Ein grosses gemeinsames Fest am Brandenburger Tor, Deutsch-KoreanerInnen aus dem gesamtbundesrepublikanischen Gebiet, SüdkoreanerInnern, NordkoreanerInnen, Deutsche, Anders-Deutsche und Nicht-Deutsche und auch Nicht-KoreanerInnen in einer Schlaufe vereint, Hand in Hand…als Ausdruck eines politischen Traums, der Traum von einer friedliche Wiedervereinigung in Korea.
Mit diesem Bild begann die Organisationsgruppe für die in Deutschland alljährlich stattfindende Mai-Veranstaltung im Vorjahr ihre Arbeit. Und so fand die 27. Mai-Veranstaltung zum Gedenken der Gwangju Demokratisierungsbewegung im Mai 1980 gegen die Militärdiktatur in Süd-Korea dieses Jahr in Form einer viertägigen Veranstaltung in Berlin statt, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Geschichte und Entwicklung eines demokratischen Bewusstseins bezogen auf Südkorea in der deutsch-koreanischen Community in Erinnerung zu rufen und gleichzeitig eine Plattform zu schaffen, politische Differenzen der Vergangenheit aufzuarbeiten.
Eine Filmreihe im Kino Babylon Mitte bildete am 24. Mai (Donnerstag) den gut zugänglichen Auftakt mit dem Spielfilm My Wedding, der einen komisch-melancholischen Einblick in die Lebenssituation von „Anders-Koreanischen“ Frauen gewährt, die aufgrund von Heiratsmigration in Südkorea leben. Dem folgten zwei Dokumentarfilme, Our School und Korean Don Quixote Lee Hise, nachdenklich stimmende Aufnahmen aus den so unterschiedlichen koreanischen Communities in Japan und Deutschland, die eines gemein haben, dass die Teilung Koreas sie tief prägte und in ihnen immer noch Grenzen zieht, untereinander, zu der Mehrheitsgesellschaft und zu den heutigen zwei Staaten auf der koreanischen Halbinsel.
Am Freitag lud ein eintägiger deutschsprachiger Workshop ein, sich mit der Situation von koreanischen Migrationsgemeinschaften aus unterschiedlichen Perspektiven intensiver auseinanderzusetzen. Dabei setzten die ReferentInnen bereits biographisch einen Perspektiven-Schwerpunkt, da sie in der Mehrheit Deutsch-KoreanerInnen der Zweiten Generation waren. KIM Kwang-Soo und HA Sang-Hee, zwei VertreterInnen der südkoreanischen NGO-Gruppe Korean International Network, die u.a. in Seoul das unabhängige Film-Festival CNFF (Corean Network Film Festival) ausrichtet, brachten eine Darstellung der Perspektive der südkoreanischen Mehrheitsgesellschaft ein, die sie aus ihren eigenen Erfahrungen in der Arbeit mit koreanischen Communities als Minderheiten in anderen Ländern auch gleich kritisch mitreflektierten. Eine Hauptaussage, die ReferentInnen wie TeilnehmerInnen gleichermassen zum Nachdenken und Diskutieren anregte, verwies auf die Tatsache, dass sich eine verstärkende Tendenz in Südkorea herausbilde, die sog. koreanische Diaspora einzuteilen nach „brauchbare – nicht brauchbare Ressource“ und damit einhergehend die vereinnehmende und andererseits stark ab- und ausgrenzende Wahrnehmung, Darstellung in den Medien und zweigesichtige Politik der südkoreanischen Mehrheitsgesellschaft gegenüber „ihren Dongpo“ (=ihren Landsmännern).
Der Beitrag über die Bedeutung und Funktion von koreanisch traditioneller Kunst in koreanischen Migrationsgemeinschaften von SHIN Hyo-Jin versuchte durch einen selbstreflektierenden Überblick zur Entstehung von Bemühungen der Ersten Generation von MigrantInnen mit Vermittlung sog. Traditioneller Künste an die Folgegenerationen die Kultur „des Herkunfts-/Heimatlandes“ weiterzugeben, soziologische Gründe dafür aufzuzeigen und anzudeuten, dass ein einseitiger, starrer und zuschreibender Umgang mit „Tradition“ zu folklorisierenden Bildern in der deutsch-koreanischen Minderheitengemeinschaft selbst führen und diese andererseits auch als Bestätigung von Klischees und Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaften dienen kann.
