Ein schicker Tag – Koreanische Filme bei der Berlinale 2009

Von Sulgie Lie

Um es gleich vorwegzunehmen: Nachdem letztes Jahr mit Hong Sang-Soos „Day and Night“ und „Beautiful“ von Juhn Jai-Hong zwei herausragende koreanische Filme ihre Premiere auf der Berlinale feierten, fällt der diesjährige Jahrgang deutlich schwächer aus. Trotz des Korea-Schwerpunkts im Forum mit fünf Filmen vermochten nur wenige zu überzeugen. Man wird die Vermutung nicht los, dass auch die koreanischen Beiträge unter dem „Festivalfilms- Syndrom“ leiden ; Filme, die bewusst die ästhetischen Standards des globalisierten Festivalcircuits bedienen und dabei immer vorhersehbarer und schematischer werden. Das gilt insbesondere auch für “Members of the Funeral”, dem Regierdebüt von Baek Seung-Bin:

Members of the Funeral

Members of the Funeral

Auf der Beerdigung eines Jugendlichen beginnen ein Ehepaar und ihre Tochter ein Gespräch über die sehr unterschiedlichen Beziehungen, die sie zu dem Verstorbenen hatten. Offenbar hat dieser an einem Roman geschrieben, der den Titel „Members of the Funeral“ haben sollte und in dem die Beerdigung eines Jugendlichen für ein Ehepaar und ihre Tochter zum Auslöser für schmerzhafte Enthüllungen wird. Der Roman, der geschrieben wird, ist der Film, den man sieht. Diese Ineinanderspiegelung von literarischem und filmischem Prozess ist zwar nichts Neues, doch zumindest am Anfang des Films funktioniert sie ganz gut. In einem permanenten Wechsel der fiktiven Ebenen entwickelt der Film eine spielerische Fabulierlust, die auch seinem Thema, der Schwere und Leichtigkeit des Sterbens, angemessen erscheint. Doch sobald man das Spiel um Wahrheit und Erfindung so langsam durchschaut hat, erscheint es in seiner Konstruiertheit doch sehr einfach und mechanisch.

Ein weiterer prominenter Typus des Festivalfilms ist die minimalistische Studie, die sich mit langen Einstellungen und völlig unspektakulär in den Alltag von einsamen Figuren versenkt.

The Day After

The Day After

„The Day After“ von Lee Suk-Gyung sieht sich deutlich diesem Minimalismus verpflichtet: Die Scheidung von ihrem Mann setzt der Schriftstellerin Bo-Young härter zu, als sie sich eingestehen möchte. Ihre Reizbarkeit und Verschlossenheit entfremden sie ihrem Umfeld, vor allem ihrer Tochter. Während eines Wochenendseminars teilt sich Bo-Young das Hotelzimmer mit einer etwas jüngeren Frau, die ebenfalls geschieden und alleinerziehend ist. Die schonungslose Offenheit der Fremden zwingt Bo-Young dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.. Dass der Film trotz seiner festivaltypischen Form weitaus lohnender als „Memories of a Funeral ist“, liegt zum einen am intensiven Spiel der Hauptdarstellerin Kim Bo-Young und zum anderen an der sehr subtilen feministischen Agenda, die sich niemals aufdrängt und trotzdem in jeder Szene des Films mitschwingt. Dass geschiedene Frauen im Gegensatz zu geschiedenen Männern noch immer die gesellschaftliche Ächtung und Isolation befürchten müssen, ist der patriarchale Skandal, an dem sich der Film entzündet. Die Protagonistin kann ihre seelischen Wunden nicht ausagieren und verschließt sich immer mehr. Die klar komponierten High-Definition-Bilder zeigen eine unwirtliche Welt, in der Seoul alles andere als glamourös erscheint. In der zentralen Szene, in der Bo-Young im Hotel auf ihre Zimmergenossin trifft, die mit ihr das gleiche Schicksal teilt, macht die extrem zerdehnte Zeitlichkeit der Sequenz ihren quälerischen Bewusstwerdungsprozess in seiner ganzen Dauer erfahrbar. Das Ende des Films kennt zwar keine Katharsis, wohl aber eine leise Hoffnung.

