Von Seyo O
Hallo, mein Name ist O, Streetwork Innenstadt, von der Kommunalen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe der Stadt Frankfurt, ist dort das Jugendamt Hannover? – Ja – Wir sind eine niedrigschwellige Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 27 Jahren in multiplen Problemlagen und ich hab hier eine junge Frau sitzen für die Sie zustän… – Entschuldigung, wie war Ihr Name? – O – Wie wird das geschrieben? – O, ein Buchstabe – Hähä, sehr witzig, verarschen kann ich mich selbst. – Klack, aufgelegt.
Oder: - Das ist ja lustig, woher kommen Sie denn? aus Afrika oder Indien? – Nee, aus Berlin.
Oder: – Ähh, könnte ich mal einen Kollegen von Ihnen sprechen? – Hörerwechsel – Heißt Ihr Kollege wirklich O? Das gibt’s doch nicht…
Ooohh Mann, dieser Name zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich hab mich dran gewöhnt, aber seit ich hier sitze und jeden Tag 20 bis 30 Telefonate erledigen muss, obernervig …
Die Arbeit ist trotzdem richtig gut. Wir können unmittelbar und interventionistisch eingreifen und helfen. Heißt, Überlebenshilfe auszahlen, obdachlose Jugendliche im Hotel unterbringen, Minderjährige in Obhut nehmen, Lebensmittelgutscheine ausstellen, Klamotten oder Anwälte bezahlen und auf gleicher Ebene mit anderen Ämtern und öffentlichen Institutionen verhandeln, wenn die unserem Klientel auf die Nerven gehen.
Dafür sieht mensch hier natürlich auch die ganze Scheiße, die unsere KlientinnEn mitbringen bzw. unsere Gesellschaft aussondert. Delinquenz durch Sucht oder illegalen Aufenthaltsstatus, Armut, Verwahrlosung, Misshandlung, sexueller Missbrauch, Drogenzombies, psychisch kaputte Leute usw..
Für die Kolleginnen und Kollegen und den jungen Menschen, die bei uns in der Beratung sind, hat meine Herkunft und mein Aussehen keine große Bedeutung. Im Frankfurter Alltag fall’ ich nich so auf wie am Telefon mit meinem Namen. Hier leben viele Menschen aller Couleur und die ganzen Vietnamesen, Chinesen, Japaner, Koreaner usw. können nich so viele unterscheiden. Aber wenn’s dann doch um Herkunft und Beruf geht seien doch alle Asiaten in der Gastronomie oder hätten diese Lebensmittel- oder 1,- € Läden. Oder sie sind Touristen und bei Koreanern meiner Generation sowieso nur ÄrztinnEn, JuristinnEn oder BWLerInnen. Auch für Korrees ist es ungewöhnlich, dass ich Sahyoebogjisa (Sozialarbeiter) bin.
Viele meinen, mein Lebenslauf zum alleinerziehenden Vater (nur offiziell) dreier Kinder von drei Müttern und Sozialarbeiter sei ungewöhnlich, aber ich kenn’ viele Menschen, die in einer solchen Lebenssituation sind.
Als junger Teenie aktiv beim StadtschülerInnenrat Frankfurt und bei Dan-Bi (s. Mira Choi und Gruß an Euch alle!), mit 17 abgehauen aus’m Elternhaus, ein halbes Jahr durch Südeuropa getravelled und kurz als Hausbesetzer in meiner Geburtsstadt Berlin gelebt. Dann wieder in Frankfurt, vielleicht doch noch Abi machen,,,? Nee, zwei Wochen vorm Abschluss abgebrochen. Lieber Antifa, Häuser besetzen, jobben und alternative Lebensformen ausprobieren. In dieser Zeit wurde mir manchmal wieder bewusst gemacht, dass ich nicht ganz so deutsch bin wie andere. Zum einen gab es fast keine Leute in der Szene mit einem so genannten migrantischen Hintergrund, geschweige denn Schlitzis. Die Autonomen sind ja fast ausschließlich weiße Bildungsbürgerkids, na und unser Freund und Helfer hat statt einem Mal gerne gleich zwei Mal draufgehauen. Da sind schon auch ein paar Rassisten dabei.
