In Korea war ein bestimmter Geschenkartikel, „Chonghapseonmulset“ – auf Deutsch etwa mit „bunte Gebäcksammlung“ zu übersetzen – sehr beliebt, als ich noch klein war. Dieses „Chonghapseonmulset“ hatte ungefähr die Grösse einer halben Bananenkiste. Ich wartete sehnsüchtig auf etwaige Gäste meiner Eltern, die diese mitbrachten. Denn der unterschiedlich süsse Geschmack verschiedener Gebäcksorten faszinierte mich. So avancierte die Gebäcksammlung in meiner Kindheit zum Symbol des sehnsüchtigen Wartens. Derart unterschiedlich und erfüllend waren diese Gebäck-Assortiments für mich! Erst später erfuhr ich, dass diese Schachtel ein wohl kalkuliertes Massenprodukt der Süsswarenindustrie war, bestehend aus Süssigkeiten, die sich einzeln nicht gut verkauften. Seitdem wurde ich dieses Geschenks überdrüssig.
In diesem Jahr, 2007, findet die Documenta in Kassel statt. Letztes Jahr waren es die Werkleitz Biennale, die Berlin Biennale und auch die Whitney Biennale. Auf der anderen Seite der Weltkugel fanden in Schanghai und in Sydney ebenfalls Biennalen statt. So überbietet sich die Kunstwelt mit „Biennalen“ in jeder denkbaren Form und in jedem denkbaren Land. Das Charakteristische an Biennalen ist, dass sie alle zwei Jahre internationale, avantgardistisch-experimentale Kunstwerke zusammenstellen, mit dem Anspruch und Ergebnis, zu Top-Adressen für gegenwärtige Kunst aufzusteigen.
Mittlerweile gibt es ca. neun Veranstaltungen in Korea, die alle Biennale heißen: die Gwangju Biennale begann 1995 mit dem Fokus „Sphäre der Geschichte“ und fährt fort, ihren Schwerpunkt auf „gegenwärtige bildende Kunst“ zu setzen. Und dann kamen die Busan Biennale, die Seoul International Media Art Biennale, die ihre jeweiligen eigenen Schwerpunkte setzen, die Internationale Kalligraphie Ausstellung Cheollanordprovinz Biennale, die Internationale Ch’eongju Kunstgewerbe Biennale, die Daegu Foto Biennale, die Internationale Kyeonggiprovinz Keramik Biennale, die Gongju Goldfluß Natur Bildende Kunst Biennale, die Internationale Seoul Sphäre Druckkunst Biennale usw., so dass man von einer Fliessband Biennalen-Produktion sprechen kann. Hierbei meine ich nicht die Anzahl der Biennalen. Bezeichnend für mich ist, dass jede Biennale ihre eigene Eigenschaft – sowohl auf inhaltlicher als auch formaler Ebene – besitzt, um die Massen zu erreichen. Ich weiss, dass es auch in Deutschland viele unterschiedliche Biennalen gibt, z.B. im Bereich Architektur und Musik – sogar mehr als in Korea.
Ich besuchte die erste Gwangju Biennale, die als die erste internationale Veranstaltung bzw. Kunst Biennale in Korea galt. Damals gab es viele negative Kritiken, z.B. dass sie zu regional beschränkt sei und dass die Veranstaltung nicht ganz ausgereift erscheine. Ich aber erlebte dort eine mir bis dahin unbekannte Welt. Das war genauso wie meine erste Erfahrung mit der Gebäcksammlung als Kind. Ich denke, dass die erste Gwangju Biennale Anfang der 1990er die Bedürfnisse des Publikums erfüllte, zu einer Zeit, als sich die zeitgenössische Idee entwickelte und als die Globalisierung der Kunstwelt im Rahmen des Postmodernismus stattfand. Mein Eindruck von der gegenwärtigen Biennale ist, dass sie ihren Anfangszeitgeist vergessen hat und ohne kreatives Konzept immer die gleichen bereits als berühmt betitelten Künstler in einen Karton packt.
