Es kann nur ein Volk geben! – StrandVölkerball-WM im Zeichen der Völkerverständigung

Es ist wieder soweit – im Juli steigt zum fünften Mal die Völkerball-WM am Oststrand. Völkerball, im Englischen harmloser auch Dodge-Ball genannt, ist eines der Spiele im Sportunterricht, die in deutschen Grundschulen mit Begeisterung gespielt werden, mit zunehmendem Alter jedoch in Vergessenheit geraten. Kurz zur Erinnerung: Es geht letztendlich darum, die gegnerischen Spieler auf ihrem Territorium mit einem weichen Ball abzuwerfen, bis keiner mehr übrig bleibt. Der Eliminierung des Gegners gilt, wie beim Schach, das ganze Streben der Spieler. Anders als beim Schach ist allerdings voller Körpereinsatz gefragt. Sieger ist logischerweise die Mannschaft, die zumindest noch ihren König oder sogar noch ein paar mehr Spieler auf dem eigenen Spielfeld vorweisen kann.

Hier in Berlin wird Völkerball denn auch wort-wörtlich genommen. Wo ein König ist – da muss auch ein Volk her, aber ein „echtes“. So steht es in den Teilnahmebedingungen. Gleich 15 „echte Völker“ dürfen mitmachen. Ab wann ist man hier aber ein Volk? Wer darf mit wem mitmachen? Ab wann ist man dementsprechend kein Volk, sondern nur eine Ansammlung von Freunden, und daher nicht berechtigt, um Ruhm, Ehre und neuerdings auch Pokal kämpfen und werfen zu dürfen? Diese doch begründeten und essentiellen, wenn nicht gar existentiellen Fragen versuchen die Teilnahmebedingungen und auch einer der Gründer der Veranstaltung zu klären. Wenden wir uns aber zunächst den Tiefen des Internets zu. Das zwar fehlbare, dennoch immer zu Rate gezogene Wikipedia sagt zum „Volk“ Folgendes: Volk, ein altes germanisches Wort, bedeutet eigentlich „viele“, bezeichnet eine große Anzahl von Individuen, die durch gemeinsame Merkmale verbunden sind, wie zum Beispiel Fussvolk. Später im Mittelalter bezeichnet es auch eine durch gemeinsame Herrschaftsform, Sprache, Kultur und Geschichte verbundene große Gruppierung von Menschen. Abzugrenzen ist der Begriff demnach von dem der Nation, dem Stamm, der Ethnie. Gemeinsam ist allen die Suche nach Merkmalen der Gemeinsamkeit, die die Gruppenzugehörigkeit konstitutieren. Welche Merkmale das sind, ist je nach Auslegung verschieden. Wenn wir hier bei der kultur-ethnischen Auslegungsvariante des Begriffes Volk bleiben, liegen wir bei einer großzügigen weiten Auslegung ganz bei den Völkerballmachern.

Die Veranstalter definieren Völker als ethnische oder kulturelle Konzeptionen, die all denen offen stehen, die sich damit ganz oder zumindest teilweise identifizieren können. Die Teilnahmebedingungen werden konkreter. Wenigstens der Grossteil sollte etwas mit der behaupteten Sprache des angemeldeten Volkes anfangen können, darüber hinaus ist es wichtig, eine eigene Art von Folklore im weiteren Sinne präsentieren zu können. Dies ist anhand kulinarischer Spezialitäten, musikalischer Erzeugnisse – je abgedrehter, desto besser – und ethnischer Eigenheiten zu belegen. Unter letzteren könnte alles Mögliche zu verstehen sein, vielleicht besondere Wurftechniken, vielleicht auch Tanzeinlagen wie die der Brasilianer oder die Butho-Verrenkungen der Japaner in den Spielpausen… Max Schumacher, einer der beiden Köpfe der Veranstaltung und eigentlich Theatermacher, meint hierzu: „Unsere Meisterschaft ermuntert Menschen, sich in ihrer Folklore selber zu erfinden. Fans aller Sportarten machen das – bei uns machen es die Spieler selber auch. Das hat etwas Archaisches, Stammhaftes. Die meisten Völker, die bei uns mitspielen, nehmen sich und ihre Identität nicht so furchtbar ernst. Die Japaner rennen als Butho-Performer über den Sand, die Preussen tragen Plastik-Pickelhauben und angeklebte Schnurrbärte – Männer wie Frauen. Auch bei den mitgebrachten Spezialitäten gibt es einerseits Klischee-Reproduktionen, oft aber auch völlig unbekannte Leckereien.“

