Konferenzbericht: 11th Future Leaders’ Conference, 28.07. – 2.08.08, Seoul/Korea

(Der Artikel ist am 15.08.08 in der kyoposhinmun-Ausgabe #607 erschienen.)

Seit ihrer Gründung im Jahr 1997 veranstaltet die Overseas Koreans Foundation (OKF), Stiftung der ÜberseekoreanerInnen, jährlich die so genannte Future Leaders´ Conference, die Konferenz der zukünftigen Führungskräfte. Die OKF möchte jungen und aufstrebenden Berufstätigen in Politik, Wirtschaft, Medien und Zivilgesellschaft durch diese Konferenz ein Forum zur Vernetzung und zum Austausch bieten. Die gegenseitige Unterstützung und die Rückbindung an Korea soll es den TeilnehmerInnen dann ermöglichen, sich in die Gesellschaft ihrer jeweiligen Einwanderungsländer einzubringen und “koreanische Interessen” zu vertreten. (Im Rahmen der Konferenz wurde u.a. der Gebietsstreit zwischen Japan und Korea um die Insel Dokdo/Takeshima angesprochen.)

Neben zahlreichen Reden, Empfängen beim Premierminister und dem Vorsitzenden des Parlaments sowie einer Fahrt in das Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea, fanden zwei inhaltliche Sitzungen statt: am zweiten Tag wurden Dokumentarfilme über die Migration in die Länder der Sowjetunion, nach China, USA und Japan gezeigt und kommentiert; am dritten Tag wurde über die Situation koreanischer MigrantInnen und Adoptierter in Australien, Neuseeland und Europa referiert.

Es wurde deutlich, wie vielfältig und unterschiedlich die Migrationsbewegungen in die jeweiligen Einwanderungsländer sind.

7 Millionen Auslandskoreaner weltweit

Weltweit leben ca. sieben Millionen Menschen koreanischer Abstammung außerhalb Koreas. Sie verteilen sich auf nahezu alle Länder der Welt. Die größten Gruppen finden sich in China (ca. drei Millionen), den USA (ca. 2 Millionen) und Japan (ca. eine Million). Russland, Usbekistan und Kanada sind mit je ca. 200.000 AuslandskoreanerInnen weitere wichtige Auswanderungsländer.

Migrationsbewegungen nach China und Russland fanden bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts statt. So gehörten TeilnehmerInnen aus China und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion teilweise bereits der 4. oder 5. Generation von MigrantInnen an. Während die chinesischen KoreanerInnen sehr gut Koreanisch sprachen, konnte jedoch keineR der TeilnehmerInnen aus den Ländern der Sowjetunion Koreanisch sprechen. Neben den offiziellen Konferenzsprachen Englisch und Koreanisch wurde deshalb auch durchgängig ins Russische übersetzt.

Ein weiterer interessanter Unterschied zeigte sich darin, dass KoreanerInnen in asiatischen Ländern aufgrund ihres Aussehens nicht unmittelbar als AusländerInnen markiert werden. Dies ist insbesondere für KoreanerInnen in Japan von unmittelbarer Relevanz: durch eine Namensänderung können sie auch formal nicht mehr als KoreanerInnen erkannt werden und sich so vor Diskriminierung schützen.

Neben diesen unterschiedlichen Migrationshintergründen waren auch gewisse vereinheitlichende Tendenzen sichtbar. Auffallend war der enorm hohe Anteil an JuristInnen und die starke Präsenz der US-amerikanischen AuslandskoreanerInnen. (Die Verteilung nach Geschlechtern war mit 63 Männern und 42 Frauen vergleichsweise ausgeglichen.)

Private DiplomatInnen

Aus den USA nahmen 30 Personen an der Konferenz teil. Hinzu kam, dass viele, die offiziell andere Länder vertraten, weil sie derzeit dort arbeiten, die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besaßen oder in den USA studiert und lange Zeit gelebt hatten. Von insgesamt acht größeren Vorträgen wurden sechs von US-amerikanischen AuslandskoreanerInnen gehalten.

Neben den USA war auch Deutschland – angesichts der relativ geringen Anzahl von ca. 30.000 Deutsch-KoreanerInnen – mit zwölf TeilnehmerInnen überproportional stark vertreten. Allerdings hatten diese lediglich im Rahmen des Panels zu Europa Gelegenheit zu Wort zu kommen.

Entsprechend war die Diskussion stark durch eine US-amerikanisch-juristische Perspektive geprägt, die sich tendenziell als eher individualistisch und pragmatisch erwies und relativ wenig Raum für grundsätzliche Kritik ließ.

So wurde in der Regel an die TeilnehmerInnen appelliert, sich als (Einzel)Person stärker einzubringen und Führungskraft durch vorbildliches Verhalten an den Tag zu legen. Korea als nationalstaatliches Konstrukt oder Koreanischsein als konstruierte Zugehörigkeit wurden ebenso wenig hinterfragt wie die Rolle der koreanischen Community als Ganze: ihre Positionierung innerhalb der Rassenhierarchien oder interne Konkurrenzkämpfe und Ausschlussmechanismen.

Solche Fragen außen vor zu lassen und zunächst möglichst viele AuslandskoreanerInnen in gesellschaftlich einflussreiche Positionen in ihren Einwanderungsländern zu bringen, entspricht auch der Politik der OKF. Als Unterorganisation des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten und Handel ist sie in erster Linie nationalstaatlich und politisch-praktisch orientiert.

Solange es daneben noch andere zivilgesellschaftliche Gruppen gibt, die sich um eine tiefere Analyse von Machtstrukturen und -asymmetrien bemühen, ist das im Grunde auch kein Problem. Auf der Konferenz hatten diese Gruppen je zwei (!) Minuten Zeit, um ihre Ideen, Projekte und bisherigen Ergebnisse einem breiteren Publikum zu präsentieren – in einem Programmblock kurz vor dem Abendessen.

A propos: koreanisches Essen stellte auch auf dieser Konferenz mal wieder das allgegenwärtige und einzige Identität stiftende Moment dar. Insbesondere die Zukunftsfähigkeit und Führungsstärke von Kimchi blieb ein ums andere Mal unangefochten.

Die Autorin Hye-Young Haubner ist Doktorandin an der Universität Bielefeld und Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie nahm an dieser Konferenz als Vertreterin von korientation e.V. teil.

Leave a Comment

Filed under Yellow Press

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>