Franz Eckert – Botschafter fremder Kultur in Korea – Pionier westlicher Musik

(Der Artikel ist am 01.08.08 in der kyoposhinmun-Ausgabe # 605 erschienen).

Wann haben Sie zuletzt ein klassisches Musikstück gehört? Vermutlich liegt es nur wenige Momente zurück, die Beschallung mit Musik, besonders klassischer, gehört ja heutzutage zum allgemeinen Lärmpegel unserer Städte; und sicher spielen ihre Kinder mindestens ein klassisches Instrument, wahrscheinlich Klavier, Geige oder Querflöte.

Lassen Sie uns einen Blick auf den ersten Kontakt westlicher Musik in Korea werfen. Ich meine nicht Herrn Appenzeller und die christliche Missionsmusik, die er aus einem Harmonium herausquetschte, ich spreche von Orchesterwerken eines Haydn, Mozart, Bach, Beethoven.

Der Pionier, der westliche Musik, Noten und Instrumente Anfang des 20sten Jahrhunderts nach Korea brachte, war der preussische Musikkapellmeister Franz Eckert. Er traf 1901 in Chemulp´o ein, fuhr mit der Incheon-Seoul-Bahn in die Hauptstadt und begann die Notensysteme, die Instrumente und die Harmonien des Westens ausgesuchten Musikern am königlichen Hof zu lehren. Sein Erfolg lässt sich daran bemessen, dass seine Kapelle zeitweise bis zu 60 Musiker umfasste und er öffentliche Konzerte im Pagoda-Park (Tapgol-Park) wöchentlich gab. Eckerts unermüdlichem (eben unbeirrbar-preussischem) Bestreben ist es zuzuschreiben, dass westliche Musik in Korea sehr schnell populär wurde und heute noch ist.

Bis zu seinem Tod im Jahr 1916 lebte und musizierte Eckert in Seoul, er wurde auf dem Foreigner Cemetery beerdigt. Ein schlichter Grabstein, angefertigt in Berlin, markiert sein nach Osten ausgerichtetes Grab. Den zentralen Schmuck bildete ursprünglich ein bronzenes Bildnismedaillon. Dieses Medaillon wurde während des Koreakrieges herausgebrochen und ist seither verlustig. Als ich 2003 vor diesem Grabstein stand, fasste ich den Entschluss, diesem Grabstein sein ursprüngliches Aussehen wieder zurück zu geben. Weitläufige und zeitaufwändige Recherchen begannen und führten dazu, dass ich eine große Anzahl von Befürwortern und Unterstützern meines Projektes zusammenbrachte. Heute, nach fünf Jahren kann ich das Projekt endlich abschliessen. Der Hamburger Bildhauer Axel Richter hatte im zurückliegenden Jahr ein neues Medaillon mit dem Porträt des Musikers entworfen und in Bronze gegossen. Dieses Medaillon übergab ich im vergangenen Mai an Herrn Herzog, den Leiter der Kulturabteilung der deutschen Botschaft in Seoul. Er sagte mir zu, das Medaillon im Rahmen der Festivitäten zur Feier des 125sten Jahrestages der bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Korea an der Grabstele anbringen zu lassen. Seit wenigen Tagen ist nun auch die von mir herausgegebene Textsammlung zu diesem Projekt im Buchhandel erhältlich. Sie trägt den Titel: „Franz Eckert – Li Mirok  – Yun Isang. Botschafter fremder Kulturen. Deutschland – Korea“ und enthält neben einem Grusswort von Hartmut Koschyk MdB, Texte namhafter Wissenschaftler zu dem preussischen Kapellmeister Franz Eckert (Neurode/Schlesien 1852 – 1916 Seoul), dem Zoologen und Literaten Li Mirok (Haeju 1899 – 1950 Gräfelfingen b. München) und dem Musiker und Dirigenten Yun Isang (1917 Tongyeong – 1995 Berlin), sowie einen Zeitungsartikel der vor wenigen Monaten in der Intl. Harald Tribune erschien und die aktuelle, spannungsreiche Situation rund um den Foreigner Cemetery in Seoul beschreibt. Ein sehr schönes und sehr persönliches Gedicht der in Korea geborenen Wahlberliner Künstlerin Moon Suk mit dem Titel „Leere Schale“, eine kunstwissenschaftliche Einschätzung zum Thema Grabsteine um 1920 und eine fundierte Betrachtung zum FengShui von Grabstätten, die als eine Schnittstelle dargestellt werden zwischen der Welt der Lebenden und der Toten, an der regelmässiger Austausch und gegenseitige Hilfe möglich werden, runden das Projekt ab.

Die Artikel beleuchten am Beispiel dreier Biografien Möglichkeiten, Risiken und Durststrecken, die im gewollten oder getriebenen Verlassen der Heimat stecken. Sie lassen uns ermessen, dass auch in der Diaspora Essentielles entstehen kann, solange man seiner eigenen Wurzeln gewahr ist und diese Verbindung sichtbar in der neuen Umgebung behält. Aus den Biografien lässt sich Mut und Hoffnung herauslesen, für diejenigen, die Grenzen überwinden mussten und auch heute und immer wieder überwinden werden.

Vielleicht nehmen Sie ja das nächste klassische Musikstück, das Ihre Ohren umschmeichelt mit ein wenig veränderter Hörgewohnheit wahr?

Dr. Martin H. Schmidt ist Kunsthistoriker und Kunstberater. Er studierte Kunstgeschichte, Ethnologie und Soziologie an der Albertus-Magnus-Universität zu Köln und promovierte an der FU-Berlin. Er war als Mitarbeiter einer international arbeitenden Galerie in Darmstadt und eines Auktionshaus in Frankfurt/Main im Kunsthandel tätig. Er gibt Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen sowie internationale Vorträge zur Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts.

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