(Der Artikel erschien in der koreanischen Community Zeitung kyoposhinmun im Oktober 2008.)
von Katja Richter
Die Zukunft ist interkulturell! Was steckt hinter diesem knappen Ausspruch? Was heisst „interkulturelle Kompetenz“ und welche Rolle spielt sie in einer zunehmend globalisierten Welt? Welchen Chancen, Aufgaben und Herausforderungen sehen sich die Akteure einer als interkulturell zu gestaltenden Zukunft gegenübergestellt?
Im Rahmen des „Europäischen Jahr des interkulturellen Dialoges 2008“, das unter dem Motto „Vielfalt gemeinsam erleben“ steht, findet in Potsdam vom 6.-11. Oktober 2008 die Festivalwoche „Zukunftslabor- Interkultureller Dialog in Brandenburg“ statt. Das Festival, das vom Land Brandenburg unter Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten Matthias Platzeck veranstaltet wird, widmet sich u.a. Themen wie Chancengleichheit, Interkulturalität und Diskriminierung sowie der Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und interkultureller Kompetenz.
Es geht vor allem um die scheinbar simple Frage: Wer oder was ist eigentlich normal?
Bei dieser Fragestellung steht nicht nur die ethnische, regionale und nationale Herkunft im Vordergrund. Vielmehr richtet sich der Fokus im interkulturellen Dialog auch auf das Geschlecht, die Religion, die sexuelle Identität, Behinderungen und den sozioökonomischen Status einer Person. Abhängig von Erziehung und der kulturellen Prägung von Menschen, entwickeln sich ihre jeweiligen Vorstellungen darüber, was als „normal“ bzw. „unnormal“ empfunden wird. Im Verlauf der zahlreich angebotenen Veranstaltungen sollen andere Positionen kennen gelernt werden, Distanz zu eigenen Einstellungen gewonnen werden und durch Perspektivwechsel eigene Werturteile reflektiert werden.
Während der Festivalwoche, an der Wladimir Kaminer, Bischof Dr. Wolfgang Huber und Prof. Dr. Rita Süssmuth teilnehmen, wird auch ein Dialog zwischen Wissenschaft, Bildung und Kultur stattfinden und ein zahlreiche Bereiche und Themen verknüpfendes Programm für die Besucherinnen und Besucher präsentiert werden. So werden Podiumsdiskussionen, Vorträge, Fachgespräche, Musik, Tanz, Theater, Lesungen, Filme und Workshops, Beiträge zu den Fragen des Interkulturellen Dialoges liefern. Hierzu wurden an den verschiedenen Tagen unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte gesetzt.
Am Thementag „Globalisierung und Interkultureller Dialog“ (6. Oktober) werden sich Jugendliche im Workshop „Was ist Europa?“ mit der Referentin Debora Gerstenberger interaktiv auf eine Europa-Reise durch die Zeit begeben und u. a. der Frage nachgehen, wie sich das Selbstverständnis von Europa und seinen Staaten mit der zunehmenden Vielfalt verändern muss. Am Abend liest einer der beliebtesten Jungautoren Wladimir Kaminer „Alte Heimat – Neue Heimat“ und wird bisher unveröffentlichte Texte zum interkulturellen Dialog präsentieren. Der darauf folgende Tag beschäftigt sich mit dem Themenkomplex „Identitäten und Vielfalt“ und stellt das Spannungsverhältnis zwischen Anerkennung von Identitäten einerseits und Verhinderung der „Identitätsfalle” (Amartya Sen) andererseits zur Diskussion. Im Demokratiebildungsprogramm „Hands Across the Campus” setzen sich Schülerinnen und Schüler in biografischen und kollektiven Übungen mit Identitäten und Zugehörigkeiten im Kontext ethnischer, geschlechtlicher, sozialer und (jugend-) kultureller Verortung auseinander. Während der Podiumsdiskussion Religionen, Staat und Weltgesellschaft (mit Bischof Dr. Wolfgang Huber) soll es um die Kontroverse gehen, inwiefern Religionen auch zur Konstruktion des “Fremden” und des “Anderen” und zur Identifikation von politischen Gemeinschaften beitragen. Was bedeutet in einer pluralistischen Gesellschaft die Anerkennung von Religionsgemeinschaften, das Recht auf Religionsausübung und religiöse Selbstbestimmung im Alltag, in Politik und für den Staat?