Wegen des positiven Images der Gwangju Biennale auf internationaler Ebene ahmten viele koreanische Regionalstaatsverwaltungen im Sinne der Bereicherung ihrer Regionen diese Biennale nach. Aber anders als erhofft hatten sie keinen Erfolg. Das liegt wohl daran, dass sie ohne eigene kreative Ideen Gwangju kopiert haben. 1,6 Millionen Menschen besuchten die Gwangju Biennale, so dass sie enormen Gewinn verbuchen konnten. Sie hatte in diesem Sinne großen finanziellen Erfolg. Aber die hohe Besucherzahl hatte einen Grund: Ein aktuelles spezielles Phänomen dieser Zeit trug dazu bei, dass die Menschen ohne hinterfragendes Eigeninteresse bestimmte Veranstaltungen, die als „Auf jeden Fall unterstützungswert“ deklariert wurden, engagiert frequentierten. In Bezug auf diese blinde Kopierwut einiger regionaler Kulturbehörden möchte ich die Frage stellen, ob man wegen des regionalen Egoismus und wegen der finanziellen Einnahmen so eine Veranstaltung organisieren sollte und das ohne erklärte Ziele, ohne Kreativität und Vision?
Bei näherer Betrachtung der speziellen Charakteristika der traditionsreichen und erfolgreichen Biennalen fällt auf, dass sie alle eine eigene regionale Kultur bzw. eine regionale Besonderheit besitzen. In den Weltstädten wie London, Paris und Rom gibt es bislang keine Biennalen. (In Paris und Tokio haben Biennalen stattgefunden, die sich jedoch nicht lange bewährten.) Die heutzutage berühmten Standorte von Biennalen wurden erfolgreich, als sie begannen, auf der Besonderheit einer Region aufbauend, die Kultur direkt mit dem alltäglichen Leben vor Ort in Einklang zu bringen. Venedig, welches bereits seit dem 18./19. Jahrhundert als ein Hauptanziehungspunkt für Touristen bekannt ist, begründet ihren Erfolg in der Verknüpfung von Tourismus als kulturwirtschaftlicher Faktor mit der Biennale als kulturellem Event. Die Kassel Documenta in Deutschland findet alle fünf Jahre statt, doch ist Kassel keine typische Touristenstadt. Ihr Erfolg als ehemalige Stadt des Kohlebergbaus liegt dagegen in der Fokussierung auf eine Stadt als politische Entscheidung in Verbindung mit einem künstlerischen Konzept begründet. In der heutigen Zeit, wo sogar schon von Biennale Touren gesprochen wird, sollte sich die Biennalen bemühen, ihren bisherigen Charakter einer einfachen Kunstausstellung hinter sich zu lassen und sich vielmehr auf die verschiedenen Charakteristika der Kunst und auf die Ermöglichung eines multiplikatorischen Effekts auszurichten.
Die kreative Kraft des Lebens wird uns Menschen durch das Facettenreichtum von Kunst zuteil und gegenwärtig leben wir in einer zu günstigen Zeit, um dieses nicht zu verwirklichen. Jetzt ist es an der Zeit einzusehen, dass immer die gleiche Auswahl von Künstlern aufgrund angeblicher Qualitätssteigerung und als „global“ zu kategorisierende Kunstwerke nicht initiativ, ja fast schon nichts sagend sind und endlich Konsequenzen daraus zu ziehen. Wenn ich mir heutzutage weltweit Ausstellungen im Kunstbereich betrachte, habe ich dasselbe Gefühl wie damals als ich klein war: Bei meinen regelmässigen Besuchen unseres Friseurs, wo sich mir absolut zusammenhangslos ein idyllisches Bild einer Wassermühle an der Wand aufdrängte oder dieses nostalgische Gefühl meiner Erinnerung an die Gebäcksammlung. Dennoch sehe ich der kommenden Biennale in der starken Hoffnung entgegen, dass mir endlich diese Erinnerung an die bunte Gebäcksammlung erspart bleiben möge.
Lee (Jae Hyun) YOO (geb. in Gyeongju/Süd-Korea) Absolvent für Bildende Kunst an der Sungkyunkwan Universität in Seoul/Süd-Korea und an der Universität der Künste in Berlin/Deutschland. Er beschäftigt sich in seiner künstlerischen Arbeit mit dem Thema Grenze und Grenzüberschreitung im Sinne einer ‚open identity’.