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Film

Woman is the Future of Man! – Über die Filme von Hong Sang-Soo

Wenn es um die cineastische Entdeckung alter und neuer Regisseure geht, lohnt es sich immer, zuerst nach Frankreich zu schauen: als Teil des kulturellen Gedächtnisses hat das Kino in Frankreich immer noch einen ästhetischen Stellenwert, von dem man in Deutschland nur träumen kann. So widmete im Dezember die Cinemathèque Francaise dem koreanischen Regisseur Kim Ki-Young eine ausführliche Retrospektive, die eindrucksvoll bewies, dass nicht nur der auch hierzulande bekannte Im-Kwon Taek die einzig filmhistorisch relevante Figur des koreanischen Kinos darstellt. Während der koreanische Filmboom der letzten Jahre in Deutschland Regisseure wie Park Chan-Wook und Kim Ki-Duk bekannt gemacht, gilt im Kontext der französischen Cinephilie Hong Sang-Soo als der bedeutendste koreanische Gegenwartsregisseur. Die Filme des 1960 geborenen Hong-Sang Soo laufen regelmässig im Wettbewerb des Filmfestivals in Cannes, aber in Deutschland ist noch keiner seiner Filme in die Kinos gekommen. Vielleicht hängt dies auch damit zusammen, dass sich seine Filme auf dem ersten Blick einer spezifischen nationaltypischen Zuschreibbarkeit entziehen. Seine Filme stehen sowohl den postmodern- ironischen Gewaltspektakeln von Park Chan-Wook als auch den semireligiös angehauchten Parabeln von Kim Ki-Duk denkbar fern – zwei stilistische Signaturen, die man gemeinhin gerne mit den neueren koreanischen Filmen assoziiert.

