>Schönheit ist Schicksal< heisst es in Juhn Jaihongs >Beautiful< (Arumdabda), der auf der diesjährigen Berlinale in der Panorama-Sektion seine Premiere feierte. Der junge Regisseur knüpft mit diesem Film unmittelbar an Kim Ki-duks vorletzten Film >Time< an, eine psychotische Studie über den grassierenden >Plastic Surgery< Kult. Kim Ki-duk hat für das Spielfilm-Debut seines aRegieassistenten selbst die Originalstory geschrieben, die als Kontrapunkt zu den chirurgisch mutierten Identitätswechseln in >Time< anmutet. Während in Kim Ki-duks Film die äussere Erscheinung im Zeitalter des Skalpells gerade kein Schicksal mehr zu sein scheint, scheint in >Beautiful< Schönheit noch ein unveränderliches Naturphänomen zu sein.
Zu Beginn des Films ist für Eun-yong (Cha Soo-Yeon) ihre Schönheit noch eine Gabe. Als perfektes Objekt der Begierde, nach dem sich alle Leute auf der Strasse umdrehen, hat sie zugleich die Kontrolle über all die erbärmlichen Typen, die hinter ihr her sind. Nach und nach fühlt sie sich jedoch von den unverschämten Männern und den eifersüchtigen Frauen immer mehr bedrängt, bis sie eines Tages von einem heimlichen Verfolger in ihrer eigenen Wohnung vergewaltigt wird, der später behauptet, selbst das Opfer von Eun-yongs unwiderstehlicher Schönheit zu sein. In der Tat macht sie selbst nun ihre Schönheit für ihr Leid verantwortlich und versucht erfolglos erst durch simulierte Fresssucht und dann durch Magersucht, ihren Körper zu zerstören. Als sie ihren vermeintlichen Vergewaltiger auf der Strasse wieder zu erkennen meint, beginnen bei ihr wahnhafte Halluzinationen.
Wer hier einen sensationalistischen Exploitation-Plot wittert, liegt sicherlich nicht falsch. Juhn Jaihong setzt auf Schocks und Körperexzesse, die ihre B-Movie – Herkunft nicht verleugnen können. Im Grunde genommen folgt >Beautiful< dem klassischen Schema eines >rape revenge movies< in Nachfolge von Filmen wie >Extremities< oder Abel Ferraras >Die Frau mit der 45er Magnum<. Der Clou von >Beautiful< ist, dass sich hier die Rache der Frau sich nicht auf die männlichen Aggressoren richtet, sondern auf den eigenen Körper. Damit wird der paradoxerweise der (post)feministische Impuls der gewaltsamen Selbstermächtigung im >rape revenge genre< wieder zurückgenommen und in ein masochistisches Selbstzerstörungsprogramm konvertiert, in der die Protagonistin die Perspektive des Vergewaltigers gar zu teilen scheint. Und doch ist der Film nicht nur auf diese durch und durch reaktionäre Wendung eines weiblichen Opfergangs zu reduzieren. Das liegt vor allem daran, das Juhn Jaihong die Negativität dieser masochistischen Fantasie mit der Präzision eines psychoanalytischen Szenarios durchexerziert – bis zum dem Punkt, an dem die Exploitation in Reflexion umschlägt. Die narzisstische Liebe zum Spiegelbild kippt später in den blanken Selbsthass, weil das verdinglichende Blickregime der Männer, in dem die Protagonistin gefangen ist, nur zwei Alternativen kennt: schöne Ware oder schmutziger Müll. Diesem fatalen Kreislauf kann Eunyong letztendlich nur im paranoischen Wahn entkommen. Gegen Ende des Films verschwimmen Realität und Halluzination immer mehr und es kommt schliesslich doch noch zu einer phantasmatischen Aneignung phallischer Macht: Mit einer in ihrer Hand angeklebten Pistole (wie weiland James Woods im Finale von David Cronenbergs >Videodrome<) tritt sie zum aussichtlosen Gefecht gegen die gesamte Männerwelt. Das selbst ihr Opfertod sie vor männlicher Gewalt nicht schützen wird, macht Juhn Jaihong in einer der finstersten Schlussbilder der letzten Zeit unmissverständlich: Selbst als Leiche ist sie eine schöne Leiche… Beauty is Destiny.
