Hast Du die Kuk-Sus schon gessalmot?

Der Countdown läuft. Nur noch vier Tage, in denen sich meine Mitbewohnerin Kate in der Sicherheit ihrer Muttersprache Englisch wiegen kann, um sich dann für drei Monate auf das Abenteuer einzulassen, ausschliesslich auf deutsch zu kommunizieren. Es ist ein gross angelegtes Video Performance Projekt mit täglichen fünf Minuten Tagebuch- Updates auf ihrer Website. Mit den Videos wird sie ihre Erfahrungen und ihre Fort- oder Rückschritte mit der deutschen Sprache dokumentieren, oder manchmal vielleicht auch ganz schweigen, oder auch weinen… Dieses Projekt, Restriktion und Herausforderung zugleich, gab Anstoss, dem Phänomen Sprache ein wenig auf die Spur zu gehen. Wie gehen wir täglich mit Sprache um, und was bedeutet Sprache für uns als mehrsprachig Aufgewachsene? Im Gespräch mit Kate ist mir die simpelste Tatsache aufgefallen, dass sie als Amerikanerin nie die Notwendigkeit hatte, eine andere Sprache erlernen zu müssen, dass daher dieses Projekt eine grosse Herausforderung darstellt und auch mit vielen Ängsten verbunden ist.

Die meisten von uns, ob 1., 1.5.oder 2. Generationskoreaner/innen, Halbkoreaner/innen, sind bis zu einem gewissen Grad zwei- wenn nicht dreisprachig, und es scheint uns natürlich. Es fühlt sich an wie einen anderen Mantel überziehen. Den Umständen oder Menschen entsprechend switchen wir von einer in die andere Sprache, manchmal mehrmals am Tag, und merken es vielleicht kaum noch. Aber ich spüre, wie ich mich von Sprache zu Sprache verändere. Nicht nur, dass meine Stimmlage im Koreanischen drei Oktaven höher liegt als im Deutschen, vielmehr findet auch eine innere Veränderung statt, die eher subtil und unbewusst zu passieren scheint. Meine Haltung gegenüber der anderen Person, oder die Stimmung – the mood – verändern sich ganz lautlos.

Dieses Phänomen nehmen wir oft nicht bewusst wahr. Chomsky spricht von der Notwendigkeit, einer “psychische Distanz” zu den “mentalen Fakten” herzustellen und zu erkennen, dass die vertrautesten sprachlichen Phänomene eine Erklärung verlangen. Denn mit der Sprache verhält es sich seiner Ansicht so: „Wir hören kaum noch Wörter, die wir äussern… Wir sehen uns an, aber sehen uns nicht mehr. Unsere Wahrnehmung der Welt ist dahingeschwunden… Wörter, die wir äussern, aber kaum jemals hören.” (Noam Chomsky, Sprache und Geist, Frankfurt 1970). Zwar hätten wir als Sprecher einer Sprache einen breiten Bestand an Daten zur Verfügung, aber deswegen sei es auch leicht, dem Irrtum zu verfallen, dass es nichts zu erklären gäbe. Dabei bezieht er sich nur auf „die Sprache“, und selbst bei Mehrsprachigen scheint es etwas „Normales”, „Selbstverständliches“, sie einfach zu gebrauchen. (Anders verhält es sich übrigens bei den Übersetzern unter uns.)

Sicherlich hängt mein Interesse für Sprache darüber hinaus auch mit meiner Arbeit als Schauspielerin zusammen. Nach langjährigem Aufenthalt im Ausland scheint sich die “psychische Distanz” ganz natürlich eingeschaltet zu haben. Die deutsche Sprache war für mich lange wie ein Dorn im Auge. Auf der einen Seite bin ich mit ihr aufgewachsen, auf der anderen Seite gab es immer wieder die Sprüche, die mich schon als kleines Mädchen zur Weissglut brachten: “Du sprichst aber gut deutsch. Wo hast du das denn gelernt?” Wir kennen solche Fragen in allen Variationen. Mit diesen persönlichen Erfahrungen kam auch immer mehr die emotionale Abgrenzung, Entfremdung und Distanz zur deutschen Sprache. Während meines internationalen Studiums in Holland schien mir der Zustand der Sprachlosigkeit am gegenwärtigsten. Die bilinguale Schriftstellerin Yoko Tawada sprach von dem “Niemandsland”, in dem sie sich befand, bevor sie ihre eigenen Gedichte vom Japanischen ins Deutsche übersetzte (Yoko Tawada auf einem Symposium für zweisprachige Schriftsteller in Seoul, 2001).

