Haewon Jang, 31, ist Lektorin für Koreanisch an der Universität Bonn. Sie ist die erste Lektorin für Koreanisch an einer deutschsprachigen Universität aus der Zweiten Generation. In der Regel wird die Lektorenstelle von Koreanisch-MuttersprachlerInnen aus Korea besetzt. Haewon kam mit drei Jahren nach Deutschland. Nach dem Abitur studierte sie an der Hankuk University of Foreign Studies (Französisch, Englisch). Nach dem Studium kehrte Sie zurück nach Deutschland, um in Bonn den Studiengang Diplom-Übersetzen anzuschließen.

Haewon Jang
Interview mit Haewon Jang, Dozentin für besondere Aufgaben, Abteilung Orientalische Sprachen, Arbeitsbereich Koreanisch, Universität Bonn
YP: Es kommt ja selten vor, dass die Zweite Generation nach dem Abitur in Korea das komplette Studium absolviert. Wie ist es dazu gekommen?
Haewon Jang: Nach dem Abitur ging ich für drei Monate erstmal zum Sprachstudium an die Seoul National University. Dann wollte meine Mutter, dass ich in Korea ein Semester zur Probe studiere. Das wollte ich ursprünglich nicht, weil ich schon in Deutschland Design studieren wollte. Aber es hat mir dort so gut gefallen, dass ich an der Hankuk University of Foreign das Studium aufgenommen und dort zu Ende studiert habe.
YP: Warum wollten Deine Eltern, dass Du in Korea studierst?
Haewon Jang: Ich glaube, dass sie mich zu meinen koreanischen Wurzeln zurückführen wollten. Diesen Wunsch haben viele koreanische Eltern auch in meinem Freundeskreis gehabt. Und ich habe mich breitschlagen lassen. Aber der Grund warum ich dort geblieben bin war, dass sich in Korea Freundschaften gebildet haben, die ich in der Weise in Deutschland nicht kennen gelernt hatte.
YP: Hattest Du keine Sprachprobleme?
Haewon Jang: Doch, doch! Da hatte ich natürlich große Schwierigkeiten. Es war aber zugleich auch eine Herausforderung für mich. Ich kann zwar jetzt nicht 100%ig auf muttersprachlichem Niveau Koreanisch, insbesondere was die Fachsprache und Hanja (chinesische Zeichen) angeht, aber ich fühle mich im Koreanischen Zuhause.
YP: Und warum bist Du wieder zurück gekommen?
Haewon Jang: Ich hatte noch ein Semester in Frankreich studiert, als meine Schwester krank wurde. Da ich in der Nähe von ihr und meinen Eltern bleiben wollte, habe ich in Korea schnell zu Ende studiert und bin nach Deutschland gekommen.
Da ich inzwischen in Korea das Interesse für Sprachen und Literatur entdeckt hatte, habe ich in Bonn den Übersetzerstudiengang aufgenommen, um mit meinen beiden Muttersprachen (Deutsch, Koreanisch) etwas anzufangen. Studiert habe ich dann Koreanisch und Japanisch, weil man hier zwei Sprachen nehmen muss.
YP: Wie sind die Zukunftsaussichten mit dem Studium?
Haewon Jang: Ich habe mir nie ernsthaft Gedanken gemacht um die Zukunft. Kurz vor Ende des Studiums hat eine Freundin, die eine Übersetzer- und Lizenzagentur aufgemacht hatte, mich gefragt, ob ich da mitmachen will. Da habe ich dann ungefähr acht Monate gearbeitet. Wir haben neben einigen anderen Dingen überwiegend koreanische Manhwa (Comic) übersetzt. Aber nach einem halben Jahr wurde mir bewusst, dass diese Arbeit nicht das Richtige für mich ist. Für die Zukunft möchte ich koreanische Literatur ins Deutsche übersetzen. Aber da man bekanntlich vom Literaturübersetzen nicht leben kann, wollte ich ein zweites Standbein. Daher kam ich auf Deutsch als Fremdsprache, weil es mir in Korea sehr viel Spaß gemacht hatte, Deutsch zu unterrichten.
2007 habe ich jedoch ein sehr konkretes Angebot von der Uni Bonn bekommen. Und seit dem Sommersemester 2008 arbeite ich hier als Koreanisch-Lektorin.
