Kimtchi auf Butterbrot – Hybride Kulturen und transnationale Identitäten

„Brot oder Kimtchi?“ so lautet der Titel der Diplomarbeit von Annette Schubert, Halbkoreanerin und Redaktionsmitglied, aus dem Jahr 2006. Sie untersucht darin das Rückkehrverhalten der koreanischen Krankenschwestern die in den 1960er Jahren als ArbeitsmigrantInnen nach Deutschland kamen. Brot steht symbolisch für Deutschland, Kimtchi für Korea. Wofür entscheiden sich die Frauen: entweder Deutschland oder Korea? Fühlen sie sich als Deutsche oder als Koreanerinnen?

Im Verlauf der Arbeit stellt sich heraus, dass die Trennung in zwei so eindeutige Optionen nicht der Lebenspraxis der MigrantInnen entspricht. So halten auch die in Deutschland verbliebenen MigrantInnen vielfältige Beziehungen zu Korea aufrecht und auch die Rückkehrerinnen brechen nicht alle Kontakte zu Deutschland ab. Sie lassen sich teilweise sogar im „Deutschen Dorf“ auf Namhä nieder und leben dort in mit Dachziegeln bedeckten Reihenhäuschen mit Gartenzwergen im Vorgarten. Viele essen Brot zum Frühstück und Kimtchi zum Mittagessen. Mein Vater kombiniert mit großer Begeisterung beides: Kimtchi als Belag für sein Butterbrot – morgens, mittags oder abends. In der Wissenschaft fallen in diesem Zusammenhang zwei Begriffe: Transnationalität und Hybridität.

Kulturen waren schon immer Mischungen

Transnationalität steht für das Überwinden nationalstaatlicher Grenzen. Im Lateinischen bedeutet die Vorsilbe trans- „über etwas hinausgehend“. Das Überschreiten von Grenzen ist jedoch kein neues Phänomen. Menschen sind immer schon gewandert, haben Handelsverbindungen geknüpft und auf diese Weise Grenzen verschoben und alte Einheiten neu zusammengefügt. Im Grunde ist die Bildung von Nationalstaaten und die damit getroffene künstliche Grenzziehung in der Moderne das eigentlich Unnatürliche und Neuartige.

Auch Hybridität ist im Grunde ein ganz normaler Zustand. Der Begriff steht für die Neuzusammensetzung unterschiedlicher Kulturen und Identitäten. „Hybrid“ bedeutet im Lateinischen „von zweierlei Herkunft“ – also die Vermischung von ursprünglich Unterschiedlichem. Allerdings ist es fragwürdig, ob überhaupt eine klare Unterscheidung zwischen „Ursprünglichem“ und „Vermischtem“ gemacht werden kann. Was ist denn ursprünglich deutsch und was ist ursprünglich koreanisch?

Interessanterweise hat das „typisch deutsche“ Brot seine Ursprünge in Ägypten und Kimtchi besteht aus Zutaten die aus China, Südamerika und den Pazifischen Inseln stammen.

Brot kommt aus Ägypten…

Brot in seiner heutigen Form konnte erst durch die Erfindung von Backöfen und die Verwendung von Hefe entstehen. Beides wurde im 3. Jahrtausend v. Chr. in Ägypten entdeckt und angewendet. Die umschliessende Hitze des Backofens ermöglichte ein gleichmässiges durchbacken ganzer Brotlaibe die ihre Grösse durch die Hefe erhielten. Zuvor wurden lediglich Fladenbrote auf heissen Steinen oder in Asche gebacken. Von Ägypten gelangten die Kenntnisse des Brotbackens über Griechenland und das Römische Reich nach Europa. Auch Weizen – als einer der Hauptbestandteile von Brot – stammt aus dem Vorderen Orient. Er wurde dort seit dem 8. Jahrtausend v. Chr. angebaut.

Wenn Brot im Grunde gar nicht deutsch ist, ist dann Kimtchi vielleicht auch nicht koreanisch?

…und Kimtchi aus Südamerika

Diese Frage ist für mich etwas schwerer zu beantworten, weil – einem Sprichwort zu Folge – jede Frau ein Geheimnis hat und für Koreanerinnen dies offensichtlich ihr je eigenes Kimtchi­rezept zu sein scheint. Was ich aber sehen und schmecken kann, ohne dass meine Mutter es mir jemals verraten hätte, sind: Chinakohl, Ingwerstücke, Knoblauch und jede Menge Paprikapulver.

Chinakohl ist vermutlich eine Kreuzung aus Speiserübe mit Senfkohl und wurde – wie der Name bereits andeutet – im 5. Jahrhundert in China kultiviert. Erst im 15. Jahrhundert gelangte er auch nach Korea. Die Heimat der Ingwerpflanze ist nicht eindeutig bestimmt. Möglicherweise hat sie ihren Ursprung aber auf den Pazifischen Inseln. Knoblauch wurde in den Steppengebieten Zentral- und Südasiens kultiviert. Ursprungsgebiet der Paprika ist Mittel- und Südamerika. Dort wurden die heute noch geläufigen Zuchtformen seit dem 6. Jahrtausend v. Chr. angebaut. Durch Christopher Kolumbus gelangte die Pflanze nach Europa und im Zuge der Kolonisation verteilte sie sich über die Welt. In vielen asiatischen Ländern wurde Paprika dadurch zum festen Bestandteil der einheimischen Küche. Vorher wurde dort u. a. Pfeffer als scharfes Gewürz verwendet.

Wenn es scheinbar nichts Ursprüngliches gibt, wozu benötigen wir dann noch die Unter­schei­dung in „typisch deutsch“ und „typisch koreanisch“?

Unterscheidungen führen zu Unterdrückung und Hierarchien

Unterscheidungen schaffen Ordnung. Sie erleichtern das Zusammenleben, weil wir uns mit ihrer Hilfe nicht in jedem Moment ständig neu entscheiden und orientieren müssen. Stattdessen gilt: Kimtchi ist scharf, Brot macht satt – alles klar. Erstaunlicherweise sind Unterscheidungen aber nicht nur Grundlage für Einordnungen, sondern immer auch mit Unterordnungen verbunden: Brot ist gesund, Kimtchi stinkt – alles klar?

Dinge werden unterschieden und erhalten unterschiedliche Wertigkeiten. Entscheidend ist hierbei, wer die Macht hat, um zu definieren was besser und was schlechter ist als anderes. Im Grunde gilt aber, dass erst die Unterscheidung es erst ermöglicht, Hierarchien zu bilden.

Für HalbkoreanerInnen, Deutsch-KoreanerInnen, Korea-Deutsche, KoreanerInnen in Deutschland und alle anderen vermeintlich abnormalen Wesen und die Frage danach woher sie „eigentlich“ kommen und wohin sie „eigentlich“ gehören gilt deshalb: sie sollten diese Frage nicht beantworten. „Brot oder Kimtchi?“ – mal sehen, was der Tag so bereithält.

Die Autorin Hye-Young Haubner hat Politik- und Kommunikationswissenschaft in München, Barcelona und Berlin studiert. Derzeit promoviert sie im Fach Soziologie an der Universität Bielefeld und beschäftigt sich im Rahmen ihrer Dissertation mit der Integration von ethnischen Minder­heiten in Deutschland.

Leave a Comment

Filed under Yellow Press

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>