kunst und Kultur entscheidend mitwirken, wird ihre Nicht-Repräsentation bzw. ihre inadäquate Darstellung fortdauern.

Wie kann das konkret umgesetzt werden? Die einfache wie effiziente Losung lautet: Quote, Quote und nochmals Quote. Eine Zunahme an visueller Repräsentanz von MigrantInnen und Minderheiten – beispielsweise durch die Einführung einer rechtlichen Regelung gemäß dem Bevölkerungsanteil bei Casting, Besetzung öffentlicher Stellen etc. – ist unumgänglich. Denn, nur wer vertreten ist, kann mitbestimmen und mitgestalten. Darüber hinaus müssen leitende Positionen von Personen mit interkultureller Kompetenz besetzt werden; denn nur Diversitätserfahrung ermöglicht einen differenzierten Blick, der mediale polyperspektivische Erzählungen zulässt.

Die Schaffung einer pluralen Gesellschaft, die ihren unterschiedlichen Angehörigen entsprechende Gesichter und Stimmen verleiht und so den mannigfaltigen Lebensrealitäten tatsächlich gerecht wird und sich nicht mit Sonntagsreden, Lippenbekenntnissen und Scheinposten wie Integrationsbeauftragte begnügt, steht als große gesamtgesellschaftliche Aufgabe freilich noch aus.

Über die Autorin

Sun-ju Choi ist Vorstandsmitglied von korientation e.V. und arbeitet als Kuratorin und Autorin in Berlin

Dieser Artikel ist eine Vorabveröffentlichung aus folgender Publikation:

Crossing Munich Ausstellungsgruppe (Hg.): Crossing  Munich. Orte, Bilder und Debatten der Migration. Silke Schreiber Verlag München, forthcoming.

2 Comments

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2 Responses to Let’s talk about Quote!

  1. Sanghoon

    Vielleicht habe ich immer die “richtigen” Filme gesehen oder zu wenige deutsche Spielfilme, aber so negativ kommt mir die Darstellung von Migranten im deutschen Fernsehfilm bislang nicht vor. Im Gegensatz zu deutschen Nachrichten und Reportagen.
    Ein Beispiel, das mir positiv in Erinnerung geblieben ist, ist die ZDF-Reihe “Nachtschicht” (http://de.wikipedia.org/wiki/Nachtschicht_(Film-Reihe)), in der Minh-Khai Phan-Thi eine ganz “normale” Kommissarin spielt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ihre Herkunft für die Rolle der Kommissarin eine besondere Rolle gespielt hat.

    Was Reportagen und Nachrichten anbetrifft, habe ich allerdings auch das Gefühl, dass die Darstellung, sagen wir mal, etwas unausgewogen ist.

    Was die Werbung anbetrifft, muss ich aber doch widersprechen. Insbesondere große Unternehmen versuchen verstärkt, ethnische Zielgruppen gezielt anzusprechen (“Ethnomarketing”). VW hat Ende 2007 die Kampagne “Volkswagen spricht Türkisch” gestartet, die sich gezielt an türkischstämmige Käufer richtet. Es wurden türkischstämmige Verkäufer eingestellt sowie Werbung in türkischen Zeitungen und Fernsehsendern geschaltet. Die Kampagne hat in türkischen Kreisen große (positive) Aufmerksamkeit erregt. Im deutschen Fernsehen würde man aber keinen einzigen solchen Spot sehen, weil die meisten türkischen Haushalte schlicht und einfach türkisches Fernsehen bevorzugen. Die Deutsche Bank hat ebenfalls eine Kampagne gestartet für türkische (Privat)Kunden, ebenso einige Sparkassen. Selbst Lidl hat mal mit ganzseitigen Anzeigen in türkischen Zeitungen in türkischer Sprache Werbung gemacht. Die Anzeige war allerdings schlecht und wurde von meinen türkischen Kollegen eher belächelt (ich habe allerdings jetzt auch keine Ahnung, ob Lidl sich in diesem Bereich verbessert hat).
    Wenn eine Zielgruppe groß und zahlungskräftig genug ist, werden Unternehmen diese Zielgruppe auch “gezielt” ansprechen über die Kanäle, die diese Zielgruppe bevorzugt. Und deutsches Fernsehen und deutsche Zeitungen sind für Zielgruppen wie die türkischstämmigen Migranten nicht der richtige Weg. Entsprechend gibt es in diesen Medien auch keine Anzeigen und Spots, die sich an (türkischstämmige) Migranten richten.

    Ob die Quote in den Medien eine Lösung ist? Sie ist es nur dann, wenn unter den Migranten eine ausreichend große Anzahl an adäquat ausgebildeten Personen zur Verfügung steht. Eine Quote würde in meinen Augen allerdings auch die Einstellung in der Mehrheitsgesellschaft bestärken, dass wir Migranten tatsächlich Hilfe bräuchten, ohne Hilfe also nicht im Wettbewerb mithalten könnten. Eine Quote wird nicht helfen, dass Verantwortliche einsehen, dass Migranten (oder auch andere Minderheiten) tatsächlich aufgrund von Vorurteilen benachteiligt werden.

    Eine Lösung in der Wirtschaft allgemein müsste eher sein, dass Bewerbungen wie in den USA nur den Namen und die Adresse als persönliche Identitätsmerkmale enthalten. Ebenfalls sollten Fotos keine Rolle mehr spielen.
    Auf der anderen Seite ist es für mich als Isae eigentlich eine Selbstverständlichkeit, wenn ich meinen Kindern auch einen deutschen Vornamen geben würde. Dies würde die Akzeptanz auf Seiten der “Urdeutschen” noch mal deutlich erhöhen und ihnen signalisieren, dass hier jemand ist, der in Deutschland aufgewachsen ist, die deutsche Sprache beherrscht und die deutsche Kultur kennt (ob das dann tatsächlich so ist, ist wiederum eine andere Sache).

    Auf dem Weg zur pluralen Gesellschaft müssen wir Migranten uns allerdings auch selbst ganz selbstbewusst und selbstverständlich als Deutsche bezeichnen und das “leisten”, was für “Deutsche” normal ist. Solange wir uns selbst als Migranten bezeichnen, grenzen wir uns auch ein Stück selbst aus (in einem anderen Forum wurde mal gefragt, warum wir hier Geborenen uns selbst noch als Migranten bezeichnen würden; immerhin seien wir ja hier geboren und nicht aus dem Ausland nach Deutschland eingewandert). Das Existieren von sogenannten Parallelgesellschaften stellt dazu in meinen Augen keinen Widerspruch dar, sondern kann sogar die Identifikation mit Deutschland fördern, wenn zusätzlich ganz gezielt interkulturelle Kompetenzen aufgebaut werden.

  2. Sanghoon

    Für junge Medienschaffende finde ich das Projekt “WDR grenzenlos – Talentwerkstatt für Medienschaffende” sehr interessant. Das Projekt richtet sich gezielt an “junge Journalistinnen und Journalisten aus Einwandererfamilien”.

    Keine Beschäftigungsgarantie, aber ein Sprungbrett. Ich denke, gerade im Journalismus sind Kontakte wichtig.

    Bewerbungen für 2010 können im Oktober eingereicht werden.

    http://www.wdr.de/unternehmen/programmprofil/integration/wdrgrenzenlos.jsp

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