Ein fragendes Maikind in Deutschland

Der Monat Mai ist in Deutschland aufgrund des Jahreszeitenwechsels und seiner vielen Feiertage im Allgemeinen ein beliebter Monat, einige Deutsch-Koreaner sehen diesem Monat aber auch aus einem ganz anderen Grund entgegen. Seit annähernd drei Jahrzehnten treffen sich alljährlich Deutsch-KoreanerInnen und Korea-Interessierte an einem Wochenende im Mai zur 18. Mai-Veranstaltung, auch bekannt als Minjungjae (Feier des Volkes), um den Opfern eines mit Einsatz des Militärs gewaltsam niedergeschlagenen Aufstandes in Gwangju am 18. Mai 1980 und mit ihnen allen Leidtragenden der Geschichte der Demokratiebewegung in Südkorea zu gedenken. Für ein Wochenende im Mai treffen sich hier Menschen, um sich über aktuelle politische Geschehen in Korea auszutauschen, ihr gesellschafts-politisches Engagement zu verlinken und sich jedes Jahr aufs Neue den Anfangspunkt ihres Aktiv-Werdens ins Bewusstsein zu rufen.

Die meisten der hier zusammenkommenden MigrationskoreanerInnen der ersten Generation verstehen ihr politisches Interesse und Handeln in einer Traditition der Widerstandsbewegung gegen eine diktatorische Militärregierung in Südkorea. Für sie bedeutete die blutige Konfrontation zwischen dem damals sogenannten „neuen Militär“ der gerade durch einen Putsch an die Macht gekommenen Chun-Doo Hwan Regierung und den Aufständischen in Gwangju ein Trauma, verbunden mit ungläubigem Entsetzen, Wut, einer tiefen Traur und Scham.

Viele von ihnen lebten und arbeiteten bereits seit mehr als 10 Jahren in Deutschland, sie hatten sich tagtäglich mit der neuen Sprache, den ungewohnten und harten Bedingungen am Arbeitsplatz und im alltäglichen Leben auseinandersetzen müssen. Allmählich hatten Einzelne begonnen, sich gegen Vorurteile und Diskriminierungen erfolgreich zu organisieren. Als ein Beispiel des aktiven politischen Wirkens von koreanischen „Gastarbeitern“ in Deutschland wird die erfolgreiche Verhinderung einer Zwangrückführung von Krankenschwestern aus Korea im Jahre 1978 durch Mobilisierung der koreanischen Gruppierungen und Ansprache der allgemeinen Öffentlichkeit in Deutschland gesehen. Dieser Prozess der Politisierung in Deutschland führte dazu, dass man sich auch mit der gesellschaftlichen und politischen Situation in Korea auseinander zu setzen begann. Doch erst die Nachricht von den Ereignissen in Gwangju im Mai 1980 bewegte die gesamte Erste Generation in der Deutsch-Koreanischen Community und löste heftige Diskussionen in ihr aus. So übertrug die Demokratiebewegung in Südkorea auf die koreanische Community in Deutschland ein, um eine Deutschkoreanerin der ersten Generation zu zitieren, „Feuer im Herzen“. Die Mehrheit der hier in Deutschland politisch aktiven Organisationen von MigrationskoreanerInnen wurde in den Folgejahren gegründet.

Aus den vernetzten AktivistInnen wurden Freunde und Engverbundene und die alljährliche Mai-Veranstaltung (seit mehr als 10 Jahren fast schon traditionellerweise im Familienferienheim Teutoburg in Bielefeld) hat neben ernsthaften Auseinandersetzungen und Diskussionen auch immer mehr eine freudige, festliche Atmosphäre einer Riesen-Familien-Feier im wahrsten Sinne des Wortes angenommen, denn mit den Jahren waren da auch immer mehr Kinder dabei, die man das Wochenende nicht allein zu Hause lassen konnte.

So wuchsen die ersten „Maikinder“ heran, Deutsch-KoreanerInnen und Gleichgesinnte, die sich seit Beginn der 90er Jahre parallel zu der Mai-Veranstaltung „der Ersten Generation“ zu einem „deutschlandweiten Jugendseminar der Zweiten Generation“ zusammenfanden, um ihren Kenntnisstand über die gesellschaftliche und politische Lage in Korea zu erweitern und um einen Austausch über Fragestellungen einer Minderheitengruppe hier in Deutschland zu ermöglichen.

