Das elfte Pyongyang Film Festival

(Dieser Artikel ist in der koreanischen Wochenzeitung kyoposhinmun im Oktober 2008 erschienen)

von Sun-ju Choi

Das alle zwei Jahre statt findende Internationale Filmfestival in Pyongyang ermöglicht für Nichteinheimische einen seltenen, wenn auch eingeschränkten Einblick in das Leben der Nordkoreaner. Organisiert wird das Filmfestival von der “Korea Film Export & Import Corporation”, dem einzigen staatlichen Filmvertrieb.

Knapp 100 ausländische Fachbesucher sind geladen – die meisten von ihnen kennen Nordkorea nur aus wundersamen Bildern und kryptischen Artikeln. Die Besucher werden am Flughafen Pyongyang empfangen und bekommen einen persönlichen “Guide” zugewiesen, der zugleich auch als Übersetzer fungiert. Die Besucher werden während ihres gesamten Aufenthaltes auf Schritt und Tritt begleitet. Privatsphäre und Freiraum gibt es nur innerhalb des Hotelareals. Das Hotel Yanggakdo, in dem die ausländischen Gäste untergebracht sind, liegt auf einer Insel auf dem Taedong-Fluss; ein “Entkommen” ist nicht möglich.

Für die Festivalsteilnehmer aus dem Westen ist es ein wenig befremdlich oder gewöhnungsbedürftig, wenn man nicht, wie normalerweise üblich, unabhängig und nach Belieben sein eigenes Filmprogramm erstellen kann. In Nordkorea funktioniert eben alles anders, und vom Begriff “Normalität” muss man sich schnell verabschieden, will man Land und Leute verstehen – zumindest versuchen zu verstehen. Für die ausländischen Gäste ist alles durchorganisiert und vorprogrammiert: Vormittags finden zumeist geschlossene Fahrten im Bus zu überdimensionalen Denkmälern und Museen in und um Pyongyang statt. Allgegenwärtig ist die Präsenz des Grossen Führers. Sein Konterfei und ebenso sein Symbol, eine strahlende überdimensionierte Sonne, schmücken alle Interieurs wichtiger Gebäude. Doch das Display von Grösse, Glanz und Prunk funktioniert nicht immer makellos. Inmitten von perfekt simulierter Oberfläche tun sich Risse auf: Liegengebliebene Busse und Bahnen, die an Ort und Stelle repariert werden, meterlange Menschenschlangen, die auf öffentliche Verkehrsmittel warten, Handkarren, die grosse Möbelstücke und allerlei sperrige Dinge transportieren. Fotografieren ist selbstredend nicht erlaubt. Nachmittags kann man sich einen oder zwei Filme ansehen. Doch die Auswahl ist nicht gross, und die verpassten Filme kann man selten nachholen. Das Goethe-Institut, das seit vielen Jahren aktiv den kulturellen Austausch zwischen Deutschland, Südkorea und Nordkorea vorantreibt, vermittelt Filme und berät das Filmfestival in der Auswahl der insgesamt zwölf deutschen Filme, darunter Christian Petzolds “Yella”, Robert Thalheims “Am Ende kommen Touristen” und “Die Fälscher” von Stefan Ruzowitzky, der den “Special Screening Award” der Grossen Jury erhielt.

Für Nordkoreaner ist das Filmfestival auch eine rare Gelegenheit, ausländische Filmproduktionen zu sehen und Informationen, wenn auch gefilterte, über andere Länder zu bekommen – selbstredend sind alle gezeigten Filme ideologiekonform oder systemneutral. Bei strikt reguliertem und kontrolliertem Kontakt zu Ausländern und Information aus dem Ausland nimmt es nicht Wunder, dass sich die Kinosäle mit tausenden von neugierigen und filmbegeisterten Menschen füllen. Hin und wieder kommt es denn auch zu Unmutsäusserungen und zuweilen sogar zu Handgreiflichkeiten vor dem Kino, wenn bei ausverkauften Vorführungen kein Einlass mehr gewährt wird. Die Dokumentarfilme allerdings sind weniger beliebt, dort bleiben die Sitzreihen fast leer.

