Eines grauen Herbsttages in Schöneberg teilte mir eine berühmte koreanische Bestseller-Autorin, die sich für längere Zeit in Berlin aufhielt, bei einer Tasse Tee folgenden Gedanken mit: „Es scheint mir, dass koreanische MigrantInnen sich in ihrer Mentalität seit ihrer Auswanderung kaum geändert hätten. Sie denken, fühlen und handeln nämlich so, wie KoreanerInnen aus den 60er und 70er Jahren.“ Als ob die Zeit für sie stehen geblieben wäre. Ein negativer Zungenschlag war ihr dabei deutlich anzumerken: Unzeitgemäss, altmodisch, zurückgeblieben und konservativ! Weil Aussagen über die Erste Generation auch Aussagen über meine Eltern bedeuten, war ich im ersten Augenblick etwas betroffen. Dann überlegte ich kurz und fragte meinen Vater, was er von dieser Aussage halte. Überraschenderweise stimmte er ihr voll zu. Es stimme doch, dass die EmigrantInnen mit einem Bild vom armen Korea der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrtausends leben und die raschen Veränderungen in Korea seit dem gar nicht mitbekommen. Abgeschnitten und unberührt von dieser Dynamik stellen sie den konservatorischen Rest der Vergangenheit dar. Ja, ethnographische Studien könnten hier durchgeführt werden, um Erkenntnisse über die Vergangenheit in Korea zu gewinnen. Ich denke, die Schriftstellerin hat es sogar getan und die Ergebnisse in Form eines Romans veröffentlicht.
Wenn sich Fremd- und Eigenwahrnehmung in der Art identisch zeigen, muss ich da mein kleines Unbehagen überhaupt anmelden? Es mag sein, dass das Verhältnis der MigrantInnen zu Korea von den Jahren vor ihrer Emigration geprägt sind, dass sie die „komprimierte“ Modernisierung seit den 70er Jahren nicht mehr hautnah mitbekommen haben, ja, dass da über die Zeit eine gewisse Entfremdung zur Heimat eingetreten ist. Ich frage mich jedoch: Haben sich die koreanischen MigrantInnen wirklich in einer Art Aufzugfahrt auf der Zeitleiste nach oben bewegt, ohne sich dabei selbst zu verändern? Es kommen Zweifel auf.
Schauen wir uns die Arbeit der Krankenschwestern an. Jedem, der je ein Krankenhaus in Korea besucht hat, wird nicht entgangen sein, dass die Krankenschwestern dort sehr jung sind. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Tätigkeit als Krankenschwester allgemein als ein vorehelicher Beruf angesehen wird. Heiraten die Frauen, so verlassen sie das Krankenhaus und werden Hausfrau. Im Fall der koreanischen Migrantinnen konnten sie aufgrund der aufenthaltsrechtlichen Probleme die Arbeit nicht kündigen. So arbeiteten und arbeiten viele noch bis zum Rentenalter im Krankenhaus. Abgesehen davon, dass die Verknüpfung des Aufenthaltsrechts mit dem Arbeitsrecht ein migrationspolitisches Unrecht war, welches nur die KoreanerInnen in der Weise traf, stellt die Arbeit der Frau einen hohen emanzipatorischen Faktor dar. Statistisch gesehen haben die Migrantinnen bereits in den 60er und 70er Jahren eine Erwerbsquote erreicht und beibehalten, wie sie die Frauen in Korea bis heute nicht aufweisen können. Und die migrantischen Männer haben zu diesem Zeitpunkt bereits den doppelverdienenden Haushalt akzeptiert und praktiziert und die ökonomische Selbständigkeit der Frauen (auch weil sie darauf angewiesen waren) begrüsst, als die Koreaner sich noch in der Hochphase des patriarchalischen Alleinverdiener-Haushalts vergnügten und die räumliche Trennung von Aussen und Innen auch geschlechtsspezifisch fest verankerten. Der Wandel dieser traditionellen Rollenstereotype hat jedoch nicht zwangsläufig zentrale gesellschaftliche Antagonismen aufgehoben.
