(Dieser Artikel erscheint in der Kyoposhinmun-Ausgabe am 19.12.2008. Kyoposhinmun ist eine bundesweit erscheinende koreanische Community-Zeitung)
5. bis 7. Dezember 2008, Bonn
von Semin O
„Seien Sie Vorbild auch für Menschen aus Zuwandererfamilien anderer Herkunft.“ So schliesst das Grusswort der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung Maria Böhmer anlässlich der von der Abteilung Japanologie und Korea-Studien der Universität Bonn und korientation e.V. gemeinsam veranstalteten internationalen Konferenz, die vom 5. bis 7. Dezember im Festsaal der Universität Bonn stattfand. Thema: „Vom Gastarbeiter zur Bildungselite? Zum Alltag koreanischer MigrantInnen in Deutschland.“
Was bringt Staatministerin Böhmer zu der Ansicht, die in Deutschland lebenden Koreaner könnten Vorbild für andere Migrantengruppen sein? Hilfreich für die Beantwortung dieser Frage mag ein Blick auf die politische Debatte um die Integrationspolitik von Bund und Ländern in den vergangenen Jahren sein. Deutlich wird dabei, dass das Thema der Integration eng verknüpft ist mit der Frage kultureller Anpassungsfähigkeit von Migranten, insbesondere des Spracherwerbs, sowie mit der Frage nach deren wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. So betrachtet, könnten die Koreaner in Deutschland tatsächlich Vorbildfunktion einnehmen: Insbesondere die zweite Generation bewegt sich scheinbar reibungsfrei in der Mehrheitsgesellschaft und auch wirtschaftlich tragen die Koreaner ihr Scherflein zum deutschen Steueraufkommen bei. Erschöpft sich aber hierin erfolgreiche Integration? Indiziert das Mass wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und kultureller Unauffälligkeit tatsächlich den Integrationsgrad? Und: Ist Integration ein Auftrag, der sich nur an Migranten und deren Nachkommen richtet?
Nein, nein und nein würde wohl die überwiegende Antwort der Konferenzteilnehmer lauten. An drei arbeitsintensiven Tagen diskutierten politische Vertreter und Migrationsforscher aus Deutschland, Grossbritannien, Südkorea und den USA ueber die gesellschaftlichen und politischen Implikationen von Migration von Koreanern nach Deutschland. Die Botschaft der Konferenz war erkennbar: Für die erfolgreiche Integration migrantischer Gemeinschaften bedarf es einer differenzierten Sichtweise auf Migrationsprozesse und die Lebenswelt von Migranten auch und vor allem durch die Mehrheitsgesellschaft. Dafür wiederum gilt es, den Blick zu weiten: Über wirtschaftliche Kennzahlen und Schulnoten hinaus sind auch politische und sozioökonomische Rahmenbedingungen von Migration, die individuelle und kollektive Identitätsbildung von Migranten sowie deren individuelle Erfahrungen und Perspektiven wahrzunehmen.
Die Konferenz hat diesem Bestreben durch eine Vielzahl von Vorträgen in vier Abschnitten Rechnung getragen: (i) Migrationsregime und Autonomie der Migration, (ii) Transnationale Migration, (iii) Alltag und Lebenswelten sowie (iv) 2. Generation. In gebotener Kürze sollen im Folgenden einige der Schwerpunkte skizziert werden.
Anwerbung von Gastarbeitern – Ausgangspunkt bundesdeutscher Auslaenderpolitik
Mehrere Beiträge widmeten sich dem Thema der in den fünfziger Jahren einsetzenden Anwerbung von Gastarbeitern, unter anderem auch aus Südkorea. Die Referentinnen kommen in ihren Untersuchungen zu dem Schluss, dass die deutsche Anwerbepolitik die gesellschaftlichen Folgen von Arbeitsmigration nicht beruecksichtigte, obgleich die Möglichkeit dauerhafter Einwanderung gesehen wurde. Die deutsche Ausländerpolitik war über Jahrzehnte hinweg durch eine Haltung des Abwartens geprägt, verbunden mit der Hoffnung, die Arbeitsmigranten würden wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Unmittelbare Folge dieser Politik war, dass die Erstellung eines umfassenden Konzepts zur Integration von Arbeitsmigranten in die deutsche Gesellschaft unterblieb. Ein eklatantes Versäumnis, dessen Auswirkungen bis heute zu spüren sind.