Hong Sang-Soos Filme sind von stereotypen Zeichen einer irgendwie popkulturell (Park Chan-Wook) oder exotisch/esoterisch (Kim Ki-Duk) markierten koreanischen Identität befreit und spielen in verschiedenen Variationen scheinbar universale (Kino)Geschichten von „boy meets girl“, oder besser noch „boy meets two girls/girl meets two boys“ durch. Bereits sein erster Film mit dem schönen Titel „Der Tag, an dem ein Schwein in den Brunnen fiel“ von 1996 etabliert ein Set von Figuren und Themen, das sich auch durch alle anderen seiner Filme durchziehen wird: ein Schriftsteller, der sich in einer Schaffens- und Lebenskrise befindet driftet ziellos zwischen Frauen und Alkoholexzessen hin und her. Der handelnde Held des klassischen Erzählkinos wird von einem entscheidungsunfähigen männlichen Protagonisten abgelöst, dessen Aktionen und Gesten immer wieder ziel- und sprachlos ins Leere laufen. Bereits in seinem Erstling wird deutlich, dass sich Hong Sang-Soo einer modernistischen Tradition von Regisseuren wie Alain Resnais oder Jacques Rivette verpflichtet sieht: entscheidende Ereignisse werden elliptisch gekürzt, Vision und Realität werden ununterscheidbar. In den folgenden Filmen wird diese erzählerische Grundkonstellation um einen apathischen männlichen Intellektuellen von Hong Sang-Soo immer minimalistischer gewendet. Ab seinem zweiten Film „The Power of Kangwon Province“ wählt Hong Sang-Soo meist eine zweigeteilte filmische Form, in der sich die beiden Teile des Films meist erst nachträglich ineinanderfügen. In „The Power of Kangwon Province“ ist es die Geschichte eines Universitätsdozenten, der im ersten Teil des Films die Erinnerungsorte einer verflossenen Urlaubsliebe aufsucht, die ihrerseits im zweiten Teil des Films nach Kangwondo fährt. Lange bleibt unklar, wie sich die beiden Teile inhaltlich und zeitlich zueinander verhalten – nur kleine Details geben Hinweise auf den Zusammenhang der beiden Geschichten , die sich der Zuschauer vor allem selbst konstruieren muss. In „Oh! Soo-jung“ (2000) wird die neurotische Liebesgeschichte zwischen einem Galeristen und einer Studentin einmal aus der männlichen und einmal aus der weiblichen Perspektive erzählt – hier ist es die (geschlechtsabhängige) Differenz der beiden Erzählpositionen, die den subtilen Witz dieses Films ausmacht. In seinem vorletzten Film „Tale of Cinema“ (2005) ist es schliesslich die Zweiteilung von einem „Film im Film“ und der „eigentlichen“ Filmhandlung, in der das Leben merkwürdigerweise den Film nachzuahmen scheint. Hong Sang-Soos Filme sind besessen von solchen Spiegelungen, Doppelungen und Wiederholungen und doch sind sie mehr als nur formalistische Spielanordnungen: denn gleichzeitig sind alle seine Filme mikroskopisch genaue Beobachtungen des koreanischen Alltags: wie Menschen reden, essen, sich betrinken. Der französische Filmkritiker Charles Tesson hat Hong Sang-Soo einmal einen ethnologischen Blick attestiert. Dieser Blick entlarvt vor allem viel männliches Elend: gefangen zwischen Egoismus und Selbstmitleid geben die Männer ein ziemlich erbärmliches Bild ab: unfähig zur Selbsterkenntnis fliehen die Männer in Saufgelage und Sexaffären ohne ihre narzisstischen Isolation in der kommunikativen Hinwendung zum Anderen aufbrechen zu können. In jedem Hong Sang-Soo Film gibt es ein zerstörerisches Besäufnis und einen zentralen Sexakt. Weder der Alkohol noch der Sex führen zu einer gemeinsamen Erfahrungswelt: statt zu enthemmen, lähmen die Unmengen von Soju vollends das Sprachvermögen des Mannes; statt der erotischen Vereinigung kommt es immer wieder zu gestörtem Sex – sei es durch zuviel Promille, zuviel Verbalisierung oder schlicht durch die Verunsicherung der Männer. In diesen tragikomischen Männerbildern fügen sich Hong-Sang Soos Filme trotz ihres ausgeprägten Formbewusstseins doch zu einem genauen Porträt einer verstörten koreanischen Maskulinität, die zwischen alten patriarchalen Verhaltensmustern und modernisierten Geschlechterbeziehungen arg ins Rudern gerät. Die Frauenfiguren in seinen Filmen sind oft mysteriöser gezeichnet, aber auch eigensinniger und autonomer. In „Tale of Cinema“ ist es letztlich die Figur der Schauspielerin, die sich dagegen wehrt, als idealisierte Projektionsfläche des Mannes zu dienen und führt den weinerlichen Protagonisten (einen Filmregisseur!) wieder zurück ins Reale des Lebens. Vom Leben ins Kino und doch wieder zurück – in dieser Spiralbewegung ist „Tale Of Cinema“ gleichzeitig eine Feier auf die libidinöse Überbesetzung des Kinos als Ort des Imaginären und eine liebevolle Kritik am Kino als Ort von (männlicher) Selbsttäuschung und Realitätsverlust. Den Ausweg aus dieser Illusion weisen stets die Frauen; deshalb kann der Titel von Hongs 2004er Films programmatisch für sein ganzes Werk gelten: „Woman is the Future of Man!“

Hong Sang-Soo ist kein Regisseur, der sich von Film zu Film neu erfindet, sondern, vergleichbar mit Regisseuren wie Yasujiro Ozu und Eric Rohmer, denselben Film in neuen Variationen immer wieder dreht: Sein jüngster Film heisst „Woman on the Beach“ und lief auf der diesjährigen Berlinale in der Panorama-Sektion: Ein Regisseur, der erst aus purer Konkurrenzlust seinem Freund die Freundin ausspannt und dann damit nicht klar kommt, dass die Frau schon mit ausländischen Männern geschlafen hat. Es gibt eine hinreissend komische Szene, in der der Regisseur das Dilemma seines Begehrens in Form einer Zeichnung darzustellen versucht. Wie immer bei Hong Sang-Soo scheitert der Mann an den Widerspruechen seiner eigenen Phantasmen.

Es bleibt nur zu wünschen, dass die Berlinale dazu beiträgt, seine Filme in Deutschland bekannter zu machen: Hong Sang-Soo bleibt hier noch zu entdecken.

Sulgi Lie ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Filmwissenschaft der FU Berlin und Filmkritiker für das koreanische Online-Filmmagazins „ncorea“

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