Und dann gibt es doch tatsächlich noch viele Menschen die meinen, Nationalität habe was mit dem Blut zu tun. Sowohl Jugendliche und junge Erwachsene von deutschen Auswanderern in den USA, die aufgrund von Kriminalität und deutscher Staatsangehörigkeit zur Zeit vermehrt nach Deutschland abgeschoben werden, als auch Aussiedler aus dem Osten, die weder die Sprache können und sich auch nicht hier verorten, sind ja aber doch irgendwie Deutsche. Is ja auch ok, andere Ausländer die schon seit Jahren hier leben, die Sprache immer noch nicht so gut können, arbeitslos sind, Sozialhilfe empfangen, sind für mich auch irgendwie Deutsche. Die Parallelgesellschaft ist überall und hat nicht nur mit kultureller Isolation zu tun.
„Aber Ihnen und Ihren Kindern sieht man doch an, dass Sie nicht von hier kommen.“ Na danke schön. Dann versuch ich’s ma wieder zu erklären, dass mensch die Blutgruppen auf der ganzen Welt im Großen und Ganzen an 2 Händen abzählen kann und diese blutsdeutschen Theorien ein Relikt des letzten Jahrhunderts sind. Und wenn dann noch kommt „Ach gehen sie doch dahin wo Sie herkommen!“ so, jetzt reichts!
Ein Schwall an Worten ergießt sich über diese blöden …„Wohin denn? Nach Berlin oder Neukölln? Zu mir nach Hause? Abgesehen davon sind im Laufe der letzten Jahrhunderte hier schon Hunnen, Mongolen, Türken, Mauren und sonste was übers Land gefegt und ham ihr Spreu gesät und ich möchte nicht wissen wie viele in Anführungsstrichen blutsdeutsche Kinderficker in Thailand rummachen und dann eine Generation von Halbblutsdeutschen Bastarden in Armut leben lassen“ Uihuiuih, da krieg ich ringsum böse Blicke zugeworfen, aber dann ist auch Ruhe.
Tja, und nach der Gebur
t meiner ersten Tochter, mit 23, die Adoleszenz noch mal in die Länge ziehen. Weitermachen in der radikalen Linken, dann travelln im Bus, mit Jonglage, Feuershows und Musik auf der Straße Geld verdienen, später auch semiprofessionell in Clubs und auf Veranstaltungen. Eine sehr intensive Partyzeit mit allem drum und dran J.
Naja, mit 28, als meine zweite Tochter auf die Welt kam, musste ich mich plötzlich mit einem unliebsamen Begriff rumschlagen, welches ich nur vom Hörensagen kannte. Verantwortung L. Ich hab’s zwar immer noch nicht so ganz kapiert, aber zumindest bin ich seiner Definition etwas näher gekommen.
Also, arbeiten und studieren (FH ging ja noch). Soo, dann nehmen wir doch mal einen Job im Jugendzentrum hier und einen als Behindertenassistenten dort an und studieren mal Sozialarbeit. Das geht am schnellsten und einfachsten.
Aus dem Schnell wurde nix, erstens gehört die Faulheit zu meinen ersten Tugenden und nach kaum einem Jahr erstmal einen schweren Unfall gehabt mit Koma und Reha. Dann noch ein kleiner Unfall, uups…noch ein kleines Baby, aber endlich ein Stammhalter. Ich durfte ihn sogar O nennen, von Geburt an bestraft.
Ich wohn in einer sozialen WG mit 13 Erwachsenen und fünf Kindern. Plenum, Haushaltstage, gemeinsamen Abendessen, offene Wohnungen und fast alles wird irgendwie geteilt. Meine Töchter sind immer fünf Tage bei mir und dann neun Tage bei den Müttern, aber wir sind da sehr flexibel und offen, auch mit der Kohle. Wir verstehen uns alle sehr gut miteinander und letzte Weihnachten haben wir alle zusammen verbracht. Manchmal machen alle Mütter gleichzeitig (berechtigten) Stress und dann weiß ich nicht, wer anstrengender ist, die Kids oder sie? Wahrscheinlich ich.
Viele Menschen können sich so eine Familienkonstellation und Wohnform nicht vorstellen. Was im Erwachsenenalter außerhalb der Kleinfamilie und des Singletum besteht fällt aus der Norm. Die Verwandten in Korea kapieren es überhaupt nicht.
