EU sucht: tuerkisch, maennlich, jung…

Als Mitarbeiterin des „Bundes gegen ethnische Diskriminierung“ erreicht mich vor ein paar Wochen eine Anfrage der Organisatoren des „Europaeischen Jahrs der Chancengleichheit fuer alle 2007“. Das Europaeische Jahr, das am 30. Januar feierlich eroeffnet wurde, wird von der EU-Kommission als „Herzstueck“ einer Strategie ausgerufen, um die Antidiskriminierungsbestimmungen sicher zu stellen, Vielfalt als positiven Wert zu vermitteln und Chancengleichheit fuer alle zu foerdern. Die Organisatoren in Bonn wollten nun von mir wissen, ob ich einen jungen maennlichen Deutschen, tuerkischer Abstammung (15-25 Jahren) kennen wuerde, der bereit waere, bei der Eroeffnungskonferenz in Berlin an einem Podium teilzunehmen, um von seinen eigenen Diskriminierungserfahrungen zu sprechen. Die Anfrage machte mich etwas stutzig. Warum wird denn ausgerechnet ein junger maennlicher Deutsch-Tuerke gesucht? Warum darf nicht eine Deutsch-Koreanerin sprechen? Ich erhielt als Antwort, dass es ein ausdruecklicher Wunsch Bruessels sei, dass auf dem Podium eine gewisse „Repraesentanz“ bestehe, d.h. aus Frankreich soll ein Jugendlicher mit maghrebinischer Abstammung vertreten sein, aus Deutschland halt ein deutsch-tuerkischer Jugendlicher etc.

Oh je! Da faengt ja aber das „Europaeische Jahr der Chancengleichheit fuer alle“ gut an, wenn schon im Vorfeld diskriminiert wird und Vorurteile bedient werden! Nicht nur dass viele der tuerkischen Staatsbuerger kurdischer Abstammung sind und die tuerkische Community nur 20% der deutschen Einwanderungsgesellschaft wiederspiegelt, so dass von einer gewissen „Repraesentanz“ also nicht gesprochen werden kann – die Organisatoren des Europaeischen Jahres forcieren eine weitere Stereotypisierung der Einwanderungsgesellschaft (maennlich, jung, tuerkisch), anstatt das Jahr effektiv dazu zu nutzen, die Vielfalt der MigrantInnen und people of color in Europa zu portraetieren. Gerade an solchen Beispielen zeigt sich die Problematik, wenn Personen, die selbst nicht von den Themen Diskriminierung, vor allem aus ethnischen Gruenden oder aus Gruenden der Hautfarbe, betroffen sind, ueber diese Themen reden und entscheiden. Man stelle sich das vor: Auf einer Buehne stehen zehn junge EuropaeerInnen mit Migrationshintergrund und erzaehlen 450 weissen Regierungs-und VerbandsvertreterInnen von ihren Diskriminierungserfahrungen – das hat doch etwas von einer Schausteller-Atmosphaere.

Selbstkritisch bemerkte auch Joachim Ott von der Generaldirektion Beschaeftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit der Europaeischen Kommission auf einer Tagung der Gruenen zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), dass die Beamten in Bruessel zwar uneingeschraenkte Verfechter von Chancengleichheit und Antidiskriminierung sind, jedoch, wenn man sich die Kollegen anschaut, die grosse Mehrheit weiss, maennlich, heterosexuell und zwischen vierzig und fuenfzig Jahren alt ist.

Sera Choi studierte Geschichte, Politik- und Wirtschaftswissenschaften und engagiert sich fuer den ‘Bund gegen ethnische Diskriminierung’ (BDB e.V. www.bdb-germany.de) in der Antidiskriminierungsarbeit, Migration- und Integrationspolitik.

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