Seismographen für verborgene Sehnsüchte
Das Internationale Forum des Jungen Films, das die Internationalen Filmfestspiele Berlin seit 1970 flankiert, hat sich seit seiner Gründung neuen Strömungen, unkonventionellen Erzählformen und politischen Stimmen verschrieben. Koreanische Filme waren seit der ersten Präsenz im 1961 mit “Mabu – Der Kutscher” von Kang Dae-Jin regelmäßig, wenn auch mit zeitlich großen Abständen, auf der Berlinale, vorzugsweise im Forum, vertreten. Insbesondere die Neunziger Jahre gelten als die Blütezeit des Koreanischen Kinos, und zu jener Zeit wurden zahlreiche wichtige innovative Filme aus Korea zum Forum eingeladen. Erfreulicherweise ist Korea auch dieses Jahr mit fünf sehr unterschiedlichen Filmen beim Forum dabei. Das koreanische Kino, das Skeptiker bereits im Sog der Krise sahen, zieht in diesen Filmen alle Register und erweist sich als sensibler Seismograph für verborgene Sehnsüchte – so die offizielle Ankündigung der Berlinale.
“Treeless Mountain” von So Yong Kim
So Yong Kim, die bereits 2006 mit “In between Days” auf der Berlinale debütierte, kehrt mit “Treeless Mountain” zum Forum zurück. Im Film werden die sechsjährige Jin und ihre kleine Schwester Bin von ihrer Mutter bei der Schwägerin in Busan zurückgelassen, während die Mutter nach ihrem verschwundenen Mann sucht. Die Mädchen – plötzlich der Geborgenheit und Nähe ihrer Mutter beraubt – müssen sich in einer kalten und unwirtlichen Welt alleine behaupten. So Yong Kim, die ihre Kindheit in Korea verbrachte und erst später von ihrer Mutter nach Nordamerika geholt wurde, kehrt mit diesem Film an den Ort ihrer Kindheitserinnerung zurück. In kleinen behutsamen Schritten und mit viel Einfühlungsvermögen begleitet die Regisseurin die jungen Figuren in ihrem kindlichen Bedürfnis nach Nestwärme, auf der schmerzhaften Suche nach Halt und Vertrautheit. Herausgekommen ist ein geduldiger, unaufdringlicher Film, der gerade durch seine Zurückhaltung einen Reichtum von kleinen Gesten und großen Emotionen entfaltet.
“Land of Scarecrows” von Gyeng-Tae Roh
Ganz anders im Ton und Gestus präsentiert sich der Film “Land of Scarecrows” von Gyeng-Tae Roh, der von der Begegnung dreier einsamer Figuren erzählt. Ji-Young, die im Körper einer Frau gefangen eine heimliche Männerexistenz führt, fährt auf die Philippinen, um sich dort eine Braut zu kaufen. Dort findet sie die schüchterne Rain und bringt sie nach Korea. Ji-Youngs früherer Adoptivsohn Loi-Tan aus den Philippinen trifft auf der Suche nach seinem Adoptivvater die frisch angetraute Rain, die ohne ihren “Mann” in einem verlassenen Bus wohnt. Der Film folgt keiner konkreten Handlung, sondern umreißt eine Welt, in der vereinzelte Individuen stumm und stoisch ihr Leben erdulden. Distanziert und wortkarg zeichnet Gyeng-Tae Roh einen Unort, in dem sich Verseuchung und Verschmutzung der Umgebung auf Geist und Seele der Menschen übertragen zu haben scheinen. In düsteren Grau- und Brauntönen zeigt uns der Film isolierte Figuren in einer sich in Schmutz und Einsamkeit auflösenden Welt.
“Die koreanische Hochzeitstruhe” von Ulrike Ottinger (Foto: Copyright Ulrike Ottinger)
Der Dokumentarfilm “Die koreanische Hochzeitstruhe” von Ulrike Ottinger ist streng genommen keine koreanische Produktion. Dennoch untersucht er explizit ein koreanisches Phänomen: neue und alte Hochzeitsriten in Korea. Traditionell wird die mit Geschenken voll gepackte Hochzeitstruhe aufwändig verpackt, verschnürt und von einem Boten den Eltern der zukünftigen Braut überbracht, um dort offiziell um die Hand der Braut anzuhalten. Die Filmemacherin nimmt die traditionelle Hochzeitstruhe als Anlass, um Einblicke in die koreanische Gesellschaft zu gewinnen. Umrahmt wird der Film durch ein modernes Märchen, das Elemente der wundersamen Großstadt mit bekannten Figuren aus der koreanischen Märchenlandschaft zusammenbringt. Zweifelsohne lassen sich anhand von Hochzeiten und Hochzeitsriten einiges über die jeweilige Gesellschaft erzählen. Ottinger, die sich bereits in ihren früheren Werken mit Hochzeitsriten anderer Länder beschäftigt hat, entwirft ein buntes Bild von einem Korea voller Rätsel und Kuriositäten. Vielleicht ist es der ungetrübte Blick einer “Fremden”, der den Film ethnografisch wirken lässt: Buddhistische Tempel und schamanistische Rituale werden gezeigt, die die Exotik und Andersartigkeit Koreas unterstreichen. Die Unübersichtlichkeit der modernen Großstadt schürt vielleicht Sehsüchte nach bewährten Regeln und handfesten Abläufen; immer mehr Koreaner besinnen sich jedenfalls auf alte Rituale und heiraten auch traditionell. Zum fixen Programmpunkt der Hochzeit gehört daher, dass der weißen westlichen Hochzeit eine traditionell koreanische Feierlichkeit folgt. Bemerkenswert ist dabei, dass eine Angestellte des Hauses den frisch Vermählten genaue Anweisungen erteilt, wie und an welcher Stelle welcher Ritus durchgeführt wird; paradoxerweise scheint also die Tradition nicht sehr tradiert und niemandem wirklich vertraut. Traditionen sind bekanntlich nicht naturgegeben, sondern werden erfunden und gemacht. Für Koreaner und vor allem Deutsch-Koreaner der zweiten Generation, die sich fast alle im heiratsfähigen Alter und darüber hinaus befinden, ist es sicherlich sehenswert, wie eine “echte” Hochzeit in Korea gefeiert wird.
Sun-ju Choi arbeitet als Kuratorin und Drehbuchautorin in Berlin.