„My Dear Enemy“ von Lee Yoon-Ki, der mit Abstand beste koreanische Film der diesjährigen Berlinale, schert sich nur wenig um Festivalkonventionen, obwohl Lee Yoon-Ki nach “This Charming Girl” und “Ad Lib Night” bereits seinen dritten Film in Berlin vorstellt. Nach den eher depressiv temperierten Vorgängerfilmen, ist „My Dear Enemy“ eine Romantic Comedy im besten Sinne des Wortes: Wie aus dem Nichts steht Heui-Su plötzlich vor Byeong-Woon; keine Märchenfee und auch kein Racheengel, sondern die Ex-Freundin, die das Geld zurück fordert, das sie ihm einmal geliehen hat. Weil er wie immer pleite ist, muss sich Byeong-Woon das Geld von anderen leihen. Heui-Su ist entschlossen, ihn nicht aus den Augen zu lassen, bevor sie ihr Geld zurück hat und begleitet ihn auf seiner Betteltour durch Seoul. Einen langen Tag lang begegnen sie Menschen mit den verschiedensten Lebensgeschichten, die aber alle eine große Solidarität mit Byeong-Woon verbindet. Heui-Su kommen Zweifel, wie gut sie ihren „Ex“ wirklich kennt. Der Plot des Films ist so einfach wie genial: Der gemeinsame Tag des ehemaligen Paares, der genau dann zu Ende gehen wird, wenn alle Schulden beglichen sind. Der ehemalige Broker Byeong-Woon versucht zunächst bei einigen Freundinnen aus der Seouler Schickeria, das Geld häppchenweise einzutreiben. Es bleibt unklar, in welchen libidinösen Verhältnissen er zu den verschiedenen Frauen stand, doch mit seinem unwiderstehlichen Charme gelingt es ihm immer wieder, den Damen eine Gabe zu entlocken. Die patriarchalen Tauschverhältnisse scheinen hier umgekehrt: Ein Mann, der sich von Frauen aushalten lässt, um die Schuld bei einer anderen Frau zu begleichen. Mit einer sehr mobilen Kamera begleitet Lee Yoon-Ki seine Protagonisten durch das sommerliche Seoul und entwirft damit zugleich eine präzise Topographie der Stadt. Während zu Beginn die luxuriösen Glas – und Spiegelflächen der Finanzdistrikte das Visuelle dominieren, verwandelt sich mit dem Verlassen des Zentrums auch die räumliche Materialität der Stadt: Zerfallene Gebäude, die von einer Motorradgang als Treffpunkt genutzt werden, lösen die High-Tech-Flächen ab. Immer wieder gelingen dem Film wunderbar beiläufige Beobachtungen darüber, wie die Orte, in denen die Menschen leben, diese zugleich prägen. Am Ende des Films geraten die geregelten Tauschverhältnisse plötzlich durcheinander und damit auch die Gefühlsökonomie der Figuren. Love und Money verstricken sich kompliziert ineinander.„My Dear Enemy“ lebt ganz von seinen grandiosen Hauptdarstellern, allen voran Jeon Do-Youn, die nach dem Cannes-Erfolg von Lee Chang-Dongs „Secret Sunshine“ wieder alle Register ihres schauspielerischen Könnens zieht. Auf Koreanisch heißt diese klassische „Remarriage Comedy“ (so nennt der amerikanische Philosoph Stanley Cavell das komödiantische Genre, das vom Finden und Wiederfinden eines ehemaligen Paares handelt) „Meotjin Haru“, was soviel heißt wie: Ein schicker Tag. Der Film hat genau das, was den anderen koreanischen Filmen der diesjährigen Berlinale abgeht: Er ist witzig, klug und vor allem stylish.

Sulgi Lie ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Filmwissenschaft der FU Berlin und Mitglied des korientation e.V.

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