Oftmals sind es bereits die ersten Einstellungen eines Films, die über die Qualität des Folgenden schon entscheiden: In ‘The Host’, des erst dritten Films des koreanischen Regisseurs Bong Joon-Ho ist schon die Eröffnungsseqünz brilliant aufgelöst: Man sieht die Totale eines düsteren Labors: zwei Männer in weissen Kitteln befinden sich im Raum. Die Bildkomposition verstärkt die Distanz zwischen den beiden Männern. Der ältere Mann, offensichtlich ein amerikanischer Wissenschaftler, befielt dem Jüngeren, offensichtlich sein koreanischer Assistent, die Reste einer toxischen Substanz in den Abfluss zu kippen. Der Assistent meldet leise Zweifel an, beugt sich aber schliesslich doch der Autorität seines Chefs. In einer meisterlichen Überblendung geht die Parallelfahrt der Kamera über die unzähligen Giftflaschen in den Wasserstrom des Han-Flusses. Diese Überblendung birgt die Geburt eines Monsters, das auch der koreanische Orginaltitel direkt beim Namen nennt: Gwoemul!
Dieses Monster ist eine grünlich-glibbriges Mischwesen aus Fisch, Frosch und Alien und beherrscht alle Bewegungsarten von Rennen, Hechten, Schwimmen bis Tauchen. Ohne grosse erzählerische Vorbereitung springt der Film von der Eingangseqünz im Labor direkt zu der ersten spektakulären Attacke des menschenfressenden Monsters.
Von Anfang an verortet sich der Film also in einem Spannungsfeld zwischen Special-Effect-lastigem Blockbuster-Kino und politischer Allegorie. Diesen schwierigen Spagat schafft im zeitgenössischen koreanischen Kino zur Zeit wohl nur Bong Joon-Ho. Der 1969 geborene Regisseur ist im US-amerikanischen Genrekino geschult, verwebt aber immer einen politischen Subtext in diese populäre Form. Alle seine Filme sind somit immer auch Reflexionen über die geopolitische Situation Koreas.
Bereits sein vorangegangener Film ‘Memories of Murder’, der auf einer ungeklärten Mordserie in der koreanischen Provinz basiert, fängt das historische Klima der 80er Jahre mit ungeheurer Präzision ein. Alkoholexzesse, Machismo und debile Polizisten, die auf Demonstrationen linke Studenten verprügeln fügen sich zu einem Porträt einer depravierten Provinz, die dem Dritte Welt Status noch nicht ganz entrungen ist. In schmutzigen Bildern zeichnet Bong Joon-Ho hier die zerrissene Situation einer Gesellschaft zwischen diktatorisch forcierter Modernisierung und argraischer Rückständigkeit. Im Gewande eines Serial-Killer Films leistet ‘Memories of Murder’ Erinnerungsarbeit an einem historischen Trauma. Das dieses Trauma noch längst nicht überwunden ist, macht die zeitliche Rahmung der Erzählung deutlich: Der Film spielt in den 80er Jahren, endet aber in der Gegenwart. Der vom koreanischen Star Song Kang-Ho gespielte Polizist kehrt nach über zwanzig Jahren zufällig zum Schauplatz der ungeklärten Verbrechen zurück und wird von seinen Erinnerungen überwältigt. Der Film endet mit der Grossaufnahme eines zutiefst affizierten Gesichts, das wieder von den Gespenstern der Vergangenheit heimgesucht wird.
Auch in ‘The Host’ spielt der Song Kang-Ho die Hauptrolle, seine expressive Präsenz ordnet sich hier jedoch vielmehr einem schauspielerischen Ensemble unter. Das liegt vor allem daran, dass ‘The Host’ in erster Linie als klassisches Familiendrama erzählt wird. Die Tochter des etwas einfältigen Kang wird vom Monster mitgerissen und gilt fortan als tot. Als sich herausstellt, dass sie noch immer lebt, starten Kang, sein Vater und seine beiden Geschwister eine grossangelegte Suchaktion. Mittlerweile haben die US-amerikanischen Behörden das Gerücht von einem Virus in Umlauf gebracht, das vom Monster übertragen werde. In eingeschnitten Fernsehbildern zeigt Bong Joon-Ho die paranoide Produktion einer medialen Kultur der Angst, die der Rechtfertigung eines kriegerischen Ausnahmezustands dient. Das US-Militär erwägt den Einsatzes eines bakteriologischen Gases mit dem Namen ‘Agent Orange’ gegen die vermeintlich infizierte Zivilbevölkerung. Der Familie gelingt es aber der Quarantäne zu entfliehen.
Strukturell ähnelt ‘The Host’ nicht zuletzt seiner eigener Kreatur, als das er selbst eine Hybrid verschiedener Genres ist: Komödie, Melodram und Horror mutieren hier unentwegt ineinander. Diese Ästhetik des Hybriden kulminiert in einem grandiosen Finale, in der Bong Joon-Ho seine ganze filmische Virtuosität entfaltet:
Im Gasnebel des ‘Agent Orange’ kommt es zum endgültigen Showdown zwischen der Familie Park und dem Monster. Statt mit Feuerwaffen wird das Monster nun mit Molotow-Cocktails und Pfeil und Bogen bekämpft. Die ikongraphische Anspielung an die gewaltsamen Studentenproteste der jüngsten koreanischen Vergangenheit ist in diesen Bildern überdeutlich, und dennoch die ist Stilisierung der Action als opernhafter Zeitlupen-Rausch reinstes Bewegungskino um seiner selbst willen. Diese allegorische Vielschichtigkeit macht aus ‘The Host’ weitaus mehr als das US-kritische Pamphlet, als das manche Kritiker den Film missverstanden haben. In Korea war ‘The Host’ ein gigantischer Publikumserfolg. Man kann nur hoffen, dass diese rare Form von intelligentem Blockbuster-Kino auch in Deutschland sein Publikum findet. Nach seiner Prämiere auf dem Filmfestival in Cannes in letzten Jahr, läuft der Film nun mit einiger Verspätung am 15. März in den Kinos an.
Der Schlaf der Vernunft gebiert Monstren…
Sulgi Lie ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Filmwissenschaft der FU Berlin und Filmkritiker für das koreanische Online-Filmmagazins „ncorea“