Der Mittwoch (8. Oktober) steht unter dem Aspekt „Klima und Nachhaltigkeit“ und stellt dabei den Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit, Umwelt- und Entwicklungspolitik dar. Die Podiumsdiskussion „Globale Erwärmung. Umgang mit Ressourcen und nachhaltige Umwelt- und Entwicklungspolitik“ setzt sich mit globaler Erwärmung und der Notwendigkeit nachhaltiger Technologien, politischer Massnahmen und der zukünftigen Ressourcenverteilung auseinander. Die fünf Musiker der Brandenburger Symphoniker „Ensemble Jacaranda“ mischen Instrumente unterschiedlichster Herkunft und werden am Ende des Tages – passend zum Thema – das vertonte Element „Erde“ darbieten. Das Tagesthema „Interkulturelles Lernen und Arbeiten“ (9. Oktober) beinhaltet vor allem die Frage, was der „interkulturelle Dialog” eigentlich konkret im Alltag bedeutet. Während einer Internationale Videokonferenz werden Jugendliche mit Partnern in Lettland und Tschechien u.a. der Frage nachgehen, was interkulturelle Kompetenz ist und wo und wie man diese erwerben kann. Im Gesprächsforum „Dem Klischee ein Schnippchen schlagen, Potenziale erkennen und nutzen!“ wird die Frage aufgeworfen, wie interkulturelle Öffnung, eine (Arbeits-) Kultur der Antidiskriminierung und Chancengleichheit dazu beitragen können, die Potentiale der Zuwanderinnen und Zuwanderer richtig zu erkennen und zu nutzen. Am Thementag „Baustelle Interkulturalität – Anstösse und Chancen“ (10. Oktober) geht es um die Problematik, dass manche Formen interkultureller Begegnung auch dazu beitragen können, bestehende Vorurteile zu verstärken sowie Menschen und Länder zu exotisieren. Es werden Anstösse und Chancen, aber auch notwendige Voraussetzungen der „Baustelle Interkulturalität” diskutiert. Der Vortrag „Postkoloniale Theorie, interkultureller Dialog und die Macht der Sprache“ von María do Mar Castro Varela widmet sich der postkolonialen Theorie und der Fortdauer bzw. Wirkungsmächtigkeit kolonialer Diskurse auf gegenwärtige wissenschaftliche und politische Strukturen und beleuchtet ausserdem die Definitionsmacht der Sprache im interkulturellen Dialog. Das am Abend präsentierte kontroverse Integrationsdrama „Wut” (Regie: Zueli Aladag) setzt sich bewusst mit Extremen auseinander und erhielt vielleicht gerade deshalb 2007 den Grimme-Preis. Den Abschluss der Festivalwoche bildet am Sonnabend (11.Oktober) der Markttag, an dem das Stück „Perpetuum Mobile” der Theatergruppe Ton und Kirschen aufgeführt wird. Zu guter letzt wird am Abend im Nicolaisaal Potsdam erstmals die Verleihung des Integrationspreises des Landes Brandenburg mit einem abschliessenden Konzert von Angelika Weiz und Band stattfinden.
Sie sind recht herzlich eingeladen, am Potsdamer Festival „Zukunftslabor- Interkultureller Dialog in Brandenburg“ teilzunehmen und sich an der Diskussion, wie wir heute und in Zukunft interkulturell leben wollen, zu beteiligen!
www.zukunftslabor.brandenburg.de
Über die Autorin
Katja Richter, Praktikantin im Büro der Integrationsbeauftragten des Landes Brandenburg, studiert an der Universität Potsdam Soziologie und Erziehungswissenschaften.