Auch in solch einer sich alljährlich neu zusammensetzenden heterogenen Gruppe entwickelt sich mit den Jahren eine Homogenität, ein innerer Kern und damit stellte sich auch immer häufiger die Frage, ob es nicht viel mehr politisch interessierte und gesellschaftlich engagierte Menschen mit koreanischem Migrationshintergrund in Deutschland geben müsste, die auf ihre Art und Weise „Maikinder“ sind, natürlich mit einer anderen Geschichte ihrer Politisierung, mit einer anderen Bezeichnung, aber ebenso fragend und ihre Situation in Deutschland kritisch reflektierend und auseinandersetzend. Doch trotz der vielen Gruppen und Organisationen von Deutsch-KoreanerInnen der Zweiten Generation (auch als „Isae“ bezeichnet), deren Anzahl und Aktivitäten seit dem Beginn der 1990er Jahre in Deutschland immer mehr zunehmen, sehe ich in keiner dieser Gruppen eine wirkliche Bestärkung meiner gesellschaftlichen Situation als „deutsche Bildungsinländerin mit (koreanischem) Migrationshintergrund“. Vielmehr muss ich sogar mit Beklemmung feststellen, dass viele dieser Gruppen und „Networks“ meiner Beobachtungen nach oft sehr homogen strukturiert sind und bei einer reinen Ethnizitätspflege mit typisierten Zuschreibungen stagnieren und stark ausschliessende Mechanismen in sich tragen. Deutsch-KoreanerInnen, die bestimmten Vorstellungen, wie „Isaes“ zu sein haben, nicht entsprechen, werden ebenso ausgeschlossen wie „Yuhaksengs“ (koreanische Auslandsstudenten) und adoptierte KoreanerInnen, die sich bezeichnenderweise selbst in weiteren Gruppen organisieren. Zwischen diesen verschiedenen Gruppierungen scheint es immer wieder Versuche zu geben, gemeinsame Zielsetzungen zu finden, doch sind sie im Grunde allein darauf begründet, dass man (in den meisten Fällen aufgrund seiner Physiognomie) einen persönlichen Bezug zu Korea hat. Das Jugendseminar der Mai-Veranstaltung ist bislang der einzig wirkliche „Raum“ innerhalb der deutsch-koreanischen Community, wo sozial-politische Fragen und Problematiken bezogen auf unser aller Leben hier in Deutschland als AuslandskoreanerInnen/ Deutsch-KoreanerInnen und damit auch als AusländerInnen/ MigrantInnen möglich und willkommen sind.

Inzwischen ist die Mehrheit der sogenannten „Zweiten Generation“ in Deutschland zwischen 20 und 30 Jahre alt und steht damit vor dem Eintritt in gesellschaftliche und politische Wirkungsfelder in Deutschland, die Fragen aufwerfen, die weit über eine reine Identitätsthematik „KoreanerInnen in Deutschland“ hinausgehen. Anders als bei der ersten Generation von Deutsch-KoreanerInnen, die in der Mehrheit als GastarbeiterInnen nach Deutschland kamen, wird die zweite Generation aufgrund des überdurchschnittlich hohen Bildungsstandes und den angestrebten, überwiegend akademisch geprägten Berufsbildern oft als eines der positiven Beispiele für eine mögliche erfolgreiche Integration in Deutschland angeführt. Sie selbst haben meist keine Erfahrung mit Problemen betreffend aufenthaltsrechtlichen Fragen in Deutschland und von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen haben sie nicht die Schwierigkeiten aufgrund von sogenannten sprachlichen oder bildungsrelevanten Defiziten, wie ZweitgenerationsmigrantInnen anderer Herkunft oft vorgehalten wird.

Doch in einer Gesellschaft integriert zu sein, bedeutet für mich als ein Maikind nicht, dass es reicht, von der Mehrheit einer Gesellschaft Akzeptanz und Annerkennung zu erfahren. Vielmehr strebe ich mit meiner Integration hier in die deutsche Gesellschaft eine Mitbestimmung und aktive Mitgestaltung in einem demokratischen Staat an, der mir und all den anderen Mitgliedern dieser Gesellschaft politische und religiöse Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz verspricht. Demokratie, Gerechtigkeit, sozialer Frieden und Wohlstand wird nicht von einem Staat gemacht und wir Menschen leben darin, sie sind vielmehr wandelbare, fliessende Prozesse, die jeder von uns hier in Deutschland lebenden Mitgliedern dieser Gesellschaft gestalten können sollte.

Umso dringlicher möchte ich die Frage an alle Mitglieder der deutsch-koreanische Community richten: Warum habe ich bei so vielen VertreterInnen der Deutsch-Koreanischen Community das Gefühl von Scheuklappen? Weshalb ist ein Gefühl von Solidarität fast ausschliessliche auf den Aspekt „Verbesserung von Karrierechancen von Isae“ ausgerichtet? Weshalb empfinden so viele die Deutsch-Koreanische Community als einengend und verbarrikadiert? Wo bleibt bei der Zweiten Generation die Offenheit und der Weitblick, um den Mai einzulassen und in einem Austausch mit engagierten und kritischen Stimmen unsere Gesellschaft hier in Deutschland zu gestalten?

Ist es nicht längst an der Zeit dafür, fragt ein Maikind koreanischer Herkunft, hier in Deutschland.

Mai-Veranstaltung 2007, in Berlin vom 24. – 27.05.2007

Die Autorin Shin Hyo-Jin studierte Musik und Biologie an der Freien Universität Berlin und der Universität der Künste, Tätigkeitsbereich: Kulturvermittlung und Interkulturelle Musikpädagogik

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