Serie: Ise und Arbeit. Folge 2: Berufserfahrungen einer Journalistin

Welche Erfahrungen macht „die zweite Generation“ auf dem Arbeitsmarkt? Welche Rolle spielt der koreanische Background im Berufsleben? Um diesen Frage nachzugehen, wollen wir in unserer Reihe verschiedene Berufstätige zu Wort kommen lassen. Miriam Rossius arbeitet als freiberufliche Hörfunkjournalistin hauptsächlich für Deutschlandradio Kultur. Sie ist in Deutschland aufgewachsen. Ihr Vater ist Deutscher, ihre Mutter Koreanerin.


Miriam RossiusInterview:

YP: Wie bist Du auf die Idee gekommen, Journalistin zu werden?

MR: Ich weiß gar nicht, ob es da so ein zündendes Moment gab, so ein Schlüsselerlebnis. Aber ich weiß, dass ich schon als Kind Reporterin werden wollte. Um Leuten zu begegnen, denen ich sonst nie über den Weg gelaufen wäre. Warum gerade Radio so verlockend ist? Weil es unglaublich sinnlich sein kann und sich mit Hilfe der Ohren sogar Gerüche wahrnehmen lassen.

YP: Skizzierst Du uns kurz Deinen Werdegang?

MR: Studiert habe ich Germanistik und Geschichte. Nicht gerade die Erfolgskombination. Aber während des Studiums habe ich Praktika gemacht. Wie es so üblich ist. Erst Print, dann Radio. Und dann war klar – es sollte das Radio sein. Dann habe ich während des Studiums als freie Mitarbeiterin gearbeitet. Als Autorin und ab und an ne Sendung moderiert. Nach dem Studium war ich erst ein Jahr in Südostasien. Danach habe ich das Radio ein wenig aus den Augen verlosen, weil ich beim Jüdischen Museum gearbeitet habe, Aber als da mein Vertrag auslief, habe ich aber gemerkt, dass mir das Radio fehlt und so habe ich mich entschlossen doch noch mal ein Volontariat zu machen. Beim Deutschlandradio damals und seitdem war ich davon nicht mehr wegzubekommen.

YP: Hat Deine familiäre Herkunft bei Bewerbungen etc. eine Rolle gespielt?

MR: Nein überhaupt nicht. Vielleicht kam am Ende mal das Gespräch darauf. Aber wenn die Leute überhaupt etwas mit Korea verbunden haben, dann etwas positives. Zum Beispiel fielen ihnen zum Beispiel diese entzückenden Krankenschwestern ein, die sie kennen gelernt hatten. Aber das ist nie besonders ins Gewicht gefallen.

YP: Hast Du Deinen Migrationshintergrund schon mal als Eintrittkarte benutzt?

MR: Das wäre mir über viele Jahre überhaupt nie in den Sinn gekommen. Das hat sich in den vergangen drei, vier Jahren verändert, weil Leute mit Migrationshintergrund in den Medien anders wahrgenommen werden. Überhaupt erst wahrgenommen werden. Beim Deutschlandradio spielte das nie eine Rolle. Weder positiv noch negativ. Womöglich könnte sich das aber in der Zukunft ändern. Ich wurde zum Beispiel mal gefragt, ob ich nicht einen koreanischen Namen hätte, unter dem ich arbeiten könnte. Das ließe sich doch viel besser verkaufen. Da bin ich erst mal innerlich zusammengezuckt. Dass man überhaupt dazu gebracht wird, diesen Migrationshintergrund überhaupt auszuspielen, das lässt tief blicken. Das zeigt, dass wir es in Deutschland noch immer nicht geschafft haben, ganz selbstverständlich und unverkrampft damit umzugehen.

YP: Hast Du erlebt, dass Du aufgrund Deiner Herkunft auf bestimmte Themen abonniert wurdest?

MR: Diese Rolle habe ich gerne freiwillig übernommen. Also wenn es ein Thema gab, über koreanische Einwanderer habe ich mich gerne darauf ansetzen lassen. Ich meine jetzt auf keinen Fall, dass es so Nischen geben sollte: Also der Pole bearbeitet nur Polnische Themen und es gibt dann so einen Quotentürken. Schon meine Koreanischkenntnisse sind ja rudimentär. Aber trotzdem werde ich regelmäßig zu Rate gezogen, wenn es um Chinesisch, Burmesisch oder Thai geht. Wo ich dann meistens nur achselzuckend sagen kann: Sorry, da kann ich euch nicht weiterhelfen. Ich habe mich gefragt: Haben die Kollegen einen total reduzierten Blick auf mich? Aber auf der anderen Seite habe ich mich auch viel mehr mit asiatischen Ländern beschäftigt, als mit zum Beispiel Südosteuropa. Insofern kann ich denen nichts vorwerfen.

YP: Gehst Du aber durch Deine familiäre Prägung anders an Deine Arbeit ran?

MR: Klar! Weil ich einfach einen anderen Blick auf bestimmte Dinge habe. Außerdem beackere ich zum Beispiel bestimmte Themen. Berichte von längeren Reisen nach Korea zum Beispiel. Oder die ganze Debatte um Leute mit Migrationshintergrund. Die beschäftigt mich womöglich mehr als Leute, bei denen beide Elternteile deutsch sind. Auf diese Themen springe ich auch schneller darauf an und ich gehe da auch anders ran.

YP: Und wie reagieren Deine Gesprächspartner auf Dich?

MR: Ja da ist in der Regel immer eine gewisse Neugier. Was ja auch ein Türöffner ist: Ist sie Italienerin, Spanierin oder Japanerin? Türkischstämmige fragen mich fast immer, ob ich einen türkischen Background habe. Darauf wäre ich selbst gar nicht gekommen. Aber das ist offenbar nicht leicht zuzuordnen, was da bei mir noch so mit drin ist.

YP: Was siehst Du als Deine Aufgabe an als Journalistin mit Migrationshintergrund?

MR: Als ich angefangen habe journalistisch zu arbeiten, vor zehn, zwölf Jahren, da war mein familiärer Hintergrund nur ein Nebenschauplatz. Dann habe ich gemerkt: das hat sich ändert und das mehr in den Fokus rückt. Weil das schon lange überfällig war, besonders wenn wir auf die Diskussion schauen, dass es mehr Migranten in den Medien geben sollte. Ich würde mir aber wünschen, dass wir irgendwann darüber überhaupt nicht mehr debattieren müssen. Dass es Normalität ist, dass Menschen, die im Journalismus arbeiten, ganz unterschiedliche kulturelle Wurzeln haben und die einbringen, ohne dass daraus ein Thema gemacht werden müsste.

YP: Warum sollte es denn Deiner Meinung nach mehr Migranten in den Medien geben?

MR: Für eine Branche, die unsere Gesellschaft abbilden und helfen will, die Welt zu verstehen, sollte eines eigentlich selbstverständlich sein: Dies auch mit den und für die Menschen zutun, die in ihr leben. Und da heute nun mal jeder Fünfte in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte hat, gibt es auch ein ganz handfestes unternehmerisches Argument: Wenn die Medien nicht konsequent umdenken, werden sie bald an einer enormen Zahl möglicher Leser, Hörer und Zuschauer vorbeisenden – einfache Rechnung, die nicht nur mit Mathematik, sondern viel mit Biologie zutun hat. Aber vielleicht müssen ja erst Reichweiten und Einnahmen schwinden, damit der Selbsterhaltungstrieb wach wird…

Interview: Rebecca Sumy Roth

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