An American in Pyongyang

Am 26.02.2008 fand im East Pyongyang Grand Theatre in Pyongyang um 18.00 Uhr Ortszeit ein Konzert der New Yorker Philharmoniker statt, das weltweit live übertragen wurde. Das Konzert war der erste bedeutende kulturelle Kontakt zwischen den USA und dem jahrzehntelang isolierten Nordkorea. Das Konzert gilt als diplomatischer und künstlerischer Coup, der an frühere Reisen der Philharmoniker während des kalten Krieges erinnert, die geschichtliche Meilensteine markieren: 1959 in die UdSSR, 1960 nach Berlin.

Unter der Leitung des Chefdirigenten Lorin Maazel spielten die New Yorker zu Beginn des Konzertes die Nationalhymne Nordkoreas und – erstmals in der Geschichte Nordkoreas – die Nationalhymne der USA. Besondere Aufmerksamkeit der Weltpresse zog die Aufführung George Gershwins “An American in Paris” auf sich, wohl wegen der Anspielung, die dem Titel entnommen werden kann: „An American in Pyongyang“. Als eine der drei Zugaben spielte das Orchester – wie könnte es auch anders sein – „Arirang“, das bekannteste koreanische Volkslied in beiden Teilen des Landes, und wurde mit einer zehnminütigen Ovation belohnt.

Im Folgenden werden Auszüge aus einem persönlichen E-Mail Interview mit Erik Ralske, dem Hornisten des New York Philharmonic, wiedergegeben, die ins Deutsche übersetzt wurden.

Wieviele und was für Menschen kamen zum Konzert?

Wir haben im East Pyongyang Grand Theater vor 2500 Leuten gespielt. Natürlich war nur handverlesenes Publikum da, wie man sich leicht denken kann, aber ihre Begeisterung und Emotionen schienen mir echt. Wer diese Menschen waren und welche Funktionen sie innehaben, kann ich freilich nicht sagen. Wir hatten nur mit den offiziellen Dolmetschern direkten Kontakt, aber sie waren alle sehr freundlich. Einige von uns haben auch etwas längere Gespräche mit ihnen führen können. Niemand von uns hat jedoch provokative Fragen gestellt – aus Respekt und Höflichkeit.

Wie hat das Publikum reagiert?

Das Publikum war überwältigend. Es gab eine fünfminütige Ovation am Ende des Konzerts. Als das Orchester begann, sich zurück zu ziehen, ging der Applaus wieder von vorn los – für ganze weitere fünf Minuten. Wir winkten – so schien es mir – für eine Ewigkeit und viele aus dem Publikum winkten zurück. Eine direkte Kommunikation sozusagen. Ich möchte nicht sentimental klingen, aber es war wirklich ein erhabener Moment, eine echte gefühlte Umarmung. Das ganze Orchester war glücklich und berührt. Alle Hoffnungen und Erwartungen wurden übertroffen, so die einstimmige Meinung der Orchestermitglieder.

Wie schätzen Sie die politische Dimension dieses Ereignisses ein?

Ich hoffe wirklich, dass unser Besuch einen kleinen Beitrag zu einer kulturellen Öffnung und besseren Verständigung zwischen den beiden Ländern führen kann. Es wurden auch bereits Vergleiche zu der Ping-Pong Diplomatie mit China in den 70ern und dem kulturellen Austausch mit der UdSSR gezogen. Meines Erachtens ist es noch zu früh, genaue Aussagen darüber machen zu können. Aber vielleicht gibt es ja tatsächlich eine Nachwirkung. Auch scheint es kein Zufall zu sein, dass die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice in diesen Tagen viel über Asien spricht, insbesondere über Nordkorea.

Was stand noch auf dem Programm für das Orchester?

Der Aufenthalt war sehr kurz (48 Stunden), also hatten wir ein sehr kompaktes Programm mit den üblichen Führungen. Für mich waren – neben dem Konzert – die Performances an dem Mangyongdae Kinder Palast die Highlights. Das war wirklich beeindruckend. Da waren Kinder zwischen 6-17 und haben unterschiedliche Sachen aufgeführt: Lieder, Tänze, traditionelle Instrumente, Chorgesang und rhythmische Gymnastik. Das Ganze glich eigentlich mehr einer Las Vegas Show mit ausgeklügelter Choreographie und ausgefallenen Kostümen. Die meisten Sachen wurden von einem Studentenorchester begleitet, das über eine Stunde komplett ohne Noten spielte. Diese große Bandbreite an unglaublichen Talenten war so überwältigend, dass alle Orchestermitglieder mehr als verblüfft waren. Aber ich musste gleichzeitig auch daran denken, was für Opfer diese Kids bringen müssen, ebenso womit sie für solche herausragende Leistungen belohnt werden.

Was bleibt Ihnen in Erinnerung?

Es hat am ersten Tag unserer Ankunft geschneit. Wir wurden sehr kontrolliert und durften nirgendwo auf eigene Faust hingehen. So gingen wir meistens auf unsere Zimmer im Yanggakdo International Hotel, wo die Raumtemperatur mindestens 25 Celsius betrug und für jede Mahlzeit ein überbordendes Büffet aufgefahren wurde. Das Essen war für jeden Menschen auf der Welt, egal welcher Herkunft, einfach viel zu viel: Tonnen von Fisch und Fleisch. Die Qualität des Essens freilich kann man anzweifeln, wenn man nur westliche Standards kennt. Aber für mich als Vegetarier war das keine leichte Sache. Viele der Gebäude waren nicht beheizt (Museen, Theater, Lobbies). Auch hat es mich ein wenig überrascht, dass es dort sehr wenige Autos gibt. Fast alle Menschen laufen trotz der Kälte. Das beeindruckendste und zugleich befremdenste Gebäude war das unfertige 105- stöckige Hotel in Form einer Pyramide, welches die Skyline dominiert. Von nicht-offzieller Seite erfuhren wir, dass sie Probleme haben, beim starken Wind die Fensterscheiben vor dem Herausfallen zu schützen. Aber das ist ja nicht nur ein Problem von Nordkorea. Ich habe gehört, dass in Berlin am Potsdamer Platz schon Ähnliches passiert ist.

Nach dem zweitätigen Besuch in Pyongyang reisten die New Yorker Philharmoniker nach Seoul weiter, wo sie im Seoul Arts Centre auftraten. Dort wurden sie frenetisch begrüsst und als Helden gefeiert. Bleibt zu hoffen, dass ihr Besuch in Pyongyang auf längere Sicht einen positiven Effekt auf das angespannte politische Klima zwischen den USA und Nordkorea haben wird.

Das Programm der New Yorker Philharmoniker in Pyongyang

Nationalhymne Nordkorea
Nationalhymne U.S.A.
Richard Wagner: Vorspiel zum 3. Akt aus Lohengrin
Antonin Dvořák: Sinfonie Nr. 9, Aus der Neuen Welt
George Gershwin: An American in Paris
Leonard Bernstein: Ouvertüre Candide (Zugabe)
Georges Bizet: Farandole aus L’Arlésienne-Suite Nr. 2 (Zugabe)
Volksweise: Arirang (Zugabe)

Das Interview führte Sun-ju Choi. Sie arbeitet als Drehbuchautorin und Lektorin in Berlin.

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