Darüber hinaus hat die Migrationserfahrung die koreanischen MigrantInnen sehr früh politisiert. Bereits knapp ein Jahr nach Beginn der Anwerbung der koreanischen Bergarbeiter Mitte der 60er Jahre haben die koreanischen Kumpel kollektiv wilde Streiks initiiert, in denen sie gegen lohnpolitische Ungerechtigkeit, gegen schlechte Arbeitsbedingungen und gegen Ausländerfeindlichkeit protestierten. Solche wilden Streiks mit gleichen Forderungen wiederholten sich in den 70er Jahren. Man kann auch nicht oft genug betonen, dass die koreanischen MigrantInnen in Deutschland vor der Wende unter den ArbeitsmigrantInnen die einzige ethnische Gemeinschaft darstellen, die ihr Aufenthalts- und Arbeitsrecht kollektiv erkämpft hat. Mit Unterstützung der deutschen Öffentlichkeit erwirkten die Krankenschwestern 1977 und die Bergarbeiter 1980 eine Durchsetzung ihrer Ziele. Durch diese Politisierungserfahrungen wurden ihre Blicke auch für die politischen Verhältnisse in Korea geschärft, weshalb manche Gruppen in einer transnationalen Konstellation für die Demokratisierung Südkoreas und die Vereinigung Koreas verstärkt in den 1980er und 1990er Jahren eingetreten sind.
Nicht zuletzt haben die MigrantInnen gelernt und es verstanden, in einer mulitethnischen Gesellschaft mit verschiedenen Religionen und Kulturen zu leben und sich gegenseitig zu respektieren. Dabei standen jedoch Solidarisierungen mit anderen MigrantInnengruppen nicht immer im Vordergrund. Bei manchen ist sogar von selbst eine hierarchisierende Auffassung als die „besseren“ MigrantInnen anzutreffen. Insgesamt aber ist die Beziehung sowohl zur Mehrheitsgesellschaft als auch zu anderen MigrantInnengruppen sehr konfliktarm zu bezeichnen. Der hohe Grad an Selbstorganisation der koreanischen MigrantInnen, ihre Vernetzung und ein zentraler Dachverband sind auffällige Merkmale. Dass solche starken ethnischen Gemeinschaftsbildungen eine überwiegend harmonische Integration in die deutsche Gesellschaft ermöglichten, wird selten gesehen. Eine neu im Entstehen begriffene multiethnische Gesellschaft in Korea könnte von den Erfahrungen der koreanischen MigrantInnen viel lernen. Nach meinem Kenntnisstand sind bereits einige Personen darum bemüht, ihre deutschen Migrationserfahrungen in Korea konstruktiv einzubringen.
Hier sehen wir also, dass auf der Ebene der weiblichen Erwerbstätigkeit, der familiären Haushaltsstruktur, der Politisierung und der gesellschaftlichen Situierung in einer multiethnischen Gesellschaft ein grosser Wandel – ja, eine stille Revolution im Leben der koreanischen MigrantInnen eingetreten ist. In vielen Dingen sind sie ihren Landsmännern und –frauen daheim um Einiges voraus. Die Lebensweise und Mentalität mussten sich radikal wandeln, um sich in der neuen Umgebung und Situation zurecht zu finden und sich durchzuschlagen. Wie kann man angesichts solcher Tatsachen noch behaupten, die koreanischen MigrantInnen hätten sich kaum gewandelt, ihre Mentalität hätte sich nicht geändert?
Meine kurzen Gedanken sollen nicht als Heroisierung oder Glorifizierung der koreanischen MigrantInnen missverstanden werden. Natürlich haben sie ebenso ihre Probleme und Schwächen. Und auch wir haben unsere eigenen Differenzen mit der Ersten Generation. Nur die Sicht der koreanischen Schriftstellerin, die in den MigrantInnen ihre schon längst überwunden geglaubten alten Zeiten wiederzuerkennen meint, schien mir zu einseitig. Es ist bedenklich, wenn solche Diskurse soweit von den MigrantInnen verinnerlicht werden, dass sie selbst die Realität verzerrt wahrnehmen. Ein wenig Gerechtigkeit sollte ihnen schon widerfahren. Und das kulturelle Gedächtnis der koreanischen Migrationsgeschichte in Deutschland sollte am wenigsten von den sogenannten Intellektuellen in Korea bestimmt werden.
In den Aufzügen der Schächte in Ruhrkohlengruben fahren schon längst keine Koreaner mehr mit. Die Gegenwart der MigrantInnen ist jedoch noch so nah, dass sie nicht in der Vergangenheit schwelgen können. Doch das tägliche Ermahnen und Glückwünschen hallt heute noch in den Ohren nach: Glückauf! Es ist ihnen dieses von ganzem Herzen zu wünschen.
You Jae Lee ist Historiker und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, ab 2008 an der Universität Bonn