Die Frage, wie sich heutzutage solche Bilder und Zuschreibungen global immer mehr angleichen, wurde in dem Vortrag von LIE Sulgi und CHOI Sun-Ju aufgegriffen, die die mediale Präsentation von Asiaten insbesondere in Deutschen und US-Amerikanischen Filmen vorstellten. Dieser mit grossem Interesse und Erstaunen verfolgte Beitrag verdeutlichte, dass sich das weltweit existierende und sich immer weiter ausbreitende Bild über Asiaten und Asiatinnen auf die US-amerikanische Erfahrungen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges basieren und dieses exotisierende Bild sich im Laufe der Zeit kaum verändert hat. Diese fremdbestimmte Zuschreibung ist nur zu durchbrechen durch eine aufklärerische und selbstbestimmte, selbstbewusste Suche nach eigenen Positionen und individuellen Verortungen, anders ausgedrückt, mit Filmen und Produktionen, die von AsiatInnen über AsiatInnen jenseits aller Mafia-Geschichten, Martial-Arts-Filmen und kitschigen Historienschinken hergestellt werden.
Eine fehlende Selbstbestimmung diagnostizierte auch der Beitrag von CHOI Sera, der sich mit Partizipation, Politisierung und Repräsentation von Selbstorganisationen und MigrantInnen in Deutschland auseinandersetzte. Die in den letzten Jahren aufgekommene Debatte um die „Einwanderungsgesellschaft Deutschland“ und die Politik der „Integration durch Fördern und Fordern“ ist eine Debatte, die so gut wie ohne Beteiligung der Hauptakteure, nämlich ohne die „EinwandererInnen“ geführt und entschieden wird. Strukturell sind in Deutschland immer noch zu wenig Menschen mit Migrationshintergrund in den verantwortlichen Positionen vertreten, die eine wirkliche Veränderung der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft bewirken könnten und andererseits haben viele Minderheiten-Communities, unter ihnen auch die Deutsch-Koreanische, einen transnationalen Raum geschaffen,der mit herkömmlichen nationalstaatlichen Denken sich schwer fassen lässt.
Von der Gedenkzeremonie am Freitag Abend an über das eintägige Symposium am Samstag mit der Verkündigung auf dem geschichtsträchtigem Bebelplatz als grosses gemeinsames Fest (DädongNori) bis zur offenen Diskussionsrunde am Sonntag vormittag als Abschluss der Veranstaltung war der Blick auf die Frage nach einer Wiedervereinigung der zwei koreanischen Staaten gerichtet. Dabei wurde herausgestellt, dass die Aufarbeitung der Geschichte über die Verwirklichung eines demokratischen Systems in Südkorea und ihre absehbare politsche Entwicklung als grundlegende Basis für einen allgemeinen Diskurs in der südkoreanischen Öffentlichkeit vorhanden sein muss. Die Erfahrung der Wiedervereinigung in Deutschland und ihre Folgen bis heute sind nur schwer ausmachbar in einer Gesellschaft, die sich im Zuge der Bildung einer Europäischen Union und der sog. Globalisierungstendenzen in den letzten 10 Jahren stark verändert hat und können somit nicht auf die koreanische Situation übertragen werden. Doch sind Studien und Untersuchungen der Annäherung von aber auch immer noch vorhandenen Grenzen zwischen zwei ideologisch verschiedenen Gesellschaften ein wertvolles Thema in Bezug auf Korea. Denn ein Umdenken und eine offenere, kritische und selbstbewusste Annäherung ohne ideologische Verteuflungsbilder gegenüber Nordkorea ist nicht nur einzufordern bei den SüdkoreanerInnen und der koreanischen Diaspora, sondern gerade auch in einem aussenpolitischen Zusammenhang in einem viel grösseren Rahmen zu sehen, jenseits der Anprangerung der „Axis of Evil“.
Die 27. Mai-Veranstaltung in Berlin ist von Besuchern konzeptionell sehr positiv angenommen worden. Die Coorganisation der Veranstaltung mit der May Memorial Foundation aus Gwangju, bedeutete für die seit annähernd 30 Jahren in Deutschland aktive solidarische Gruppierung eine wichtige Anerkennung ihrer bisherigen und zukünftigen Aktivitäten.
Warum bei mir als offizielle Vertreterin der sog. Zweiten Genereration in der Organisationsgruppe nach Abschluss der Veranstaltung dennoch eine nachdenkliche Stimmung überwiegt, liegt an der immer deutlich sichtbar werdenden Notwendigkeit einer gemeinsamen inhaltlichen Konsensfindung zwischen den Aktiven der Ersten Generation und der Zweiten Generation von Deutsch-KoreanerInnen in Deutschland. Ohne eine gemeinsam gewollte und geführte Verlagerung der Perspektive innerhalb der Community von einer nach innen gerichteten und abgeschlossenen hin zu einer partizipatorischen Mehrheitsgesellschaft, geraten solche Veranstaltungen zukünftig immer mehr in Gefahr, auf eine Ebene der blossen Repräsentation und Selbsterhaltung zu fallen.
Programm und Inhalte der Mai-Veranstaltung 2007 abrufbar unter www.koreaverband.de
Die Autorin Shin Hyo-Jin studierte Musik und Biologie an der Freien Universitaet Berlin und der Universitaet der Kuenste. Taetigkeitsbereich: Kulturvermittlung und Interkulturelle Musikpädagogik