YP: Schlechte Erfahrungen bei Bewerbungs- und Vorstellungsgesprächen hast Du also nicht gehabt.
Haewon Jang: Nein, ich habe immer sehr viel Glück gehabt.
YP: Denkst Du, Dein Background hat sich bei der Berufwahl vorteilhaft ausgewirkt?
Haewon Jang: Unser Abteilungsleiter hatte mir gesagt, dass er bis jetzt nur Lektorinnen aus Korea gehabt habe, für die die deutsche Sprache eine Fremdsprache war. Er wollte mich anderweitig einsetzen. Als Arbeitgeber sagte er mir, dass es schon ein Vorteil ist, dass ich Deutsch und Koreanisch als Muttersprache habe. Gerade bei Anfängern ist es sehr praktisch, wenn ich bestimmte Dinge auf Deutsch vermitteln kann.
YP: Du bist aber eher als eine Ausnahme zu sehen, weil Du als Koreanerin der Zweiten Generation so gut Koreanisch spricht.
Haewon Jang: Es ist richtig, dass die Zweite Generation im Allgemeinen nicht so gut Koreanisch spricht.
YP: Würdest Du aber sagen, dass es für die Zweite Generation wichtig ist Koreanisch zu lernen?
Haewon Jang: Eine Sprachwissenschaftlerin, die ich kenne, würde jetzt antworten, die Sprache ist das konstituierende Element, wenn es um den Kontakt mit einer Kultur geht. Aber man sollte niemanden zwingen. Gerade in der Pubertät grenzen sich viele bewusst von ihrer Muttersprache und Mutterkultur ab. Aber als Eltern sollte man immer für die Möglichkeit sorgen, dass die Kinder den Zugang haben können, wann immer sie es wünschen. Es gibt die Möglichkeit, durch die koreanische Schule, vielmehr aber durch das Internet, TV-Dramen, koreanische Pop-Kultur etc. Interesse zu wecken.
YP: Wäre es denkbar, dass die Korea-Studien in Deutschland durch das besondere Interesse der Zweiten Generation einen Boom erfahren, wie in den 80er und 90er Jahren in den USA?
Haewon Jang: Wie die Entwicklung in den USA war, weiß ich nicht so genau. Aber bei mir beobachte ich, dass die Zahl der Studierenden der Zweiten Generation abnimmt. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass die Zweite Generation, bedingt durch die Migrationsgeschichte der Eltern, in bestimmten Alterssegmenten wieder zu finden ist, d.h. die erste Welle der zweiten Generation hat bereits das Studium aufgenommen bzw. abgeschlossen. Man müsste ein paar Jahre warten, bis die nächste Welle, die jetzt 13- bis 15-jähringen anfangen zu studieren.
YP: Ist der Studiengang Masterstudiengang Koreanisch Übersetzen bei den Studierenden beliebt?
Haewon Jang: Ja, der Studiengang kommt bei den Studierenden sehr gut an. Das hat auch damit zu tun, dass die Betreuung der Studierenden hier sehr intensiv ist. Die Dozenten nehmen sich sehr viel Zeit für die Studierenden. Daher sind der Studienort und unser Fach in Bonn sehr beliebt und eine gute Anlaufstelle für zukünftige Koreaspezialisten, da in Bonn über die sprachliche Kompetenz hinaus auch fachliche Inhalte in Korea-Studien vermittelt werden.
YP: Bist Du zufrieden mit Deiner Berufswahl?
Haewon Jang: Ja, die Lehre macht mir viel Spaß. Der Umgang mit den Studierenden gibt mir auch viel Energie. Auch mein Charakter hat sich etwas geändert. Ich bin offener geworden und gehe auf Menschen mehr zu. Aber der Unterricht ist sehr aufwendig. Ich muss 17 Stunden unterrichten, und das ist mit Vor- und Nachbereitung sehr viel. Jetzt komme ich bei meinen Arbeitszeiten leider gar nicht zu anderen Dingen. Mein eigentlicher Traum bleibt aber die Literaturübersetzung. Es gibt so schöne koreanische Literatur, die in Deutschland kaum bekannt ist.
YP: Vielen Dank für das Interview und viel Glück bei weiteren Projekten!
Das Interview führte You-Jae Lee