Oberfeldwebel Suk-Jung Kim hat zehn Jahre als Soldat im 5. Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung gearbeitet. Zum Jahreswechsel ist er aus dem aktiven Dienst der Bundeswehr ausgeschieden. Auf dem Foto mit Rekruten der 5. Kompanie Wachbataillon auf dem Weg zum Platz der Republik für das Feierlichen Gelöbnis aus dem Jahr 2008 ist Suk-Jung Kim offensichtlich nicht abgebildet.
Interview:
YP: Guten Tag, Herr Oberfeldwebel!
Suk-Jung Kim: Hallo!
YP: Wie bist du zur Bundeswehr gekommen?
Suk-Jung Kim: Ich wurde im Mai 1999 als Wehrpflichtiger in Siegburg, das liegt bei Bonn, als Grundwehrdienstleistender eingezogen. Dort habe ich meine Grundausbildung gemacht und die für meine Verwendung nötige Spezialausbildung. Während der zehn Monate habe ich dann gemerkt, dass mir das liegt. Auf Anfragen meiner Vorgesetzten habe ich mich später erstmal für vier Jahre als Mannschaftssoldat verpflichtet, um im Anschluss in die Laufbahn der Unteroffiziere zu wechseln.
YP: Was genau hat dir an der Bundeswehr gelegen?
Suk-Jung Kim: Ich hatte mein bestimmtes Bild von der Bundeswehr und das wurde dort mehr oder weniger bestätigt. Im Schwerpunkt ging es mir um das kameradschaftliche Gefüge, Gehorsam und Disziplin. Dahingehend wurden meine Erwartungen erfüllt.
YP: Kannst du deine Arbeit kurz beschreiben?
Suk-Jung Kim: Im Anschluss an den Grundwehrdienst bin ich als stellvertretender Gruppenführer eingesetzt worden. Da ging es darum, die Gruppe von 12 bis 20 Wehrpflichtigen in den Grundfertigkeiten des Soldaten auszubilden.
Stellvertretender Gruppenführer war ich ein Jahr lang und dann bin ich Gruppenführer geworden. Als Gruppenführer ist man komplett für die Ausbildung seiner Wehrpflichtigen zuständig. Speziell bei uns im Wachbataillon sind wir für den protokollarischen Ehrendienst der Bundesrepublik Deutschland zuständig und natürlich für die Ausbildung darin.
YP: Wie kann man sich das im Einzelnen vorstellen?
Suk-Jung Kim: Wir haben einen Karabiner, das ist so ein altes Holzgewehr, daran wird der einzelne Soldat bzw. die Gruppe am Infanteriegriff ausgebildet, d.h. wie er in welcher Bewegung in welcher Geschwindigkeit das Gewehr von A nach B bewegt. Und später im Gruppenrahmen das Ganze einheitlich, um dann später die Staatsgäste zu empfangen. Das ist der Schwerpunkt.
Und im infanteristischen Dienst wurden die Soldaten zu Luftwaffensicherungssoldaten ausgebildet, mittlerweile werden sie nur noch zu Wach- und Sicherungssoldaten ausgebildet.
YP: Und wie ging es dann weiter?
Suk-Jung Kim: Den Großteil meiner Dienstzeit war ich Gruppenführer. 2006 wurde ich dann stellvertretender Zugführer. Dort war ich für die Aus- und Weiterbildung des Zuges zuständig, der einen Umfang von ca. 40 bis 50 Soldaten hat, und für die Gruppenführer, die die Soldaten ausbilden, was noch einmal etwa sechs Mann ausmachte. Eine weitere Tätigkeit des stellvertretenden Zugführers ist es, nicht nur die Ausbildung im Theoretischen oder Praktischen zu leiten, sondern auch neue Zugführer, die meistens junge Offiziere von der Universität sind, in ihre Tätigkeit als Zugführer einzuarbeiten.
YP: Gab es in der Familie eine besondere Reaktion auf deine Entscheidung, Soldat zu werden?
Suk-Jung Kim: Meine Geschwister haben das recht neutral aufgenommen, meine Mutter war froh, das ich etwas gefunden hatte, woran ich Spaß hatte und wo ich eine gewisse Perspektive hatte.
YP: Hat dein koreanischer Hintergrund bei der Arbeit einen Unterschied gemacht?
Suk-Jung Kim: Direkt nicht. Wie jedes Volk haben auch wir Koreaner eine gewisse Außenwirkung, und man hat halt Vorurteile gegen uns, was nicht unbedingt negativ ist. Vom Asiaten allgemein hat man ja immer das Bild, dass er sehr ordentlich, pflichtbewusst und diszipliniert ist. Das waren eigentlich alles Dinge, die mir zum Vorteil gereicht haben.