Meine große Tochter ist abgesehen vom Provozieren das genaue Gegenteil von mir. Klavier, Tanzen, Bücher lesen, talentiert, immer lernen und ehrgeizig ohne Ende, immer die Beste in der Schule. Na wenn das mal gut geht… Die Kleine ist ein Ausbund an Kreativität und Phantasie und der Kleinste, wenn er nicht grad seine diktatorische Phase hat, ist total süß und quicklebendig. So, da ist sie nun, die Dritte Generation. Die Weitergabe von Sprache und Kultur beschränkt sich auf hana, dul, sett beim Schaukeln, pureun haneul euenhasu singen beim Einschlafen und koreanisch essen (das tun sie am Besten). Mit dem bisschen Alltags-Hangukmal, was ich selbst immer mehr verlerne, wollte ich eigentlich schon in ihrem Kleinkindalter konsequent sprechen. Es ist dann aber immer nur bei halbherzigen Versuchen geblieben. Dann gab’s mal die Idee von der koreanischen Schule, auch mit meiner Freundin, die Halbkoreanerin ist, aber no Chance. Zwingen konnten wir sie nicht, das wäre kontraproduktiv gewesen und außerdem hätte ich selbst erst einmal den Anreiz geben müssen, damit sie Interesse an der Sprache gewinnen. Für sie war die Identität ganz klar. Sie waren deutsch.
Jetzt, wo sie in die Schule gehen und hier plötzlich Kinder mit migrantischem Hintergrund kennen lernen, die fast alle die Sprache ihrer Eltern oder eines Elternteiles sehr gut können, haben sie angefangen, sich mit ihrer teilkulturellen Herkunft zu beschäftigen. Die Große wird manchmal neidisch weil die anderen das können und die Kleine sagt plötzlich ganz stolz „Ich bin auch eine Halbkoreanerin!“ Dann werde ich doch wieder nachdenklich. Meine stille Hoffnung liegt vielleicht darin, dass sie sich selbst intensiver damit beschäftigen werden, wenn sie älter sind.
Schlussletztendlich sitz ich hier glücklich vor meinem Schreibtisch als Dipl. Sozialarbeiter, mit einer tollen Patchworkfamilie und einer hinreißenden, klugen und schönen Frau, die mich aber nicht heiraten will, weil ich obigen Begriff immer noch nicht gelernt habe, und höre beim Telefonieren am anderen Ende der Leitung im Hintergrund Menschen lachen, – „O“, das gibt’s doch nicht.
Seyo O, 35 Jahre.

Hi Seyo,
Du schreibst wie Du redest. Dein Bericht hat mir gefallen, ich musste mehrfach schmunzeln.
Viele Grüße an Deine Patchworkfamilie
Sanghoon ^^
hallo seyo,
verblüffend viele parallelen! und mein name ist ha, mit dem ist man mindestens genauso gestraft. wenn wir heiraten würden, würde sich das ganze elend sogar noch verdoppeln, dann müßte man sich mit o-ha am telefon melden und keiner würde einem mehr zuhören…
viele grüße nach frankfurt
sumi
Hallo Seyo,
kennst mich wahrscheinlich nicht mehr, Hae-Lin aus Bochum/Berlin und wahrscheinlich nach dir die zweite Koreanerin bei den Autonomen – aber cooles story, hab mich sehr wiedererkannt und mich gefreut ueber den optimismus am ende. Ich wuensch dir und deiner coolen Familie nur das Beste!
Liebe Gruesse aus Brooklyn, NY
Hae-Lin
hi seyo,
liebe grüße aus berlin, wir (nicki und ich) haben heute gerade über dich geredet und ich war auf der suche nach deiner mail, da stosse ich auf diese biografie, wollen ein klassentreffen machen, grundschule, dämmerts? also, meld dich einfach mal unter meiner mail liebe grüße sabine
hi seyo,
bin beim googlen hier auf den bericht gestoßen.
kannst dich doch noch an mich erinnern…?! lang lang ist´s her…
schön mal was von dir zu hören/lesen.
kannst dich ja mal melden, würde mich sehr freuen!
ciao VOLKER
Hallo Guten Abend,
Ich finde,Du ganz ganz toll bist.
Du gehst in Dein Leben mit vollen Power.Weiter so.
Zufällig habe ich die alte Zeitungen umblättert.Da fande ich Dein Artikel und habe ich mit Lachen, Schmunzeln und teilweise rührend gelesen.
Ich bin irgendwie stolz, Dich kennengelernt zu haben.
Solche Menschen wie Deine Engagement braucht in unseren Multigesellschaft.
Viele Grüße Young