Eine weitere interessante Erkenntnis ist, dass die deutsche Einwanderungspolitik unter anderem durch rassistische Motive und koloniale Diskurse geprägt war. Vielfach sei die Meinung vertreten worden, Arbeitsmigration aus dem afrikanischen und asiatischen Kontinent, die Einwanderung sogenannter Afro-Asiaten, sei wegen kultureller Ferne und Unvereinbarkeit der Lebensstile problematisch und daher nicht wünschenswert. Ein erstaunlicher Befund, sind doch zwischen 1963 und 1977 ca. 20.000 Koreanerinnen und Koreaner als Arbeitsmigranten nach Deutschland eingereist. Die Referentinnen erklären dieses Phänomen mit einem Bündel an Faktoren. Im Kalten Krieg seien die westlichen Staaten und speziell die USA an einer engen wirtschaftlichen und ideologischen Bindung asiatischer Partner interessiert gewesen. Damit habe das Interesse der südkoreanischen Militärdiktatur unter Park Chung-Hee korreliert, die koreanische Wirtschaft mit ausländischen Devisen zu beleben. Auch seien die sozio-ökonomischen Push-Effekte außerordentlich groß gewesen: Der koreanische Arbeitsmarkt in den sechziger und siebziger Jahren war oft nicht in der Lage, gut ausgebildeten Fachkräften eine Beschäftigung zu bieten.
Zweite Generation und Identität
Ein weiterer Schwerpunkt der Konferenz befasste sich mit der zweiten Generation von Koreanern in Deutschland. Obwohl selbst keine Migranten, sind Kyopos (wörtlich: Im Ausland lebender Koreaner) oder – wie von einer Referentin vorgeschlagen – koreanische Deutsche dennoch Grenzgänger. Sie überschreiten alltäglich Kulturgrenzen, wenn sie sich zwischen Familie und deutschem sozialen Umfeld bewegen. Welche Identitätsbildungen zieht das nach sich? Worin findet diese Identität ihren Ausdruck? Die Referentinnen legten hierzu dar, dass sich bei den Koreanern der zweiten Generation eine Identität eigener Art gebildet hat. Diese Identität ist zwischen dem Deutschen und dem Koreanischen anzusiedeln und zugleich weder dem einen noch dem anderen klar zuzuordnen. Kyopos reproduzieren Sozialstrukturen und Verhaltensmuster der Elterngenerationen und variieren diese in Kombination mit solchen der deutschen Gesellschaft. Darin sei zugleich ein Bruch mit den Traditionen der Elterngeneration und eine Verbindung zwischen den Kulturen zu sehen.
Öffnung der Mehrheitsgesellschaft
Abschluss der Konferenz bildete eine Podiumsdiskussion zu der Frage „Welche Potentiale haben MigrantInnen und wo muss sich die Mehrheitsgesellschaft oeffnen?“. Diskutanten waren Dr. Serhat Karakayali, Kulturwissenschaftler in Berlin, Christoph Müller-Hofstede, Bundeszentrale fuer politische Bildung, Jae-Soon Joo-Schauen, Agisra e.V., sowie Wael El-Gayar, Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen. Kontrovers diskutiert wurde insbesondere die Akzentuierung von Bildung und Schulabschlüssen als Schlüssel zum Arbeitsmarkt. Allen voran Serhat Karakayali kritisierte die verkürzte Wahrnehmung von Schülern mit Migrationshintergrund, welche verhindere, dass ihr Potential erkannt und genutzt wird. Und in der Tat, Migranten und ihre Kinder werden verkuerzt, oft stereotypisch und indifferent wahrgenommen. Um so mehr ist es den Veranstaltern der Konferenz zu danken, dass sie durch ihre vielfältige Themenwahl einen ganzheitlicheren Blick auf die Koreaner in Deutschland eröffnen.
Semin O ist Rechtsreferendar und Doktorand an der Goethe Universitaet in Frankfurt am Main