Männliche Erbärmlichkeit bleibt auch das Thema von Hong Sang-Soo, der mit seinem Wettbewerbsbeitrag >Night and Day< (Bam gua Nat) erstmalig Korea verlassen und seinen neuen Film fast gänzlich in Paris ansiedelt hat. Trotz dieses kontinentalen Terrainwechsels bleibt auch in Paris die koreanische Community unter sich. Sung-nam (grossartig gespielt von Kim Youngho), ein verheirateter Maler um die 40, flieht aus Angst vor einer Gefängnisstrafe in Korea nach Paris. Völlig ziellos lässt er sich durch Paris treiben, bis er zufällig seine Exfreundin Min-sun nach langer Zeit wieder trifft. Sung-nam wehrt sich gegen Min-suns Avancen, seine Sehnsucht gilt seiner Frau in Korea. Doch dann trifft er die Kunststudentin Hyun-ju und ihre Mitbewohnerin Yu-jeong. Sung-nam verliebt sich in die kapriziöse Yu-jeong, doch das Objekt der Begierde hat ihre Tücken.
Wie immer bei Hong Sang-Soo lügt und betrügt sich ein leicht derangierter Künstler/Akademiker durch ein kompliziertes Beziehungsgewebe und macht dabei sich und die Frauen unglücklich. Wie immer gibt es zwischen Reden und Handeln der Männer eine unüberbrückbare Kluft – Worte haben bei Hong Sang-Soo keinerlei performative Konsequenz: >Ich liebe dich< wiederholt Sung-nam mantra-artig, als er im letzten Teil des Films schliesslich doch noch nach Korea zu seiner Frau zurückkehrt, um prompt darauf von einer Affäre zu träumen, in der er mit patriarchaler Willkür über die Frau dominiert. Sung-nam wird im gesamten Filme nie beim Malen, sondern nur beim Herumgammeln gezeigt. Und doch denkt er, dass sich die ganze Welz nur um ihn dreht. Das ist das ewige Dilemma von Hong Sang-Soos Männern: Sie würden gerne die koreanischen Machos sein, die uns >Beautiful< in all ihrer Widerwärtigkeit vorführt, sind aber in ihren Egos viel zu verunsichert, um diese klassische Rolle überzeugend zu spielen. Deshalb ist auch Sung-nam halb Arschloch, halb liebenswerter Idiot – und aus dieser prekären Mischung beziehen alle Hong Sang-Soo – Filme ihren unnachahmlichen Humor.
Es hat sich also wenig verändert im geschlossenen Autoren-Universum des Hong Sang-Soo: das tagebuchartige Voice-Over aus >Tale of Cinema< mitsamt seinen redundanten Wort-Bild-Verdoppelungen kehrt in >Bam gua Nat< genau so wieder wie die seltsam unmotivierten Kamera-Zooms. In einem Interview hat Hong auf Luis Bunuel als eines seiner grossen filmischen Vorbilder verwiesen: >Night and Day< ist gespickt mit surrealen Details, die man aus den Filmen von Bunuel nur zu gut kennt: hier ein Stück Hundekot, dass den Bordstein hinuntergespült wird, dort einige absurde Tierbilder von einem kleinen Spatz oder besonders grotesk – von einem Schwein, das mit seinem Rüssel gegen die Scheibe einer Frauensauna (!) klopft. Auch das subtile Changieren zwischen Traum und Erwachen gemahnt an eine surreale Montageästhetik, die Bunuel vor allem in seinem offen komödiantischen Spätwerk zur Meisterschaft gebracht hat: >Dieses obskure Objekt der Begierde< – auch eine Studie über die Lächerlichkeit männlicher Sexualität, in der ein alternder Lustmolch dieselbe Frau quasi doppelt projiziert: einmal als Jungfrau, einmal als Hure. Von solchen fetischistischen Besetzungen loszukommen, ist für die Männer in Hong Sang-Soos Filmen nahezu unmöglich, und so scheint sich in der heimtückischen letzten Einstellung des Film, Sung-nam gleichzeitig mit einem Schwenk auf sein eigenes Wolkenbild ein weiteres Mal in seine autistische Fantasiewelt hineinzuträumen.
Sulgi Lie ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Filmwissenschaft der FU Berlin und Mitglied des korientation e.V.