Nun sollte ich also in diesem “Niemandsland” ganz natürlich eine Szene in meiner Muttersprache improvisieren. Nach halbherzigen Versuchen zunächst auf Englisch, dann auf Deutsch zu spielen, was beides einen seltsam fremden Klang hatte, fing ich aus Verzweifelung an, einfach auf Koreanisch herum zu brabbeln. Und obwohl mein Koreanisch damals nicht besonders fliessend war, veränderte sich mein Körper, und es bewegte sich etwas. (Im Theater könnte es auch als Emotion gedeutet werden…) Das waren die Anfänge, mich mehr mit der koreanischen Sprache auseinanderzusetzen, sowohl in persönlicher wie auch künstlerischer Hinsicht. Mittlerweile ist nach meiner Rückkehr nach Deutschland meine Liebe auch zur deutschen Sprache gewachsen. Im Laufe der Jahre sind die unterschiedlichen Sprachen, mit denen ich lebe und arbeite, zu eigenen Identitäten in mir selbst geworden. Jede Sprache öffnet auf eine Art Türen meiner Persönlichkeit – und verändert somit auch die moods .

In Bezug auf Mehrsprachigkeit und ihrer möglichen Weiterentwicklung in Deutschland ist auch das Gutachten der Bürgerschaft Hamburg (Spracherwerb zweisprachig aufwachsender Kinder und Jugendlicher von der Behörde für Bildung und Sport der Stadt Hamburg, 1999) interessant. Dieses griff im Zuge migrations- und integrationspolitischer Vorschläge Sprach- und Sprachbildungsfragen zweisprachiger Jugendlicher auf. Hierbei wurde der früher allgemein gültige Ansatz des sprachlichen Anpassungsprozess aufgehoben, das eine Art Verschleiss von der 1. zur 3. Generation der Herkunftssprache beobachtet. Vielmehr wird festgestellt, dass Faktoren wie die anhaltende Neueinwanderung, die sozialräumliche Konzentration von Sprechergruppen, das kulturelle Selbstbewusstsein u.a. spracherhaltend wirken. In der Konsequenz rechnen die Autoren des Gutachtens auf absehbare Zeit mit gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit, ohne dass „die Funktion der deutschen Sprache als allgemeine Verkehrssprache […] in Frage gestellt wird.“

Mir kommen konkret gewisse Vorstellungen oder Assoziationen mit bestimmten koreanischen Worten oder Phrasen in den Sinn, die unverwüstlich sind, wie beispielsweise bei Kim Chi oder Bulgogi, sei es der unverkennbare Geruch, die Küche aus der Kindheit, das Haus der Halmoni etc. Ähnlich verhält es sich mit Standardsprüchen wie “Mahni meo-geo” oder “Yeol- shim-hi- hae”. In ihrem Artikel (Kyoposhinmun Nr. 577, Yellow Press-Kolumne, 01/2008) sprach Hae-Young von Kim Chi auf Butterbrot, was meine damals beste deutsche Freundin im Alter von 10 bei uns daheim mit absolutem Genuss kombinierte und meine Mutter vollends entzückte.

Solche Kombinationen können doch auch mit Sprache in Verbindung gebracht werden. “Hybride” Sprachen wie unser Gemisch aus deutsch- koreanisch – „Jang Bpong“, könnten sich doch weiterentwickeln. Wir sprechen sowieso bereits so. Hast du die Kuk-Sus schon gessalmot? Ähnlich wie im jamaikanischen Kreolisch, das entstand, als die Sprachen der jamaikanischen Einwanderern, die grösstenteils im 17. und 18. Jahrhundert aus West und Zentralafrika stammten, sich mit dem Englisch der britischen Kolonialherren mischten. Everything is cook and curry. – Everything is just fine. Wobei wir mal wieder beim Essen wären…

Über die Autorin: Se-Rok Park ist Schauspielerin/ Performerin. Sie erhielt ihren internationalen Masters in Schauspiel in London nach Studien und Forschungen in Holland, Korea und Kanada. Sie wirkte in Theater, Fernseh- und Filmproduktionen in Korea, Kanada, Berlin und London. Seit Sommer 2007 lebt sie wieder als darstellende Künstlerin in Berlin.

Leave a Comment

Filed under Yellow Press

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>