Auch vier nordkoreanische Spielfilme und ein Dokumentarfilm sind vertreten. Diese sind Klassiker des nordkoreanischen Kinos: “Flower Girl” (1971) ist die Adaption eines von Kim Il Sung persönlich erschaffenen Revolutionsromans und erzählt die Geschichte der Kkoppun, die nach vielen erlittenen Ungerechtigkeiten ihrem Bruder folgt, der sich der anti-japanischen Revolutionsarmee anschliesst. “A Broad Bellflower” propagiert Heimatliebe und Aufbau ländlicher Bergregionen. Als ihre Liebe dem Ruf der Grossstadt folgt, bleibt die Protagonistin Song Rim in den Bergen und arbeitet ohne Unterlass für die infrastrukturelle Erschliessung und das Prosperieren ihres Dorfes. “A School Girls Diary” thematisiert den Alltag der Schülerin Su Ryon, die ihren stets abwesenden Vater schmerzlich vermisst. Doch schliesslich begreift sie, dass ihr Vater einen grossen gesellschaftspolitischen Auftrag hat und wichtige Aufgaben erfüllt. Sie entwickelt ein Bewusstsein für die wahre Erfüllung, die nur durch die bedingungslose Hingabe zu Kim Jong Il und die Selbstaufopferung für den Staat erreichbar ist. “Hong Kil Dong” (1987) ist ein Martial-Arts-Film, der mit einem spannenden Plot aufwartet. Die Figur Hong Kil Dong ist im Süden wie im Norden Koreas eine Legende, eine Art koreanischer Robin Hood. Von niederer Herkunft, verliebt er sich in die Tochter des Königs, darf aber diese – selbst nach grösster Heldentat der nationalen Verteidigung gegen die japanischen Erzfeinde – nicht heiraten. So fährt er mit seinen Gefährten ins offene Meer hinaus, um ein neues gerechtes Land zu finden. Es ist unschwer zu erraten, welches Land er findet bzw. neu gründet und welche Figur Hong Gil Dong tatsächlich verkörpert. “The Kites Flying in the Sky” behandelt rückblickend die schwierige Periode der Missernte und des Zusammenbruchs der allgemeinen Versorgung, die zur bekannten Hungerkatastrophe in Nordkorea führte: “The Ardous March”. Die Protagonistin So Yon nimmt in dieser Zeit zahlreiche Waisenkinder auf und versucht so die schwere Last des Staates zu lindern. Der Dokumentarfilm “Laugh Heartily” porträtiert die grosse Liebe und unendliche Fürsorge Kim Jong Ils für die sorglos aufwachsenden Kinder Nordkoreas. Wie in den meisten Filmen Nordkoreas sind die eigentlichen Hauptfiguren Kim Il Sung und Kim Jong Il. Ein mehr oder weniger verdeckter ideologischer Überbau mit klarer erzieherischer Botschaft findet sich in allen Spiel- und Dokumentarfilmen wieder.

Am Tag vor dem Abflug findet für die ausländischen Besucher ein Picknick am Flussbett des schönen Myohyang-Gebirges statt. Dort finden auch gemeinsame Spiele statt. Zwei Mannschaften – Solidarität und Freundschaft – treten gegeneinander an und spielen Luftballonwettlaufen, Ringwerfen und Gesichtmalen mit verbundenen Augen. Unschuldiger, kämpferischer Eifer erfasst alle Anwesenden. Die Mitglieder der Siegermannschaft erhalten eine Vase und die Verlierer müssen mit Stäbchen vorlieb nehmen. Beim Spielen und beim anschliessenden Picknick kommen sich die nordkoreanischen Guides und die ausländischen Besucher näher. Nach dem Essen werden aufgeregt Gruppenbilder gemacht; jeder will mit jedem ein Foto. Die anfängliche Distanz und Scheu geht in kindliche Freude über, und manche nordkoreanischen Guides werden gar übermütig und umarmen die Gäste. Und tatsächlich: für einen Augenblick kommt ein Gefühl echter Freundschaft und Solidarität auf. Wer kann und will sich dagegen sperren.

Sun-ju Choi lebt als Drehbuchautorin und Filmemacherin in Berlin und ist im Vorstand von korientation e.V.

1 Comment

Filed under Film, Yellow Press

One Response to Das elfte Pyongyang Film Festival

  1. Pingback: Traumwelten auf Zelluloid. Nordkorea und der Film « Nordkorea-Info

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>