Der Konstruktion des eigenen Volkes sind demnach wenig bis keine Grenzen gesetzt. Das Zitty-Stadtmagazin gründete vor zwei Jahren kurzerhand sein eigenes Volk, es gab unter anderem auch schon die Völker der Berliner Fangkuchen, Ruhrpottler, Hessen und Preussen. Einen koreanischen Freund von mir fand ich in einem Jahr unerkannt im chinesischen Team, die Türken spielten vor Jahren mal als Türken und Teile der Mannschaft sah man dann bei den Griechen wieder, so behauptet jedenfalls eine Freundin von mir mit sehr gutem Gedächtnis.

Das Ganze ist als ironische Auseinandersetzung nicht nur mit dem Leistungssport zu sehen, wie auch die Bezeichnung der Veranstaltung als „Weltmeisterschaft“ schon nahe legt, sondern mit viel Augenzwinkern gerade auch als eine Form, sich mit der sogenannten multikulturellen, multi-ethnischen, multi-sonstwie gearteten Gesellschaft zu beschäftigen. Gerade jetzt, da auf allen politischen Ebenen mit allen möglichen Begrifflichkeiten um sich geworfen wird, Schlagworte wie Migrationshintergrund, Bildungsnotstand, Ausländerintegration, Integrationskurs, interkulturelle Kompetenz etc. in allen erdenklichen Wortkombinationen auftauchen, ist eine pragmatische, auf den ersten oberflächlichen Blick intellektuell anspruchslose und damit jedem zugängliche Auseinandersetzung mit dem Thema erfrischend unbefangen. „Interkulturelle Begegnungen“ ohne zu viel Political Correctness, mit mehr Begegnung und weniger Problemdiskussionen – und viel Spaß an der Freude. Der spielerische Versuch, das andere Volk abzuwerfen und vom Platz zu jagen, der Kampf um das Territorium des anderen, wird zum verbindenden Anlass des Austausches. Übersehen wird übrigens oft der starke Regionalismus in Deutschland, der sich hier ebenfalls einmal ausleben kann, wie anhand der Teilnehmerliste deutlich wird. Schließlich wird nicht nur der offensichtliche „Ausländer“ bei jeder Gelegenheit gefragt, wo er herkommt, sondern auch andere Deutsche, aus welchen Teilen Deutschlands sie stammen. Hier gibt es nun außerhalb von Oktoberfest und Karneval eine Plattform der Präsentation auch für sie, gleichberechtigt neben Franzosen oder Amerikanern, bunt durcheinander.

Gerade die humorvolle, selbstironische Art der Präsentation und Selbstdarstellung von ethnischen Minderheiten im weitesten Sinne kommt leider oft viel zu kurz; die positiven funktionierenden Aspekte im tatsächlich existierenden Miteinander gehen oft unter in den notwendigen problemorientierten, mehr oder weniger intellektuellen Diskursen und Diskussionen der Wissenschaft und Politik. Auch in einer Stadt wie Berlin, in der viele Menschen mit ganz unterschiedlichen ethnischen Hintergründen leben, scheinen mir die Gelegenheiten doch selten zu sein, bei denen auf humorvolle Weise die kulturelle Differenz betont, aber nicht zu ernst genommen, vielmehr zum Anlass genommen wird. Die Anmeldung mit meinem bunt gemischten Team als „Koreaner“ ist daher auf dem Weg. Auch meine blonden und brünetten, blau- und grünäugigen Mitstreiter hoffen auf Akzeptanz als Koreaner. Schließlich essen alle Kimchi, können alle Kimchi sagen und sind bereit, unter dem koreanischen Banner beim sportlichen Wettstreit der Völker anzutreten. Nirgendwo steht geschrieben, dass man schwarze Haare und Schlitzaugen haben muss, wir sollten daher alle Volkskriterien erfüllen. Sollte auch das „WM-Komitee“, das über die Auswahl der zugelassenen Völker entscheidet, der gleichen Meinung sein, ist ein lärmender Koreaner-Fanblock übrigens willkommen.

5. Völkerball-Weltmeisterschaften vom 26.07. – 29.07.2007 am Oststrand, Berlin

www.oststrand.de

Die Autorin Jee-Un Kim hat Jura und Kulturmanagement studiert.

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