YP: Du sagst „Wir Koreaner“, du fühlst dich also eher als Koreaner?
Suk-Jung Kim: Ich bin als Koreaner in Deutschland geboren und habe dann mit 12 oder 13 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, natürlich initiiert durch meine Mutter, weil ich ja selber in diesem Alter nie auf die Idee gekommen wäre. Aber es lässt sich durch mein Äußeres ja auf keinen Fall verstecken oder leugnen, das ich koreanischer Herkunft bin. Und was die Grundsäulen meines Daseins oder meiner Gedanken angeht und wie ich mich auch fühle, bin ich schon koreanisch. Aber dadurch, dass ich hier mein Leben lang aufgewachsen bin und im Schwerpunkt im deutschen Kulturkreis zu tun hatte, sehe ich mich natürlich auch als Deutschen. Aber ich denke das Fundament ist immer noch koreanisch.
YP: Fallen dir Beispiele ein, in denen du im Beruf gemerkt hast, dass du anders wahrgenommen wirst – im Inland oder im Ausland bei der KFOR?
Suk-Jung Kim: Im alltäglichen Dienst bin ich den Leuten natürlich schneller im Gedächtnis geblieben, vor allen Dingen, weil der Name Kim unter den ganzen Schmidt, Meier, Müllers doch viel eher heraussticht und auch viel leichter zu merken ist, ist es natürlich so, dass ich egal ob ich positiv oder negativ in Erscheinung getreten bin, den Menschen viel eher im Gedächtnis geblieben bin, was natürlich auch Nach-, für mich aber eigentlich nur Vorteile hatte.
Und zu meinem Einsatz in Kosovo, ich war im Hauptquartier im Kosovo und da waren 26 Nationen mit dabei und es war sehr international. Man hat sich da hauptsächlich auf Englisch verständigt und da ist es dann überhaupt nicht aufgefallen, obwohl ich der einzige Asiat bei uns im Hauptquartier war.
YP: Bist du zufrieden mit deiner Berufswahl und kannst du anderen den Wehrdienst empfehlen?
Suk-Jung Kim: Insgesamt war die Zeit bei der Bundeswehr eine gute Erfahrung, insbesondere die Zusammenarbeit mit den jungen Wehrpflichtigen hat mir Freude bereitet.
Ich bin der Meinung, dass jeder junge Mann einmal Wehrdienst geleistet haben sollte, egal ob in der Bundeswehr oder in einem anderen Land. Ich finde es gehört einfach zum Reifungsprozess als Mann dazu, den Wehrdienst vollzogen zu haben.
YP: Was genau ist daran wichtig?
Suk-Jung Kim: Wenn man als Schüler zum ersten Mal aus dem Elternnest herauskommt, wird man da ins kalte Wasser geworfen und dabei durch eine Gemeinschaft aufgefangen. Man ist ja nicht nur stumpfer Befehlsempfänger, sondern auch gezwungen, mitzuarbeiten, mitzudenken und sich zu integrieren.
YP: Würde dieser Prozess bei Zivildienstleistenden nicht auch stattfinden?
Suk-Jung Kim: Nein, das will ich nicht behaupten. Es gibt bestimmt auch genügend Stellen beim Zivildienst, die diese gerade genannten Dinge auch fördern oder teilweise fördern, aber auch Stellen, die das eben nicht fördern. Ich bin zwar der Meinung, dass es für jeden gut wäre, diese Erfahrungen zu machen, verurteile aber niemanden, der sich dagegen entscheidet. Es ist ja immer eine ganz persönliche Entscheidung.
YP: Angenommen du wärst noch koreanischer Staatsbürger, hättest du dich auch für die koreanische Armee entschieden?
Suk-Jung Kim: Das kann ich ehrlich gesagt gar nicht beantworten. Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich sagen: ‚Auf jeden Fall, würde ich machen!’, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich damals mit 18 die gleiche Entscheidung getroffen hätte.
YP: Wie sehen deine Zukunftspläne aus?
Suk-Jung Kim: Ich hole gerade das Fachabitur nach, um damit als Grundlage einen qualifizierten Berufsabschluss zu erlangen. Entweder werde ich mich danach bei der Polizei bewerben, um in den gehobenen Dienst einzutreten, oder ich werde ein Studium aufnehmen.
YP: Viel Erfolg dabei und vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Benedikt Biernath